Paris: Parkhäuser zu Bio-Plantagen

Das ganze Jahr Herbst: Dank ausgeklügelter Wärme- und Feuchtigkeitsregulierung bieten die alten Parkhäuser perfekte Wachstumsbedingungen für Endivien und Pilze. [Aline Robert]

Wie in vielen europäischen Städten geht die Zahl der Autos in Paris zurück. Dadurch werden auch die Parkhäuser und Tiefgaragen der Stadt immer weniger genutzt. Mit seinem Start-up-Projekt „La Caverne“ (dt.: Die Höhle) will das Unternehmen Cycloponics nun diese städtischen Räume zurückerobern und sie für den Anbau von Bio-Gemüse nutzen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Täglich gut 200 Kilo Bio-Gemüse für die Belieferung der lokalen Lebensmittelgeschäfte in Paris zu ernten scheint zwar eine Herausforderung zu sein; Jean-Noël Gertz und Théo Champagnat tun dies aber bereits seit 2017 erfolgreich.

An der Porte de la Chapelle in Paris haben die beiden einen 3.500 Quadratmeter großen „unterirdischen Bauernhof“ in einem ehemaligen Parkhaus eingerichtet.

Zunächst war die Idee, unterirdische Gebäude für „Urban Farming“ zu nutzen, in Straßburg entstanden: „Dort gibt es noch immer überall Bunker. Ich habe dort mit einem 150 Quadratmeter großen Raum begonnen. Aber die Straßburger waren etwas unwillig, darüber hinaus auch ihre Parkplätze aufzugeben,“ erklärt Gertz, einer der beiden Gründer von Cycloponics.

Gertz und Champagnat seien daher auf eine Ausschreibung aus Paris eingegangen. Dort wurden leerstehende Parkhäuser zuvor vor allem von Crack-HändlerInnen und Konsumierenden besetzt. Nun ist es schon mehr als zwei Jahre her, dass Crack vom Bio-Gemüse verdrängt wurde – und fünfzehn neue Arbeitsplätze geschaffen werden konnten.

Bio-Landwirtschaft: Der Süden produziert, der Norden konsumiert

Drei Länder Südeuropas stehen für einen Anteil von 44,9 Prozent der gesamten ökologisch bewirtschafteten Anbauflächen in der EU. Wenn es um den Verbrauch von Bioprodukten geht, sind jedoch die nördlichen Länder ganz oben auf der Liste.

Gutes Klima, das ganze Jahr

Ermöglicht wurde das Projekt durch die besonderen Fähigkeiten der beiden Gründer: Gerst ist ausgebildeter Wärmetechniker, sein Businesspartner Champagnat Agrarwissenschaftler.

„Wir brauchen sehr präzise Temperaturbedingungen, um Krankheiten zu bekämpfen und Bio-Gemüse anbauen zu können. In einem Parkhaus geht es vor allem um Klimatechnik. Man muss ständig einen Herbst simulieren: viel Feuchtigkeit, aber auch eine gute Belüftung,“ erklärt Gerst vor einem Gewirr aus Lüftungsrohren, die im zweiten Untergeschoss der „Höhle“ eingebaut wurden. Dort wachsen nun Austern- und Shiitake-Pilze.

Kleine Pakete mit wasserlöslichem, sterilisiertem und verpacktem Stroh stapeln sich vom Boden bis zur Decke; die Pilze wachsen durch winzige Löcher hinaus. Alles im Parkhaus ist so eingerichtet, dass ein optimales Wachstum gewährleistet werden kann. Die Luft ist feucht, Endivien wachsen im Dunkeln, die Pilze bekommen etwas Licht aus LED-Lampen.

Darüber hinaus bietet das Parkhaus deutliche Vorteile gegenüber den Kalksteinräumen, die normalerweise für die Pilzzucht verwendet werden: Hier kann eine permanente und präzise Kontrolle des „Wetters“ sowie eine bessere thermische Stabilität gewährleistet werden.

Das Gemüse wächst daher auch nicht im ersten, sondern im zweiten Untergeschoss des Parkhauses, wo die Temperatur auch bei Hitze oder extremer Kälte draußen überaus stabil bleibt.

