Sind Insekten die Zukunft der EU-Lebensmittelindustrie?

Derzeit prüft die europäische Lebensmittelbehörde 21 neue Insektenprodukte für den europäischen Markt. Ist das die Zukunft? Die Branche hat jedenfalls große Pläne. [Stockcreations/ Shutterstock]

Lebensmittel aus Insekten sind bisher ein Nischenprodukt, aber sie gelten als vielversprechende Lösung für die Herausforderungen der Lebensmittelindustrie. Neue EU-Regelungen sollen den Weg für Insekten-Produkte ebnen – eine Wunderlösung sind sie aber nicht.

Mehlwürmer mit Knoblauch und Kräutergeschmack oder Buffalowürmer mit Sauerrahm und Zwiebelaroma: Seit Anfang 2019 haben Kunden der deutschen Supermarktkette Kaufland die Wahl. Auch in anderen großen Märkten tauchen europaweit aus Insekten gefertigte Lebensmittel wie Riegel, Granola, Pasta oder Burger auf. „Kunden, die Insektenlebensmittel kaufen, sind vor allem auf ein neues Ess-Erlebnis aus. Unsere Aufgabe ist es, das in Produkte zu übertragen, die zu unseren normalen Ernährungsgewohnheiten passen“, sagt Bastien Rabastens, Gründer der französischen Firma Jimini’s, die Kaufland beliefert.

Seine größte Herausforderung ist, was die Branche den „Igitt-Faktor“ nennt. Denn obwohl rund 2,5 Milliarden Menschen weltweit Insekten essen und man auch im antiken Rom durchaus Würmer zu schätzen wusste, gehören sie nicht zu den üblichen europäischen Essgewohnheiten. Je nach Studie zeigen sich die Menschen dem Thema gegenüber unterschiedlich offen. Im Rahmen einer Umfrage des Lebensmittelherstellers Veganz im vergangenen Jahr gaben immerhin 41,6 Prozent der befragten 24.000 Menschen an, dass sie durchaus Insekten essen würden, wenn sie entsprechend zubereitet werden. Dagegen kam das deutsche Meinungsforschungsunternehmen Civey zu der Erkenntnis, dass 70 Prozent der Menschen Insekten klar ablehnen; nur jeder Fünfte zog Insekten-Lebensmittel in Erwägung.

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Um die Vielbeiner den Kunden schmackhafter zu machen, arbeitet die Firma Jimini’s momentan an einem Insekten-Steak. Ist es das, was Kunden wollen? „Wir sind noch in der Entdeckungsphase. Der Markt ist so neu, dass Kunden noch keine konkreten Produktvorstellungen haben“, erklärt der Gründer Rabastens.

Insekten-Branche mit großen Plänen

Insekten sind mehr als ein neuer Foodtrend. Sie könnten Teil einer Antwort auf die Frage sein, wie im Jahr 2050 rund neun Milliarden Menschen ernährt werden sollen. Und sie könnten den weltweit steigenden Fleischkonsum abfedern. Schon 2030 wird jeder Mensch im Schnitt zehn Prozent mehr Fleisch essen als noch 2015, gibt die Ernährungsorganisation der UN an. Der steigende Fleischkonsum stellt eine massive Umweltbelastung dar – nicht nur wegen des Methanausstoßes von Milliarden von Tieren, sondern auch weil die dafür nötige Tierfutterproduktion viel Land und Wasser benötigt, die wiederum zur Lebensmitttelproduktion für Menschen fehlen.

Allein aus umwelttechnischer Sicht stellen Insekten daher eine interessante Option dar. Zwar sind auch sie auf pflanzliche Proteine wie Sojamehl angewiesen – aber sie setzen sie effizienter in Körpergewicht um als Kuh, Schwein oder Huhn. Außerdem übersteigen Insekten – je nach Art und Züchtungsbedingungen – mit einem Eiweißgehalt zwischen 35 und 77 Prozent jenen von Rind, Schwein und Huhn.

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Trotz ihrer ernährungstechnisch guten Eigenschaften haben es Insekten schwer auf dem europäischen Markt. „Noch sind wir eine sehr spezialisierte Nische“, sagt Joash Mathew von der International Platform of Insects for Food and Feed (IPIFF), dem Branchenverband der Insektenproduzenten in Europa. Knapp 60 Mitglieder zählt der Verein, der sich in Brüssel dafür einsetzt, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Insekten-Lebensmittel zu verbessern.

