Niederlande starten Projekt für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft

Die niederländische Landwirtschaft soll nachhaltiger werden. [Shutterstock]

Die niederländische Regierung hat ihre neue „Vision 2030“ für die Landwirtschaft des Landes vorgestellt. Darin wird dem Schutz der natürlichen Ressourcen und der Verringerung der negativen Umweltauswirkungen des Sektors Priorität eingeräumt.

Die neue „Pflanzenschutzvision 2030“ basiert auf zwei Prinzipien: innovative Pflanzenzüchtung und Präzisionslandwirtschaft – beides wichtige Themen für die Zukunft der EU-Landwirtschaft.

„Pestizide sind wichtig, um eine gute und qualitativ hochwertige Produktion zu gewährleisten. Die derzeitige Abhängigkeit von Pestiziden ist jedoch so groß, dass wir eine radikale Trendwende brauchen – auch, um die Umweltauswirkungen zu reduzieren,“ erläuterte Landwirtschaftsministerin Carola Schouten vergangene Woche.

Schouten sagte, die Vision stelle einen „Paradigmenwechsel“ dar. Mit der Verfügbarkeit widerstandsfähigerer Pflanzen und besserer Anbaumethoden werde die Notwendigkeit des Einsatzes von Pestiziden verringert.

Sie fügte hinzu: „Dort, wo Pestizide weiterhin notwendig sind, sollte ihr Einsatz „intelligent“ sein, um die Umweltbelastung zu minimieren und die Produktion von Pflanzen mit äußerst geringen Rückständen zu gewährleisten.“

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Nach dem niederländischen Plan werden Pflanzen bei minimalem Einsatz von Pestiziden besser vor Schädlingen und Krankheiten geschützt: „Er zielt darauf ab, Natur und biologische Vielfalt, gesunde Arten und eine klare wirtschaftliche Perspektive für die Landwirte zu bewahren,“ teilte das niederländische Landwirtschaftsministerium in einer Erklärung mit.

Um die Abhängigkeit von Pestiziden zu verringern, sollte die Verbesserung der natürlichen Abwehrkräfte von Pflanzen im Mittelpunkt der Vision stehen, hieß es weiter.

„Ein guter, gesunder Boden, der der Pflanze genügend Nährstoffe liefert, trägt auch zur Widerstandsfähigkeit bei. Wo immer möglich, sollten die Züchter natürliche Feinde nutzen, indem sie sie aktiv einsetzen – wie beim Gemüseanbau in Gewächshäusern – oder indem sie die in der unmittelbaren Umgebung verfügbaren natürlichen Ressourcen (funktionale Agrobiodiversität) nutzen und stärken,“ so das Ministerium.

Neue Pflanzenzuchtmethoden

Der Begriff „Neue Pflanzenzuchtmethoden („New Plant Breeding Techniques“, NPBTs) beschreibt wissenschaftliche Methoden zur gentechnischen Veränderung von Pflanzen zur Verbesserung natürlicher Eigenschaften wie Dürretoleranz und Schädlingsresistenz.

Die Diskussion über NPBTs steht in Brüssel im Mittelpunkt, seit ein Europäisches Gericht im Juli 2018 entschieden hatte, dass durch Mutagenese gewonnene Organismen faktisch „genetisch veränderte Organismen“ sind und somit grundsätzlich unter die GVO-Richtlinie fallen sollten.

Die Agrar- und Ernährungsindustrie wehrt sich gegen die GVO-Klassifizierung. Ihrer Argumentation nach können die durch diese Techniken gewonnenen Pflanzen auf natürliche Weise oder durch konventionelle Kreuzungstechniken, die natürliche Prozesse nachahmen, entstehen.

Neue Pflanzenzüchtungstechniken: EU-Kommissar Andriukaitis liegt falsch

Die EU-Kommission stellt diese strengen Regeln für genveränderte Pflanzen in Frage – das untergräbt die Nahrungsmittelsicherheit, meint die Organisation Slow Food.

Für die Gegner sind NPBTs nur ein weiterer Versuch, GVO „durch die Hintertür“ an europäische Landwirte zu verkaufen, die gleichzeitig ihr Recht verlieren könnten, eigenes Saatgut zu verwenden. Ihrer Ansicht nach sollten alle diese Techniken daher unter das strenge Genehmigungsverfahren der EU für GVO fallen.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit EURACTIV.com räumte auch EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis ein, die neuen Methoden erforderten eine neue EU-Verordnung. Er fügte aber auch hinzu, dass es „zu viel Manipulation und Angstmacherei“ in diesem Bereich gebe.

Präzisionslandwirtschaft

Ein weiteres Element des niederländischen Plans ist die Einführung von Praktiken der sogenannten „Präzisionslandwirtschaft“ als Mittel zur Minderung des Klimawandels durch den verringerten und gezielteren Einsatz von Pestiziden.

Das niederländische Ministerium erklärte dazu, die Präzisionslandwirtschaft trage dazu bei, sowohl die Ernte als auch die Böden besser zu überwachen und die Landwirte im Falle von Risiken frühzeitig zu warnen.

„Pestizide können dann gezielt eingesetzt werden. Wo Pestizide benötigt werden, werden Sorten mit geringem Risiko bevorzugt, und (neue) Techniken sind notwendig, um die Emissionen in die Umwelt zu minimieren,“ hieß es von Seiten des Ministeriums.

Mehr Flexibilität für die GAP nach 2020

Das neue Umsetzungsmodell der GAP für die Zeit nach 2020 gibt den EU-Mitgliedstaaten die Flexibilität, ihre eigenen strategischen Pläne für die gemeinsame Agrarpolitik auszuarbeiten. Diese sollen somit besser an die jeweils unterschiedlichen lokalen Bedürfnisse angepasst sein.

GAP 2020: EU-Staaten sind verantwortlich für Innovationen, nicht Brüssel

Im Interview erklärt Landwirtschaftskommissar Phil Hogan, künftig müssten die Mitgliedsstaaten über die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft durch die Gemeinsame Agrarpolitik entscheiden.

In einem Interview mit EURACTIV Rumänien im September 2018 machte EU-Agrarkommissar Phil Hogan deutlich, dass es von nun an Sache der Mitgliedstaaten sei, die Einführung von Innovationen in der Landwirtschaft zu beschleunigen.

„Die tatsächlichen Aufwendungen für die Präzisionslandwirtschaft hängen von den lokalen Bedürfnissen und den Mitteln ab, die die Mitgliedstaaten aus den ihnen zugeteilten GAP-Geldern für diesen Bereich bereitstellen wollen,“ erklärte Hogan damals.

Der irische Politiker fügte hinzu: „Die Erfahrungen mit der derzeitigen GAP – die ja auf 28 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Klimazonen, Produktionsmethoden und Traditionen angewendet wird – zeigen, dass Brüssel einfach nicht mehr bestimmen kann und sollte, was in den einzelnen Mitgliedstaaten zu tun ist.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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