Weniger Zwischenhändler, mehr Einkommen für Kleinbauern

Der Wegfall von Zwischenhändlern hilft vor allem Kleinbauern und dem Verbraucher. [Rebecca Sims/Flickr]

This article is part of our special report EU-Landwirte unter Druck.

Der Direktverkauf von Agrarprodukten an Verbraucher auf den regionalen Märkten kann zu faireren Einkommen in der Landwirtschaft und zur Entwicklung ländlicher Regionen führen.

Das zeigt die Entwicklung der letzten Jahre. Laut einer Studie des wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments haben im Jahr 2015 rund 15% der europäischen Bauern ihre Produkte über kurze Lieferketten direkt oder zumindest mit weniger Zwischenhändlern an die Verbraucher verkauft.

Kurze Lieferketten für Nahrungsmittel sind zum ersten Mal auch Bestandteil der europäischen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für die Jahre 2014-2020.  Auch Nahrungsmittelproduzenten können nun von verschiedenen Maßnahmen profitieren, die durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) kofinanziert werden.

Denn gerade kleine Erzeuger haben oftmals eine schwierige Verhandlungsposition gegenüber starken Partnern wie Nahrungsmittelverarbeitern, Groß- und Einzelhändlern. In einigen Fällen sind diese „Big Player“ der einzige Marktzugang für Kleinbauern und Ursache für unfaire Handelsbedingungen.

Frankreich setzt auf regionale Lebensmittel

Frankreichs Landwirte versuchen mithilfe von Direktverkäufen, kurzen Lieferketten und regionaler Landwirtschaft ihr Wachstum anzukurbeln und bedienen damit den aufstrebenden Markt für regionale Lebensmittel. EURACTIV Frankreich berichtet.

Das Europäische Parlament hat in einer Resolution vom Juni 2016 auf diese Situation hingewiesen und die Kommission zum Handeln aufgerufen.

Doch nicht nur die Politiker, auch die Verbraucher stehen auf der Seite der Kleinbauern. Laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2016 glauben vier von fünf EU-Bürgern, dass eine Stärkung der Rolle der Bauern innerhalb der Versorgungskette von Nahrungsmitteln entweder „etwas wichtig“ oder „sehr wichtig“ sei.

Vorteile und Schwächen

Die Studie des wissenschaftlichen Dienstes des Parlaments verweist darauf, dass durch den Wegfall von Zwischenhändlern ein größerer Teil des Ertrages für die Erzeuger übrigbleibt. Das führt nicht nur zu höherem Vertrauen zwischen Erzeugern und Konsumenten, sondern es entstehen dadurch auch neue Möglichkeiten, Jobs zu schaffen. Besonders in benachteiligten Regionen ist das ein wichtiger Faktor.

Mehr noch – durch den Direktverkauf auf regionalen Märkten verbessert sich der Zugang zu frischen, saisonalen Produkten für den Verbraucher und dank der geringeren Produktion und kürzerer Transportwege von lokalen Nahrungsmitteln wird die Umwelt weniger belastet.

Landwirtschaft: Schluss mit der "Exportbesessenheit"

Die EU-Kommission will die Gemeinsame Landwirtschaftspolitik (GAP) bis Ende 2017 reformieren. Die Europaabgeordneten José Bové und Éric Andrieu fordern ein Agrarsystem, das auf Gesundheit und KMUs setzt. EURACTIV-Kooperationspartner Ouest France berichtet.

Allerdings ist die Menge der Produkte kurzer Lieferketten oft begrenzt. Eine Ursache ist der Mangel an ausreichend lokaler Erzeuger, um die zunehmende Nachfrage zu befriedigen.

Zudem haben Produzenten, die mit kurzen Lieferketten arbeiten, nur begrenzte Möglichkeiten, ihr Geschäft zu erweitern. Weniger Ressourcen für Produktion, Verarbeitung und Transport als sie Großerzeugern zur Verfügung stehen und weniger Mittel für Marketing und Werbung sind einige Gründe dafür.

Eine Frage der Qualität

Dass kurze Lieferketten für gerade für Kleinbauern profitabler sind und die Endpreise für die Verbraucher kaum oder gar nicht beeinflussen, bestätigte Paolo de Castro, Mitglied der italienischen Partito Democratico und MEP (S&D-Fraktion) gegenüber EURACTIV.