Die Branche ist optimistisch. Bislang werden in der EU zwar jährlich nur 6000 Tonnen Insektenproteine hergestellt und so einige hundert Menschen beschäftigt. Bis 2030 könnten es aber zwischen zwei und fünf Millionen Tonnen sein, schätzt man beim IPIFF.

EU-Kommission prüft Futter-Verbote

Dazu muss aber der legislative Weg geebnet werden – ein Prozess, der mit der Überarbeitung der Novel Food Verordnung Anfang 2018 einen wichtigen Schritt genommen hatte. Sie umfasst auch Insekten und ermöglicht damit erstmals eine europaweite Regelung für Insekten-Lebensmittel. Seitdem müssen sich deren Hersteller bei der europäischen Kommission und dem Rat zertifizieren lassen, um ihre Produkte unter dem geltenden Lebensmittel- und Hygienegesetz auf den Markt bringen zu können. 13 Produkte werden derzeit bei der europäischen Lebensmittelbehörde geprüft, bis Mitte dieses Jahr werden die ersten Zulassungen der Kommission erwartet. Dass es schon jetzt Insekten in der EU zu kaufen gibt, liegt an einer extra geschaffenen Übergangsregelung.

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Ein weiterer Meilenstein könnte dieses Jahr folgen, denn momentan prüft die EU-Kommission, ob Insekten auch als Tiernahrung für Schweine und Geflügel eingesetzt werden dürfen, zu deren Speiseplan sie natürlicherweise gehören. Bislang ist es nach europäischem Recht verboten, Schweine, Kühe oder Hühner mit Proteinen von anderen Nutztieren zu füttern – wozu auch Insekten gezählt werden. Sollte das Futterverbot geändert werden, würde sich potentiell ein großer Markt für die Insektenproduzenten öffnen. Auch in Ankündigungen zur „Farm to Fork“ Strategie der neuen Kommission heißt es, man wolle „neue, innovative Futterprodukte identifizieren“. Näheres gibt die Kommission auch auf Anfrage nicht bekannt. So oder so, „dieses Jahr wird ein sehr wichtiges Jahr für unsere Branche“, sagt Joash Mathew.

Insekten statt Soja im Tierfutter? 

Sollten Insekten eines Tages in großem Maßstab in der Tierfütterung einsetzbar sein, könnte das auch helfen, die Soja-Importe aus dem Ausland zu senken. Da die EU nicht in der Lage ist, selber genug pflanzliche Proteine für die heimische Tierzucht zu produzieren, importiert sie jedes Jahr rund 14 Millionen Tonnen Sojabohnen. Nicht zuletzt die Waldbrände in Brasilien brachten im vergangenen Herbst Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dazu, eine „europäische Proteinsouveränität“ zu fordern. Ein Jahr zuvor hatte die EU-Kommission sich ebenfalls in einem Bericht dazu Gedanken gemacht, wie die Produktion pflanzlicher Proteine ​​in der EU gesteigert werden kann.

Leider können Insekten aber nur einen Teil des Bedarfs decken. „Soja lässt sich nicht einfach durch Insekten ersetzen“, sagt Christophe Derrien, Generalsekretär des Branchenverbandes. Denn pflanzliche Proteine ​​haben leicht andere ernährungstechnische Eigenschaften als tierische und können nicht einfach im Tierfutter ausgetauscht werden. „Insekten können aber definitiv Teile pflanzlicher Proteine ​​ersetzen und dazu beitragen, unsere Abhängigkeit von Protein-Importen zu verringern“.

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Und welche Rolle können Insekten in Zukunft für den menschlichen Speiseplan spielen? „Es ist wichtig zu verstehen, dass Fleisch nicht durch Insekten ersetzt werden kann und soll. Es geht vielmehr um eine Ergänzung unserer Ernährungsgewohnheiten“, betont Bastien Rabastens vom Insektenanbieter Jimini’s. Die Umstellung von Essgewohnheiten dauert Jahre, es brauche viel Aufklärung, sagt er. Sein Ziel ist es, Insektenprodukte auf dem Markt möglichst zu verbreiten und günstig verfügbar zu machen. „Ich bin gespannt, wie die Essgewohnheiten der Generation aussehen werden. Womöglich gehören Insekten dann schon fest dazu.“

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