Stirbt die deutsche Schäferei aus?

Schäfer Frank Hahnel mit seinem Sohn und seiner Auszubildenden vor seiner Schafsherde. [Foto: Florence Schulz]

Deutschen Schäfern geht es finanziell schlecht, seit die Bundesregierung 2005 die Muttertierprämie strich. In den meisten anderen EU-Ländern gibt es sie noch. Immer wieder protestieren Schäfer, denn Deutschland könnte die Prämie jederzeit wieder einführen.

Frank Hahnel ist Schäfer aus Leidenschaft. Ob wohl er eigentlich nicht vom Land kommt, sondern Berliner ist, wusste er schon als kleiner Junge, dass er später Schafe hüten wollte. Heutzutage klingt er betrübt, wenn er über seinen Beruf spricht. “Von der Schäferei kann man überhaupt nicht mehr leben. Die Arbeit ist viel zu viel und der Ertrag reicht bei Weitem nicht”, sagt er, als er in seiner traditionellen Hirtentracht, einer mit drei Knopfreihen bestickten Weste und einem Hut mit Krempe, über seinen Hof zum Haus läuft.

Nächstes Jahr wird sein Sohn selber in die Schäferlehre gehen, die drei anderen Kinder haben keine Zukunftsperspektive in der Schäferei gesehen. Die ohnehin stark dezimierte Branche droht, am Generationswechsel zugrunde zu gehen. „Unsere Betriebe sind überaltet und in der Regel gibt es keine Nachfolger. Die Kinder sehen nur, dass die Eltern den ganzen Tag arbeiten und nicht viel dabei herauskommt“, sagt Hahnel.

Weniger Direktzahlungen für Landwirte? „Dann müsste ich sofort Insolvenz anmelden“

Die Kommission wünscht sich eine Kappung der GAP-Direktzahlungen ab 100.000 Euro. Das stellt besonders große, konventionelle Landwirtschaftsbetriebe vor existentielle Probleme. Denn der Schritt hin zu mehr Umweltschutz ist nicht immer einfach.

Das zeigt sich auch in der Statistik. 2016 gab es in Deutschland 13 Prozent weniger Schäferreibetriebe als noch sechs Jahre zuvor, gibt das Statistische Bundesamt an. Insgesamt waren es noch 989 Schäfereien im ganzen Land. Das Problem der Schäfer sind die niedrigen Preise, die sie für ihre Produkte erhalten. Für ein Kilo Wolle erhält Schäfer Hahnel derzeit 1,30 Euro. Das sei noch gut, Kollegen mit schlechterer Wollqualität kämen nur auf 40 Cent. Ein Kilo lebendes Lamm bringt ihm nicht einmal zwei Euro ein. „Wir bekommen dieselben Preise wir vor 30 Jahren, aber die Kosten sind deutlich gestiegen. Die Lohnkosten, die Betriebskosten, der Tierarzt, alles ist teurer geworden.“ Die Konkurrenz kommt aus dem Ausland. Es ist noch immer günstiger, Fleisch und Wolle aus Australien oder Neuseeland einzufliegen, als sie im eigenen Land zu produzieren. Deutschland deckt nur 45 Prozent der eigenen Schafs- und Lammfleischproduktion selber, in der übrigen EU sind es laut Eurostat 83 Prozent.

Plötzlich 53.000 Euro weniger im Jahr

Bei einer Tasse Kaffee in seiner Küche erzählt Hahnel, dass er wie fast alle andere Landwirte längst nicht mehr ohne Zuschüsse aus Brüssel leben könnte. Die Direktzahlungen, die er für seine 270 Hektar Land erhält, machen rund 60 Prozent seines Einkommens aus. Das ist ein Problem. Nicht nur, weil seine eigentliche Arbeit als Schäfer nur 40 Prozent seines Einkommens generiert. Sondern auch, weil das Geld bei Weitem nicht ausreicht. Vor 30 Jahren, als er sich als Schäfer selbstständig machte, erhielt er noch eine Muttertierprämie von der Bundesregierung, also einen festen Betrag pro Tier. „Damals hatte ich 1.900 Muttertiere, für die habe ich viel mehr Geld bekommen als heute für meine Hektare. Aber dann hat Deutschland die Muttertierprämie 2005 abgeschafft. Dadurch hatte ich auf einen Schlag 53.000 Euro weniger im Jahr. Ich musste zwei Personen entlassen und die Schafe reduzieren“. Heute besitzt Hahnel noch 560 Mutterschafe, Angestellte hat er keine mehr, dafür eine Auszubildende.

Junglandwirten wird es schwer gemacht, EU-Beihilfen in Anspruch zu nehmen

Junglandwirte, die über nichtkonventionelle Verträge Zugang zu Land erhalten haben, haben nach Angaben der Europäischen Kommission Anspruch auf EU-Fördermittel. In der Praxis sieht das jedoch anders aus.

Den deutschen Schäfern geht es seit 2005 schlechter als ihren Kollegen in anderen EU-Ländern. Damals entschied die Bundesregierung, die Mutterschafprämie vollständig durch Flächenpremiern der EU zu ersetzen. In den 22 anderen EU-Staaten mit bedeutsamer Schafszucht gibt es die Prämie noch. Den Mitgliedsstaaten steht es frei, die Gelder für landwirtschaftliche Fläche, die sie aus Brüssel erhalten, auch direkt an die Produktion von Gütern zu koppeln, die eine besondere Bedeutung für die Gesellschaft haben. Die Schäferei gehört aus Sicht der Kommission dazu.

Landwirtschaftsministerium lässt Frist Jahr um Jahr verstreichen

Seit Jahren demonstrieren Schäfer, damit Deutschland wieder auf die Muttertierprämie umstellt. Dazu müsste nur ein Antrag bei der EU-Kommission gestellt werden. Doch auch dieses Jahr ließ das Landwirtschaftsministerium die Antragsfrist wieder verstreichen. Man wolle die Zahlungen an Landwirte nicht wie in der Vergangenheit an die Produktion koppeln. Das Modell hatte früher jahrelang zu Milchseen und Butterbergen geführt, so das Argument des Ministeriums. Außerdem fehle das Geld dann an anderer Stelle bei den Flächenzahlungen. Der Berufsverband der Schäfer widerspricht: Eine Weidetierprämie stabilisiere nur die vorhandenen Tierbestände und wirke nicht produktionsfördernd.

Die Entwicklungsländer und die Kollateralschäden der EU-Agrarpolitik

Die GAP-Unterstützung für Landwirte hat negative Auswirkungen auf die Umwelt und die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern.

In den Bundesländern ist man sich der Schwierigkeiten, die das für die Schäfer mit sich bringt, bewusst. Daher sprach sich der Bundesrat im Juni dafür aus, baldmöglichst wieder eine Förderung von 30 Euro je Mutterschaf einzuführen. Dieselbe Forderung stellten vor fünf Wochen Grüne und Linke im Bundestag in einem gemeinsamen Antrag. Der Bundesverband der Berufsschäfer fordert sogar 38 pro Tier, damit Schäfer ihre Betriebe erhalten können.

Demonstriert haben sie umsonst, sagt Frank Hahnel. Auch 2020 wird es keine Muttertierprämien für Schäfer geben. Die Schäfer werden wohl trotzdem weitermachen, auch wenn sie im Schnitt weit unter Mindestlohn verdienen: „Die meisten Schäfer sind unheimliche Idealisten. Bevor die ihre Schafe aufgeben, plündern die ihr Sparbuch und gehen bis zum Äußersten.“

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.