Optimaler Dünger-Einsatz dank Digitalisierung?

Dank digitaler Technologien könnte sowohl der Düngemitteleinsatz auf den Feldern verringert als auch das Potenzial der Energiespeicherung innerhalb der Düngemittelproduktion verbessert werden, so die Hoffnung von Industrie und Politik. [Shutterstock]

Die Digitalisierung des europäischen Agrarsektors wird eine entscheidende Rolle bei der Optimierung des Düngemitteleinsatzes spielen, ist sich die Industrie sicher. Dies sei auch notwendig, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck zu verringern.

Jérôme Bandry, Generalsekretär des Europäischen Verbandes der Landtechnikindustrie, erklärt gegenüber EURACTIV.com, neue Technologien könnten eine „einzigartige Gelegenheit“ bieten, Düngemittel besser zu managen, und so die Welt zu ernähren.

„Die Antwort auf mehr Menschen, die ernährt werden müssen, und mehr Druck auf die Anbauprozesse von Lebensmitteln ist: Mehr Mechanisierung und Digitalisierung,“ meint er.

„Wir glauben definitiv, dass die Präzisionslandwirtschaft eine Chance bietet – wenn wir Vertrauen in die Art und Weise haben, wie die Daten verwendet werden, und einige technische Hürden nehmen.“

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Die Düngemittelindustrie hat betont, dass der Düngemitteleinsatz in ganz Europa optimiert und die Produktion verbessert werden müsse.

In dem Bestreben, eine dekarbonisierte Wirtschaft voranzutreiben und dem steigenden Ernährungsbedarf gerecht zu werden, hatte die Düngemittelindustrie der EU am 21. November ihre Aussichten und Pläne für 2030 veröffentlicht.

Das Ziel: Optimierung des Düngemitteleinsatzes

Die Vision der Branche basiert dabei vor allem auf der Optimierung des Düngemitteleinsatzes und der Produktion.

Bei der Anwendung der Dünger müsse mit Hilfe von Technologien wie GPS sowie gezielter Beratung das Wissen der Landwirte über die Böden verbessert werden.

Die Düngemittelindustrie geht davon aus, dass die Landwirte mit der schrittweisen Digitalisierung des EU-Landwirtschaftssektors in der Lage sein werden, künftig den Nährstoffgehalt des Bodens zu messen und Düngemittel somit nur noch dann und dort einzusetzen, wo es wirklich erforderlich ist.

Dies werde zu einem besseren Pflanzenwachstum und gleichzeitig positiven Umweltauswirkungen führen.

Der Weg: Präzisionslandwirtschaft

Tasos Haniotis, ein hochrangiger Beamter in der Generaldirektion Landwirtschaft der Europäischen Kommission, erinnert sich, die beste Definition von Präzisionslandwirtschaft, die er jemals gehört habe, stamme von einem griechischen Landwirt: „Bis jetzt begann die Arbeit, wenn wir auf den Traktor sprangen. Jetzt ist die Arbeit beendet, wenn wir auf den Traktor aufspringen.“

Dank Digitalisierung, erklärt Haniotis, „hat dieser Landwirt den Chemikalieneinsatz bei Düngemitteln um 20 Prozent reduziert, die Erträge um ebenfalls 20 Prozent gesteigert – und er konnte nebenbei auch noch glückliche Vögel fotografieren, die sich auf und um seine Felder herum niederließen.“

Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wenn es um Präzisionslandwirtschaft geht, traut sich die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für die GAP nach 2020 nicht genug, meinen Vertreter der Agrarindustrie.

Auch Franc Bogovič, ein EU-Parlamentsabgeordneter der Europäischen Volkspartei (EVP), der sich für das Projekt „Smart Villages“ einsetzt, glaubt, dass Wissen zur Reduzierung des Düngemitteleinsatzes in erster Linie der Umwelt zugutekommt.

„Präzise landwirtschaftliche Tools und sogenannte „Smart Villages“ werden die Rückverfolgbarkeit von Düngemitteln vereinfachen,“ sagte er gegenüber EURACTIV und fügte hinzu, dass insbesondere das Konzept der Smart Villages dazu beitragen werde, Wissen auf lokaler Ebene effizienter zu verbreiten und landwirtschaftliche Inputs besser zu erfassen und zu managen.

„Die Fortsetzung einer derart intensiven Landwirtschaft [wie heute] ist in den nächsten 20 Jahren einfach nicht mehr möglich,“ betonte er.

Auch junge Landwirte und Umweltorganisationen (teilweise) überzeugt

Mit ihren Vorschlägen für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) für die Zeit nach 2020 will die Europäische Kommission ein verbindliches Instrument zur Nährstoffbewirtschaftung für Landwirte vorlegen, das darauf abzielt, die Wasserqualität zu verbessern sowie den Ammoniak- und Stickoxidspiegel in der Umwelt zu senken.

