Pestizide: Was in der EU verboten ist, wird in Bulgarien noch versprüht

Valia Ahchieva [li.] interviewt den vergifteten Jungen. [Screenshot aus der Reportage]

In ihrer jüngsten Recherche, die am Dienstag (21. Juli) im bulgarischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, enthüllt die EURACTIV Bulgarien-Journalistin Valia Ahchiewa den anhaltenden Gebrauch von in der EU verbotenen Pestiziden und die grobe Vernachlässigung der menschlichen Gesundheit durch die Behörden. EURACTIV Bulgarien berichtet.

Ahchiewas Fernsehbericht beginnt mit der Untersuchung eines Vorfalls, bei dem am 25. April letzten Jahres vier Kinder vergiftet wurden.

An diesem Tag spielten die Kinder auf den Feldern in der Nähe einer kleinen Stadt in Dolna Mitropolia in Nordbulgarien und bemerkten dabei kaum einen Traktor, der die anliegenden Felder mit Pestiziden besprühte.

Nur wenige Stunden später stellte die Mutter eines der Kinder, Asja Assenowa, mit Entsetzen fest, dass sich das Gesicht ihres Sohnes rot verfärbte und anschwoll. Im Krankenhaus kamen die Ärzte zu dem Schluss, dass der Junge zusammen mit drei anderen Kindern vergiftet worden war.

An dem selben Tag beobachteten zudem viele Imker der Stadt ein noch nie dagewesenes Bienensterben. Einer von ihnen, Miroslaw Marinow, erstattete Anzeige.

Der Landbesitzer beider Felder ist Stefan Stoyanow, der bis 2013 als leitender Experte für den Staatlichen Landwirtschaftsfonds arbeitete. Pächter des Landes war die Firma „Helga – Swetla Stoyanowa“, die seiner Mutter gehörte.

Das Unternehmen ist, wie viele andere, ein Begünstigter des Programms für ländliche Entwicklung und von Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Seine moderne landwirtschaftliche Infrastruktur wurde mit europäischen Mitteln finanziert.

Die Zeitung Bulgarian Farmer ernannte Swetla Stoyanow 2018 sogar zur „Agrarunternehmerin des Jahres“.

"Farm-to-Fork"-Strategie: EU will Pestizideinsatz und -risiko halbieren

Die lang erwartete „Farm to Fork“-Strategie der EU, die am Mittwoch, dem 20. Mai, veröffentlicht wurde, enthüllte ein mit Spannung erwartetes 50 Prozent Ziel für die Reduzierung des Pestizideinsatzes und des Pestizidrisikos.

Sowohl der Staatliche Fonds für Landwirtschaft als auch die bulgarische Agentur für Lebensmittelsicherheit sind dem bulgarischen Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Forstwirtschaft untergeordnet.

Stojanow wurde später Manager einer Beratungsfirma namens „Pleven Agro Consult“ EOOD, die das Landwirtschaftsministerium während zweier Planungsperioden konsultierte. Zufälligerweise (oder auch nicht) wurden zu dieser Zeit beträchtliche Mittel für das Unternehmen seiner Mutter bewilligt.

Nachdem seine Bienen im April letzten Jahres gestorben waren, schickte der Imker Marinow Stichproben der verstorbenen Bienen und Pflanzen in der Region an ein privates Labor.

Die Stichproben der Pflanzen wiesen Spuren von Carbendazim, Benomyl, Epoxiconazol, Thiophanat-Methyl und Florasulam auf. Carbendazim ist in der EU, einschließlich Bulgarien, seit 2016 nicht mehr zur Verwendung in der EU zugelassen. Einer der anderen in den Pflanzenproben gefundenen Substanzen – Epoxiconazol – ist in der EU verboten.

Bienensterben verunsichert Unternehmen

Eine von den Vereinten Nationen unterstützte Studie hat ergeben, dass die meisten Unternehmen unsicher sind, welche Maßnahmen sie gegen das Insektensterben ergreifen sollten.

Die Auswertung der toten Bienen ergab Spuren der Wirkstoffe Clotiniadin und Thiamethoxam, die in der gesamten EU verboten sind.

Auch die Behörde für Lebensmittelsicherheit, die dafür verantwortlich ist, sicherzustellen, dass landwirtschaftliche Flächen ordnungsgemäß behandelt und keine Substanzen verwendet werden, die eine Gefahr für Mensch und Natur darstellen, bestätigte, dass Thiamethoxam und Clotiniadin in den vergifteten Bienen gefunden wurden.

Die Behörde verhängte keine Geldbuße gegen das Unternehmen und erklärte in ihrer Stellungnahme, dass alle Stoffe in der pflanzlichen Stichprobe in der EU und Bulgarien zugelassen seien.

Die Untersuchung des privaten Labors zeigte dennoch, dass die Konzentration der Substanzen in der Pflanzenprobe extrem hoch war: Carbendazim betrug 1,5 mg/kg und Epoxiconazol 5,3 mg/kg.

Schwarzes Schaf Bulgarien

Im Weltindex für Pressefreiheit steht Bulgarien auf Platz 111 weltweit. Die Reporter ohne Grenzen bezeichneten das Land als „das schwarze Schaf der EU“.

EURACTIV Bulgarien versuchte, mit Swetla Stoyanowa in Kontakt zu treten, doch Stoyanowa weigerte sich, interviewt zu werden.

Anschließend reiste Ahchiewa nach Sofia, um sich mit dem Exekutivdirektor des Staatlichen Landwirtschaftsfonds, Wassil Grudew, zu treffen. Er übermittelte schriftliche Antworten, die bestätigten, dass Stefan Stoyanow im Staatlichen Fonds als leitender Experte gearbeitet hatte.

In den Antworten teilte der Landwirtschaftsfonds mit, er habe eine Untersuchung eingeleitet, um zu prüfen, ob es einen Interessenkonflikt zwischen dem Sohn von Swetla Stoyanowa und ihrem Schwiegersohn gibt, der in der Direktion Bienenzucht des Staatlichen Fonds für Landwirtschaft arbeitet.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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