Ostdeutsche Landwirtschaft: 30 Jahre nach der Einheit

Eine Spinatplantage im brandenburgischen Golzow. Die Preise für Agrarboden steigen, doch die Erträge sinken. [EPA/Patrick Pleul]

Die negativen Auswirkungen der Wiedervereinigung bekamen die Landwirtinnen und Landwirte in Ostdeutschland besonders zu spüren. Manche Probleme halten bis heute an, andere sind in der Zwischenzeit hinzugekommen.

Die Bodenpreise im ländlichen Raum steigen an. Wer den eigenen landwirtschaftlichen Betrieb vergrößern will, muss meist große Summen aufwenden. Geld, das viele Bäuerinnen und Bauern nicht haben, große Investoren aber schon. Die Problematik der ländlichen Privatisierung ist keine alleinige ostdeutsche Herausforderung. Doch sie hat eine Vorgeschichte in der Zeit kurz nach der Wende, als vermehrt westdeutsche Landwirte, ausgestattet mit Krediten, die günstigen Agrarflächen der neuen Bundesländer aufkauften.

Agrarflächen stehen in Konkurrenz 

Der Weg von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft sei ohne die Mitsprache der Menschen in den Regionen beschritten worden, sagte die Brandenburger Bäuerin Julia Bar-Tal bei einer Veranstaltung von EURACTIV im Bezug auf die Privatisierung der Agrarflächen: “Das war öffentlicher Besitz. Das hat allen in der Gesellschaft gehört”. Die Privatisierung sei über ihre Köpfe hinweg geschehen.

Die Privatisierung der Agrarflächen sorgt dafür, dass Land auf dem freien Markt verfügbar ist und plötzlich in Konkurrenz, zum Beispiel zu Siedlungs- und Verkehrsflächen, steht. Die Folge dieser Konkurrenzsituation ist eine Preissteigerung der Agrarflächen, die in keinem Verhältnis zu den in der Landwirtschaft üblichen Erträgen steht. Doch nicht nur die Preise beim Kauf von Land steigen, auch die Preise von gepachteten Agrarflächen erhöhen sich.

„Junge Landwirte haben keine Chance, hier an Land zu kommen“

In Ostdeutschland wachsen die Preise für Ackerland seit Jahren rasant an. Schuld daran sind zum einen Großinvestoren, die das Land als Investitionsobjekte erwerben, aber auch die Privatisierung ehemaliger DDR-Genossenschaften.

Expandierung ist unwirtschaftlich

Dass landwirtschaftliche Betriebe sich dazu entschließen zu expandieren, wird infolge der Preissteigung immer unwirtschaftlicher und somit unwahrscheinlicher. Stattdessen übernehmen Investoren mit großem Kapital die Agrarflächen. Es fehle der politische Hebel und der Wille, dass Flächen in die öffentliche Hand zurückkommen, beklagte Julia Bar-Tal.

Unterstützung bekam sie von Andreas Tietz, Diplomingenieur des Thünen-Instituts, welches das Bundeslandwirtschaftsministerium berät. Auch er findet, dass es politischen Nachholbedarf bezüglich großer Investoren gibt, denn der Politik fehle der Überblick, wem welche Agrarflächen gehören: “Die landwirtschaftliche Förderung blickt auf den einzelnen Betrieb, aber die Strukturen dahinter werden nicht erkannt und nicht erfasst.” Wer Agrarstrukturpolitik machen will, müsse diese Strukturen jedoch kennen, findet er.

Agrarstrukturgesetz als Lösung?

Um den Ausverkauf des Ackerlandes zu verhindern, kündigte Prof. Dr. Claudia Dalbert, Landwirtschaftsministern der Grünen in Sachsen-Anhalt, bei der EURACTIV-Veranstaltung ein Agrarstrukturgesetz für ihr Bundesland an. Dieses Gesetz soll eine marktbeherrschende Stellung, sowohl bei Landverkäufen als auch bei der Übernahme ganzer Betriebe, einnehmen und für mehr Transparenz im Bodenmarkt sorgen.

Julia Bar-Tal geht dieser Ansatz nicht weit genug. Sie beklagte, dass bei großen Investoren, die von außerhalb kommen, kein Teil der Wertschöpfung in der Region stattfindet. Ohnehin stehe die Branche nicht gut da, sagte sie. Grund dafür seien die niedrigen Erträge, ohne die Agrarsubventionen schaffe man es kaum noch von der Landwirtschaft zu leben. Sie forderte von der Politik Maßnahmen, die über die rein finanziellen Zuschüsse hinausgehen: Zeitgemäße Curricula während der Ausbildung, Beratungsstellen bei der Existenzgründung, juristische Beratung beim Landkauf und Naturschutzberatung.

Rentabilität, Land und Leidenschaft für den ländlichen Raum: das magische Dreieck des Generationenwechsels der Landwirtschaft

In Spanien und in der gesamten Europäischen Union sind mehr als 90 Prozent der Landwirte kurz vor dem Rentenalter, so dass das Problem der Generationenerneuerung eine ernsthafte Herausforderung darstellt.

Demografische Herausforderung

Eine weitere Herausforderung ist der demografische Wandel. Dieser betrifft den ländlichen Raum im Besonderen und im Falle Ostdeutschlands hat auch diese Problematik eine Vorgeschichte. Bis in die Mitte der 1990er Jahre verloren etwa 80 Prozent der Landwirte der ehemaligen DDR ihre Arbeit, erinnerte sich Johannes Funke, Sprecher für Agrarpolitik der SPD in Brandenburg. Anschließend seien viele weggezogen, berichtete Funke: “Die Landwirtschaftsbetriebe waren die Träger des ländlichen Raums. Das brach alles weg in der Folge des Wegzugs.” Heutzutage besteht dieses Problem zwar nicht mehr, doch die Folgen der demografischen Entwicklung von damals wirken sich bis heute aus. “Da fehlt eine ganze Generation in den Dörfern”, bemerkte Funke.

Die Nachfolgegeneration muss nun die Bürde der Vergangenheit auffangen. Die Landwirtinnen und Landwirte fühlen sich bei dieser Aufgabe jedoch allein gelassen. Zwar sei sie stolz darauf, was ihre Kolleginnen und Kollegen trotz der Hindernisse und Hürden leisten, sagte die brandenburgische Bäuerin Julia Bar-Tal am Ende der EURACTIV-Veranstaltung. Doch die Unterstützung, diese Leistungen auch weiterhin zu erbringen, müsse von der Politik kommen.

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