Zunehmende Dürren beeinträchtigen Frankreichs nachhaltige Landwirtschaft

Die intensive Dürre in diesem Jahr in Frankreich hat bereits zur Vernichtung von Brachflächen geführt. Sie hat auch zu Spannungen geführt, die für die Verhandlungen über die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU nicht so günstig sind. EURACTIV France berichtet.

Die Landwirtschaft in Parkhäusern ermöglicht es auch, den Problemen des Klimawandels besser widerstehen zu können. So sind zum Beispiel Parasiten und andere Insekten im Untergrund eher selten.

Allerdings können im Freien gekaufte Endivienknollen und Stroh auch Überträger von Krankheiten sein, zum Beispiel von Sklerotinia, die einen Teil der diesjährigen Endivienernte vernichtet hat, wie die beiden Unternehmenschefs einräumen.

Parkhäuser in ganz Frankreich & Europa

Cycloponics ist eines der wenigen Pariser Start-ups, die aktuell eher zu viel als zu wenig Platz haben. Deshalb beherbergt das Unternehmen in seinen riesigen Räumlichkeiten andere Einrichtungen, wie zum Beispiel die Aquarien eines norwegischen Fischhändlers mit Seeigeln, die in der Arktis von Hand gefischt werden, sowie andere Projekte, die Pflanzen mit der Hydrokultur-Methode züchten.

Außerdem hat das Unternehmen gerade Ausschreibungen für zwei weitere große Parkhäuser im 19. Arrondissement von Paris gewonnen.

„In Paris, wie in vielen anderen europäischen Hauptstädten auch, haben die Menschen keine Autos mehr, es gibt zu viele Parkplätze, vor allem in den ärmsten Bezirken. Wir haben aber auch ungenutzte Parkhäuser auf der Champs-Elysée besucht. Man könnte da viel tun,“ so die Unternehmer.

Tatsächlich hat das Projekt bereits das Interesse anderer europäischer Hauptstädte geweckt. Im Moment sammelt Cycloponics aber 500.000 Euro auf der Investitionsplattform Lita, um dann eher in Richtung Bordeaux und Lyon zu expandieren. Auch dort sollen Bio-Pilze und Endivien produziert werden.

„Wir würden gerne noch viele andere Dinge tun, aber die Bio-Vorschriften sind streng, und einige Länder verbieten [diese Art des Anbaus in Parkhäusern]. Spanien will beispielsweise auf keinen Fall, dass die Niederlande künftig Erdbeeren anbauen können,“ so Gertz.

Auf dem Weg zur modernen Landwirtschaft: Balance zwischen Biodiversität, Innovation und Erträgen

Der europäische Agrarsektor muss sich großen Herausforderungen stellen: In Zukunft müssen mehr Lebensmittel produziert werden, zugleich dürfen Umweltschutz und gute Lebensbedingungen für Landwirte nicht zu kurz kommen.

Mit Ausnahme der Starthilfe für Junglandwirte erhält die „Parkhausfarm“ keine Beihilfen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU. Dabei entspricht das Projekt absolut der neuen EU-Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ („from farm to fork“, F2F): Noch näher an den VerbraucherInnen zu produzieren, als quasi unter deren Füßen, dürfte nicht möglich sein.

Das Unternehmen liefert jeden Tag Bio-Lebensmittel in die Nachbarschaft aus – mit einer eigenen Flotte von 20 Lastenfahrrädern.

Der boomende Bio-Markt ermöglicht es dem Unternehmen auch, von höheren Preisen zu profitieren, insbesondere dank des Biocoop-Netzes, das einen Zuschlag für lokale Produkte bietet.

Vermutlich ist dies auch notwendig, wenn lokale Produktion unterstützt werden soll: In Frankreich ist die Zahl der Endivien-Anbauer innerhalb von zwanzig Jahren von 4.000 auf weniger als 500 gefallen; von vormals 300 Pilzzuchtbetrieben gibt es heute nicht einmal mehr 30.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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