Dennoch geht es in erster Linie nicht um die Preise, sondern um die Qualität im Sinne einer engeren Interaktion zwischen Bauern und Verbrauchern, so der Abgeordnete.

„Qualität heißt hier auch Gesundheit der Verbraucher und vor allem Ernährungserziehung: durch diese Form des Verkaufs bekommen Verbraucher ein viel besseres Verständnis von Saisonalität der Produkte”, so der sozialdemokratische MEP. Man solle sich auch von dem Bild verabschieden, wonach kurze Lieferketten mit Kleinbauern verbunden werden und den Großbetrieben direkt gegenüberstehen.

„Heutzutage gibt es da weniger Unterschiede […], kleine Betriebe können genauso produktiv sein wie große – wenn sie gut organisiert sind“, meint de Castro und verweist auf europäische Online-Plattformen, über die sich Bauern und Verbraucher vernetzen können.

„Intelligente, kurze Lieferketten und Unterstützung durch digitale Technologien können eine wichtige Ressource für Bauern sein. Ein Beispiel: ein italienischer Bauer hat in Brüssel ein Restaurant eröffnet, in dem Sie Produkte von seinem Hof serviert bekommen. Sie essen zwar nicht direkt auf dem Hof, aber es ist dennoch eine kurze Versorgungskette,“ so de Castro.

EU-Handel mit Agrarprodukten und Lebensmitteln

Der Welthandel zeichnet sich stets durch Höhen und Tiefen aus. Die entsprechenden Statistiken sind oft nur schwer zu deuten. EURACTIV-Kooperationspartner EFE-Agro hat mit dieser Infografik eine schematische Darstellung des EU-Handels erstellt und dabei den Schwerpunkt auf Spaniens Beitrag gelegt.

Alle nicht neu 

Genevieve Savigny, Politikberaterin des europäischen Koordinations-Kommittees „Via Campesina“, stellt heraus, dass kurze Lieferketten für Nahrungsmittel keine neue Erfindung sind.

Früher wurden so Produktions-Überschüsse der Höfe verkauft. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich neue Formen entwickelt, wie das Konzept der solidarischen Landwirtschaft mit Hofläden und kurzen Versorgungswegen zwischen Bauern und öffentlichen Kantinen.

Savigny stammt aus der Provence, wo 30% der Landwirtschaftsbetriebe zumindest einen Teil ihrer Produkte verkaufen. Dennoch ist die Region autark in der Lebensmittelversorgung. „Wir haben alles; Honig, Ziegenkäse, Brot, Obst, Marmelade, Eingemachtes […] Ich persönlich verkaufe zum Beispiel 3.000 Hühner jährlich auf dem lokalen Markt,“ erzählt Savigny.

Für die französische Landwirtin ist dies eine Win-win-Situation: die Verbraucher bekommen gute, frische Produkte zu einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis, und die Erzeuger erzielen einen viel besseren Preis, als wenn sie an Einzelhändler verkaufen würden.

„Es geht darum, im direkten Kontakt mit den Konsumenten zu sein, eine echte Marktwirtschaft zu haben, und dass die Verbraucher Qualität nachfragen, sprich: Bio-Landwirtschaft, Frische und Geschmack,“ fügt sie hinzu.

Es fehlt an einer globalen Lösung 

Auch Pekka Pesonen, Generalsekretär von Copa-Cogeca, dem Verband der europäischen Bauern und Agrargenossenschaften, hält kurze Versorgungswege für ein gutes Konzept.

„In manchen Fällen kann dieses Konzept zu einem besseren Leben führen und eine gewisse Sicherheit für Bauern bieten,” sagt er. Zudem könnten lokale Produkte an die Nachfrage der lokalen Konsumenten angepasst werden.

Allerdings sei das Konzept keine „globale Lösung“.

„Das Nahrungsmittel-Versorgungssystem der EU ist komplex und deshalb sollten wir auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, um unfaire Bedingungen zu bekämpfen – zum Beispiel eine Verkürzung der Zahlungsfristen.“

*Unter Mitarbeit von Hannah Black.

