Schwieriges – und kostspieliges – Zusammenleben

Wölfe (und deren Schutz) sorgen bei Frankreichs Viehzüchtern für schlechte Stimmung. [Holly Kuchera/Shutterstock]

Seit 1992 gibt es in Frankreich wieder Wölfe. Sie bleiben sowohl eine gefährdete Art als auch gefürchtete Räuber. Schutzmaßnahmen gegen Angriffe sind nicht nur für die Viehzüchter, sondern auch für die französische Regierung sowie die Europäische Union kostspielig.

Fast 30 Millionen Euro pro Jahr kosten die Maßnahmen zum Schutz der Herden vor Wölfen in Frankreich, so die Schätzungen des Vereins Les éleveurs face au loup. Eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass im Land derzeit lediglich etwa 500 Wölfe leben.

In der sogenannten Habitat-Richtlinie der EU (damals EWG) von 1992 werden Wölfe zu den „streng zu schützenden Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse“ gezählt. In Frankreich war Canis lupus seit den 1930er-Jahren ausgerottet, siedelt sich seit 1992 jedoch wieder an und verbreitet sich nun langsam im französischen Staatsgebiet.

Der Wolfsbestand hat jedoch noch nicht die Schwelle erreicht, ab der die Art „nur noch“ als mittelfristig vom Aussterben bedroht gilt. Im Jahr 2017 wurde der Wolf auf der Roten Liste der bedrohten Arten der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) in Frankreich als „gefährdet“ eingestuft.

Viehwirte auf Kriegsfuß mit dem Wolf

Die Bauern sind verärgert über die Haltung der Europäischen Kommission, die ihrer Meinung nach das Wohl der Wölfe dem des Nutzviehs vorzieht.

Daher wird das Schießen von Wölfen in Frankreich weiterhin streng kontrolliert und bestraft. Ihr Schutz erstreckt sich sogar „auf Exemplare, die ihren natürlichen Lebensraum verlassen und in menschlichen Siedlungsgebieten auftauchen“, wie der Europäische Gerichtshof im Juni 2020 entschied.

Die Zahl der aus „Verteidigungsgründen“, aber eben auch ohne Genehmigung getöteten Wölfe hat sich dennoch seit 2018 verdoppelt (105 getötete Tiere im Jahr 2020, im Vergleich zu 51 im Jahr 2018, laut der Regionaldirektion für Umwelt, Entwicklung und Wohnen der Region Auvergne-Rhône-Alpes (DREAL)).

Raubtiere und ihre Beute schützen

Der Schutz des Raubtiers ist eine Herausforderung, denn er schürt Unzufriedenheit: Schließlich häufen sich Angriffe von Wölfen auf Zuchttiere, insbesondere in den Regionen Südostfrankreichs. Fast 10.400 Schafe wurden nach Angaben der DREAL im Jahr 2019 von Wölfen getötet, ebenso wie mehrere hundert Ziegen und sogar Ochsen – und das trotz aufwändiger Schutzmaßnahmen.

Seit 2018 sieht der sogenannte Nationale Aktionsplan 2018-2023 zum Thema Wolf und Zucht – kurz meist nur „Wolfsplan“ genannt – Hilfen für Züchter vor, die mit dieser neuen Gefahr auf ihrem Land konfrontiert sind. Bedingung dafür ist allerdings, dass sie zuvor selbst Schutzmaßnahmen (wie Zäune, Wachhunde, Schäfer) ergreifen.

Der Staat hat sich verpflichtet, 80 Prozent der Schäden zu kompensieren. Im Jahr 2019 wurden daher 26,8 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, erklärt Claude Font, stellvertretender Generalsekretär und Leiter des Dossiers „Wolf“ beim nationalen Schafzüchterverband FNO. Eine happige Rechnung, von der mehr als die Hälfte an die Europäische Union gestellt wird, die die Schutzmaßnahmen über ihren Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) mit 13,8 Millionen Euro mitfinanziert.

"Ja" zum Tierwohl; "Nein" zum Nährwert-Label

Die Agrarministerien der EU-Staaten haben grünes Licht für ein EU-weites Tierschutz-Kennzeichnungssystem gegeben. Pläne für eine Nährwert- und Herkunftskennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen wurden hingegen vorerst auf Eis gelegt.  

„Doppelte Bestrafung“

Von Seiten der Landwirte wird diese Entschädigung jedoch als nicht ausreichend angesehen. „20 Prozent der Kosten für den Herdenschutz werden immer noch von den Landwirten getragen, das sind mehrere Millionen Euro pro Jahr,“ erklärt Font. Darüber hinaus sei das Entschädigungsverfahren langwierig und komplex; es komme zu Zahlungsverzögerungen von bis zu einem Jahr. „Die Landwirte haben kein Gehalt, also müssen sie auf ihre eigenen Ersparnisse zurückgreifen, um diese Kosten [sprich: die 80 Prozent, die der Staat trägt] vorzustrecken,“ betont der Schäfervertreter.

Dies sei eine „doppelte Strafe“, die die Viehzüchter im Wettbewerb benachteilige.

Der „Wolfsplan“ hatte sich zum Ziel gesetzt, „ein an die Auswirkungen [der Wölfe] auf die Nutztierhaltung und an die örtlichen Gegebenheiten angepasstes Management“ einzuführen. Drei Jahre nach der Einführung „sehe ich jedoch keine einzige Situation, in der die Anpassung an die Wolfsangriffe gut läuft“, kritisiert Font.

Zwischen dem Bestreben, eine Spezies zu schützen, die in Frankreich bereits vom Menschen ausgelöscht worden war, und dem Wunsch des Menschen, seine natürliche Umgebung zugunsten der Nahrungsmittelproduktion zu kontrollieren, bleiben die Aussichten auf gütliche Einigung gering. Hinzu kommt, dass die Maßnahmen, die die Spannungen eigentlich abbauen sollen, alle Protagonisten weiterhin teuer zu stehen kommen.

Für die Jahre 2021-27 erhält Frankreich nach der Einigung von EU-Parlament und -Rat über die künftige Gemeinsame Agrarpolitik nun 11,4 Milliarden Euro im Rahmen der ELER-Regelungen.

Dies ist ein etwas höherer Betrag als in der aktuellen Finanzierungsperiode – und möglicherweise ein Anlass, den „Wolfsplan“ in der zweiten Hälfte seiner Laufzeit anzupassen und/oder auszubauen.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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