Özdemir will Export von blockiertem ukrainischen Getreide unterstützen

Vor dem Krieg wurden nach Angaben des ukrainischen Agrarministeriums monatlich etwa fünf Millionen Tonnen Getreide über die Häfen des Landes exportiert. [SHUTTERSTOCK]

Weil die Häfen der ukrainischen Schwarzmeerküste durch Russland blockiert oder zerstört sind, kann das Land wichtige Agrarrohstoffe kaum exportieren. Gemeinsam mit den G7-Ländern will Bundesagrarminister Cem Özdemir nun die Exportlogistik unterstützen.

Beim Treffen der G7-Agrarminister:innen Mitte Mai wolle er mit seinen Amtskolleg:innen darüber sprechen, angesichts der schwierigen logistischen Lage der Zugang der Ukraine zu den globalen Agrarmärkten weiter gesichert werden könne, sagte der Grünen-Minister am Montag gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

“Wir werden als Bundesregierung alles tun, was geht”, so Özdemir.

Über den Seeweg wird normalerweise das Gros des Weizens aus der Ukraine verschifft, einem der wichtigsten Getreideexporteure weltweit. Vor dem Krieg wurden nach Angaben des ukrainischen Agrarministeriums monatlich etwa fünf Millionen Tonnen Getreide über die Häfen des Landes exportiert.

Man müsse deshalb alternative Verkehrswege ermöglichen, erklärte Özdemir. So könne der Transport über die Schiene “eine Lösung sein, um Getreide zu exportieren – wenn auch mit viel Aufwand und mit beschränkten Kapazitäten.”

Konkret seien es vor allem unterschiedliche Spurweiten der Gleise in verschiedenen Länder sowie ein Mangel an verwendungsfähigen Containern, die dem Transport über die Schiene im Weg stünden. Außerdem habe Russland zuletzt zunehmend auch Eisenbahnanlagen bombardiert, so der Agrarminister.

Ausfuhr über Schiene und Binnenschifffahrt

Die Ausfuhr des ukrainischen Getreides sei aktuell ein Hauptproblem, mit dem man sich im ukrainischen Agrarministerium beschäftige, sagte Minister Mykola Solsky kürzlich in einem Interview mit ukrainischen Medien. So seien die Häfen in Odessa und Mykolaiv momentan “aus offensichtlichen Gründen” lahmgelegt.

Agrarrohstoffe über den Seeweg aus dem Land zu bringen, sei aktuell “im Prinzip unmöglich”, sagte auch Mariya Yaroshko, geschäftsführende Projektleiterin des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs (APD) in Kyjiw, eines von den Ministerien beider Länder getragenen Kooperationsprojekts, gegenüber EURACTIV Deutschland.

G7-Agrarminister einigen sich auf offene Märkte trotz Ukrainekriegs

Die Agrarminister:innen der G7-Staaten haben am Freitag (11. März) auf einer außerordentlichen Sitzung eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, die internationalen Lebensmittelmärkte offen zu halten und die Versorgung in der Ukraine zu unterstützen.

 

“Jetzt müssen wir uns umorientieren und da geht es tatsächlich vor allem um Zugtransporte”, erklärte sie. Doch hier sei die Infrastruktur noch nicht stark genug ausgebaut, um das benötigte Exportvolumen stemmen zu können.

“Aktuell sind wir da bei vielleicht 15 Prozent der Kapazität, die wir brauchen”, so Yaroshko.

Eine weitere Alternative, die die Ukraine laut Solsky verfolgt, ist, die Produkte per Binnenschifffahrt über die Donau in westliche Länder zu bringen, von wo aus sie dann weiter exportiert werden können.

Dies sei günstiger und schneller als die Ausfuhr per Zug, kommentierte Yaroshko, doch auch hier mangele es an schnell verfügbaren, geeigneten Schiffen.

Trotz aller Bemühungen um eine verstärkte Ausfuhr über Schiene, Straße und Binnenschifffahrt reichten die Exportkapazitäten aktuell nicht aus, so Solsky.

So habe die Ukraine im März lediglich 200.000 Tonnen exportieren können, während das Land aktuell – trotz der schwierigen Bedingungen bei der Produktion – noch 20 Millionen Tonnen Weizen aus der letzten Ernte für den Export gelagert habe, erklärte der Minister.

Während man kurz nach Beginn des Krieges vor allem auf die Versorgung im eigenen Land bedacht gewesen sei – so hatte die Ukraine zeitweise die Ausfuhr von Weizen gestoppt – habe man mittlerweile einen besseren Überblick über die Versorgungslage und sei zu dem Ergebnis gekommen, “dass wir tatsächlich noch Überschüsse haben”, so Yaroshko.

Entscheidende Einnahmequelle bricht weg

“Und diese Überschüsse können natürlich exportiert werden, denn wir verstehen auch die Verantwortung der Ukraine, vor allem, was Länder angeht, die mit unseren Exporten gerechnet haben”, so die Projektleiterin.

Die Unterbrechungen bei Produktion und Export durch Russlands Angriffskrieg hatten zuletzt weltweit die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben und treffen vor allem importabhängige Länder Asiens und Afrikas heftig.

Lage der ukrainischen Landwirtschaft “schlecht bis katastrophal”

Angesichts des russischen Kriegs stehen die landwirtschaftlichen Betriebe in der Ukraine vor enormen Schwierigkeiten: In weiten Teilen des Landes können Felder nicht bestellt weren, Nutztiere stehen teils vor dem Hungertod, sagt Alex Lissitsa im Interview mit EURACTIV Deutschland.

Gleichzeitig sind die Exporte aber auch für die kriegsgebeutelte ukrainische Wirtschaft von zentraler Bedeutung. “Für die Ukraine sind die Agrarexporte eine der wichtigsten Einnahmequellen und auch eine der Hauptmöglichkeiten, um an internationale Devisen zu kommen”, so Yaroshko.

Nach Angaben des Agrarministeriums in Kyjiw machen Agrarprodukte 40 Prozent der gesamten Exporteinnahmen des Landes aus.

Die Exportproblematik sei deshalb neben der Ernährungssicherung im eigenen Land einer der aktuellen Schwerpunkte der ukrainischen Agrarpolitik, sagte Mykola Pugachov,  stellvertretender Direktor des ukrainischen Instituts für Agrarökonomie, kürzlich in einer öffentlichen Konferenz.

“Exporte haben wiederum Auswirkungen auf die Agrarmärkte selbst, denn sie bringen die finanziellen Mittel, um die Aussaat und Ernte zu finanzieren, um die Höfe am Laufen zu halten”, erklärte er.

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