Der sozialdemokratische MEP Paolo de Castro (S&D-Fraktion) unterstrich, dass „das Konzept der kurzen Versorgungskette in drei Dimensionen funktioniert: geografisch, sozial und wirtschaftlich. Wir sollten bedenken, dass kurze Lieferketten sich nicht AUSSCHLIESSLICH auf die geografische Komponente beschränken. Es gibt weitere Möglichkeiten, kurze Lieferketten intelligent zu fördern und zu nutzen, auch wenn die Transportwege gleich null sind. Wir müssen uns davon verabschieden, bei kurzen Lieferketten nur an die räumliche Dimension zu denken: das Konzept kurze Versorgungskette beinhaltet alles, was dazu beiträgt, dass sich Verbraucher und Bauern trotz räumlicher Distanz näherkommen.“

„Dabei darf man die kurzen Lieferketten von Bauern in Subsistenzwirtschaft, die ihre Produkte nicht verkaufen, nicht als Wirtschaftsmodell begreifen; dies ist ein ideologisches Modell. Wenn kurze Lieferketten aber als Vertriebsanlage angesehen und aufgebaut werden, könnte dieses Modell ein zunehmend natürlicher Teil eines Geschäftsmodells der Farm der Zukunft werden”, so de Castro.

Eric Gall, stellvertretender Leiter und Policy Manager bei IFOAM EU, sagte EURACTIV.com: „Bio-Landwirte waren die Pioniere der kurzen Lieferketten, von der Gründung von Erzeugermärkten und Hofläden hin zu solidarischer Landwirtschaft. Kurze Lieferketten helfen dabei, dass sich Erzeuger und Verbraucher wieder näherkommen. Außerdem werden gerechtere Preise für Beschäftigte in der Landwirtschaft erzielt. Das Wachstum der Bio-Landwirtschaft geht oftmals einher mit wachsendem Interesse der Verbraucher, Kommunen und Regionen am Kauf saisonaler Produkte.“

„Der Bio-Sektor hat in den vergangenen Jahren auch erheblich zur umweltfreundlichen Beschaffung beigetragen. Es gibt Beispiele, wo die Produktion von Bio-Produkten in Kombination mit langfristigen Partnerschaften die regionale Produktion und kürzere Lieferketten begünstigt hat. Die schwedische Stadt Malmö hat das Ziel, bis zum Jahr 2020 alle ihre Institutionen mit Lebensmitteln aus 100% Bio-Produktion zu versorgen. Die Stadt Kopenhagen erreichte bereits im Jahr 2015 einen Stand von 90% Bio-Produkten, dank Fokus auf ausgeglichenerer Ernährung auf Bio-Basis, der Finanzierung dieser Umstellung und Weiterbildung für die Mitarbeiter der öffentlichen Kantinen. Ein weiteres Beispiel ist eine große öffentliche Kantine in der Nähe von Bordeaux, bei der 30% der verwendeten Produkte bio sind,” erklärte Gall.

Genevieve Savigny, Politikberaterin des europäischen Koordinations-Komitees Via Campesina, kommentierte, dass es „nicht so scheint, als wenn diese Art der Landwirtschaft tatsächlich die wachsende Konzentration der Agro-Food-Industrie ausgleichen könnte. Es sieht so aus, als ob es für die Landwirtschaft zwei entgegengesetzte Möglichkeiten gibt: Industrialisierung, Investitionen und Wachstum, oder alternativ Produktion für den lokalen Markt mit zusätzlichen Vorteilen für Kleinbauern. Diese Situation beschert vielen mittelgroßen und auch großen Familenhöfen massive Probleme, wie wir beispielsweise im Milchprodukte- oder Rindfleischsektor sehen. Daher brauchen wir eine faire GAP, um sicherzustellen, dass Bauern angemessene Preise und Einkünfte erzielen können”.

„Für Produzenten, die direkt verkaufen, muss die GAP Investitionen in Geräte, die im Betrieb oder in der Genossenschaft genutzt werden, ermöglichen. Direkte Zahlungen sollten pro ‚aktiver Person‘ getätigt werden, nicht pro Hektar bewirtschafteter Fläche”, forderte Savigny.

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