Aus Sicht der OECD wäre dies eine „Win-Win-Situation“, da sie sowohl zu wirtschaftlich effizienterem Management der Produktionsmittel als auch zur Reduzierung der Emissionen führen würde.

Jannes Maes, Präsident des Junglandwirtschaftsverbandes CEJA, hat bereits betont, jung Landwirte seien durchaus bereit, ihr Wissen zur Verfügung zu stellen, sich aber auch weiterzubilden.

„Die größte Herausforderung ist der regulatorische Druck, der aktuell Unsicherheit für das kommende Jahrzehnt schafft.“ Ohne die notwendige Technologie werde die Vision von intelligenter Ausbringung von Düngemitteln aber möglicherweise „nicht umgesetzt“ werden, warnt er.

Die Bauern werden älter, der Nachwuchs will nicht

Die Landwirtschaft ist mit dem Altern der Bauern und dem Unwillen der Jungen konfrontiert, die Rolle zu übernehmen. Dahinter stecken Probleme wie begrenzter Zugang zu Land, Urbanisierung und das schlechte Image der Landwirtschaft.

Auch Umweltorganisationen wie der WWF begrüßen die Ambitionen der Industrie nach einer präziseren Düngung der Felder. Sie warnen jedoch, dass derart aufwendige Verfahren zunächst wohl nur für Großbetriebe und nicht für Kleinbauern gelten werden.

Andrea Kohl vom WWF fordert außerdem, die Düngemittelindustrie müsse ihr Geschäftsmodell ändern und sich noch viel stärker auf Nachhaltigkeit und agroökologische Praktiken konzentrieren.

Ammoniak und Dekarbonisierung

In dem Industrie-Bericht wird auch die Rolle der Düngemittelbranche bei der Schaffung einer echten Kreislaufwirtschaft sowie die Bedeutung von Ammoniak für die Dekarbonisierung hervorgehoben.

Klaus-Dieter Borchardt, Direktor der Generaldirektion Energie der EU-Kommission, erklärte, die EU strebe eine Dekarbonisierungsrate von 95 Prozent im Jahr 2050 an. Dafür müssten Energieeffizienz, erneuerbare Energien, die Entwicklung von kohlenstoffarmen Energieträgern sowie das Emissionshandelssystem ETS verbessert und vorangetrieben werden.

Dies gelte auch für die Landwirtschaft und mit ihr zusammenhängende Sektoren: „Die Düngemittelindustrie kann sich durch die Verwendung von Ökostrom, kohlestofffreiem Wasserstoff und den Einsatz von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) dekarbonisieren.“

Insbesondere Düngemittel auf Stickstoffbasis sind energieintensive Produkte, bei denen durch die Umwandlung von Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak gewonnen wird – ein Grundbaustein aller Düngemittel.

Da Ammoniak allerdings einen hohen Energiegehalt hat und leicht zu transportieren ist, birgt es auch ein großes Potenzial zur Speicherung von Wasserstoff, d.h. sauberer Energie.

Angesichts dieses Potenzials von Ammoniak als Mittel zur Energiespeicherung könnte die Düngemittelindustrie künftig sogar positive Auswirkungen auf die Umwelt haben, indem sie zur Dekarbonisierung der Energieversorgung beiträgt, heißt es im Bericht der Industrie.

GAP 2020: EU-Staaten sind verantwortlich für Innovationen, nicht Brüssel

Im Interview erklärt Landwirtschaftskommissar Phil Hogan, künftig müssten die Mitgliedsstaaten über die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft durch die Gemeinsame Agrarpolitik entscheiden.

Auch Antti Peltomäki, stellvertretender Direktor der Generaldirektion GROW (zuständig für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU), glaubt an das Potenzial von Ammoniak. Im Gespräch mit EURACTIV unterstrich er, Ammoniak könne zusammen mit Wasserstoff eine führende Rolle bei der Dekarbonisierung unserer Energiesysteme spielen.

„Um unsere Industrie zu dekarbonisieren, brauchen wir kohlestofffreien Strom – entweder direkt [also aus erneuerbaren Energien] oder in Form von Wasserstoff oder CO2-Abscheidung, Nutzung und Speicherung,“ erläuterte er.

Aus Sicht von Professor Ad van Wijk von der TU Delft muss die Düngemittelindustrie dafür vor allem mit anderen Wirtschaftssektoren zusammenarbeiten, um eine Wertschöpfungskette zu schaffen, in der gleichzeitig sauberer Strom, Wasserstoff und Ammoniak produziert und verteilt werden kann.

Dies sei der optimale Weg, um Kosten zu senken, so van Wijk. Er ist sich sicher: „Ansonsten haben wir all diese Zwischenhändler in der Kette – und jeder muss einen Gewinn machen.“

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