Landwirtschaft: Schluss mit der „Exportbesessenheit“

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Éric Andrieu und José Bové. [European Parliament]

Die EU-Kommission will die Gemeinsame Landwirtschaftspolitik (GAP) bis Ende 2017 reformieren. Die Europaabgeordneten José Bové und Éric Andrieu fordern ein Agrarsystem, das auf Gesundheit und KMUs setzt. EURACTIV-Kooperationspartner Ouest France berichtet.

José Bové ist französischer EU-Abgeordneter der Grünen. Éric Andrieu, ebenfalls aus Frankreich, vertritt im EU-Parlament die französischen Sozialisten.

Ouest France: Worum geht es bei den Verhandlungen über die neue GAP?

Andrieu: Die GAP hat keinen Realitätsbezug mehr – weder für die Landwirte noch für die Bürger. Jahrelang hat sie ausschließlich ein intensives, an der Produktivität ausgerichtetes Agrarsystem gefördert. Dabei gibt es Alternativen. Wir sollten uns zunächst auf den europäischen Markt konzentrieren und erst dann über die Grenzen hinweg schauen. Denn diese Exportbesessenheit schafft Preisschwankungen.

Uns stehen noch andere Optionen zur Verfügung als die Wiedereinführung von Milchquoten. Das Modell wird jetzt infrage gestellt. Wir sollten etwas verändern. Wollen wir uns wirklich hin zu einem Modell mit 5000-Kühe-Betrieben entwickeln?

Welchen Herausforderungen steht die zukünftige GAP gegenüber?

Andrieu: Wir brauchen einen anderen Ansatzpunkt als Rentabilität. Was ist mit Lebensmittelqualität? Was mit menschlicher Gesundheit? Nährstoffgehalt? Nachverfolgbarkeit? GVOs [generisch veränderten Organismen]? Was ist mit Arbeitsplätzen, der Verbesserung der Qualität des Bodens, des Wassers oder der Luft? Die vorherigen politischen Maßnahmen haben zur Wüstenbildung auf unseren Nutzflächen geführt. Wollen wir, dass unsere Böden lebendig bleiben und Arbeitsplätze schaffen oder nicht?

Welche Schwierigkeiten gibt es beim Verhandlungsprozess?

Bové: Die Mitgliedsstaaten verharren wie auch die Europäische Kommission in ihrer Einstellung, man müsse den Freihandel fördern – und das, ohne eine Vorstellung von den Folgen zu haben oder diese zu analysieren. Dabei ist die Hauptaufgabe der Landwirtschaft, unsere Bürger zu ernähren. Es geht nicht darum, mit Tonnen von Rohstoffen zu handeln. Wir brauchen eine umfassende Vision, die auch darauf abzielt, die Europäer zu ernähren und Arbeitsplätze zu schaffen.

Wie können wir verhindern, dass sich in den nächsten Monaten noch mehr landwirtschaftliche Krisen entwickeln?

Andrieu: Es müssen mehr Gelder in die kleinen und mittelständischen Unternehmen fließen. So können wir die Qualität des Bodens bewahren, für Beschäftigung sorgen, unser Ackerland schützen…

Bové: Ich denke, wir sollten vor allem das Angebot steuern – über Mengen und andere Instrumente – und Mindestpreise festlegen. Wir können den Landwirten nicht länger weniger zahlen, als ihnen an Produktionskosten entstehen. Der globale Milchpreis hat nichts mehr mit der realen Welt zu tun, sondern wird von einer kleinen Gruppe großer Genossenschaften bestimmt.

Sie setzen sich für die Weiterentwicklung des Öko-Landbaus und kürzere Lieferketten ein, um die Böden zu schonen und Arbeitsplätze zu schaffen. Sorgen Sie sich um die Zukunft dieser Art der Landwirtschaft?

Andrieu: Wir sind gerade dabei, die europäischen Verordnungen zum biologischen Anbau zu überarbeiten. Die große Frage ist, wie man mit steigender Nachfrage gleichbleibende Qualität gewährleisten kann. Wir müssen die Nachfrage begleiten, damit Biolebensmittel nicht nur einer kleinen Gruppe zur Verfügung stehen.

Bové: Die großen Supermärkte versuchen, dieses Vorhaben zu verhindern und uns auf den bisherigen Kurs zurückzubringen, der keine EU-Biostandards für importierte Waren vorsieht. Sollte die Vereinbarung jedoch angenommen werden, muss jedes Produkt, dass auf den europäischen Markt kommt, unseren Standards entsprechen.

Die Verhandlungen werden erst im Frühjahr beginnen. Dennoch scheinen Sie schon jetzt eher pessimistisch…

Bové: Ich hoffe, dass wir wirklich in der Lage sein werden, über die GAP zu diskutieren. Da bin ich mir momentan noch nicht so sicher. Die EU-Kommission misst mit zweierlei Maß. Einerseits sagt Jean-Claude Juncker, dass er unserer Meinung ist, andererseits plant die Kommission jedoch eine Generalüberholung (mit dem Omnibus-Bericht), die die Spielregeln ohne wirkliche Debatte einfach festlegen würde. Das offenbart wieder einmal genau das bürokratische Europa, das die Menschen so sehr verachten.

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