Das EU-Parlament hat heute der Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik zugestimmt. Fischbestände sollen dadurch in Zukunft ökologisch und wirtschaftlich nachhaltiger genutzt werden. Allerdings wurden die umstrittenen Grundschleppnetze nicht grundsätzlich verboten – nicht nur Umweltschützer kritisieren dies scharf.
Das EU-Parlament hat sich am heutigen Dienstag für neue Regeln gegen die Überfischung der Meere ausgesprochen. Mit der Abstimmung wurde die Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) verabschiedet. Die Reform wird nun in allen Gewässern der EU ab dem 1. Januar 2014 umgesetzt. Mit der neuen GFP sollen die Voraussetzungen für eine wirtschaftlich tragfähige und nachhaltige EU-Fischereiflotte geschaffen und damit Küstengemeinden in ganz Europa unterstützt werden, teilte die Kommission mit.
Die EU verfolgt mit der Reform ein doppeltes Ziel: Mit der schrittweisen Abschaffung der verschwenderischen Rückwurfpraxis sollen die Fischbestände sowohl nachhaltiger bewirtschaftet als auch die Fänge der Fischer maximiert werden.
EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki zeigte sich zufrieden: "Mit dem heutigen Votum des Europäischen Parlaments verfügen wir nun über eine Politik, durch die unsere Fischereien grundlegend verändert werden und der Weg für eine nachhaltige Zukunft unserer Fischer und unserer Ressourcen bereitet wird. […] Die neue GFP gibt wichtige Impulse für das, was wir heute in Europa am dringendsten benötigen: die Rückkehr zu Wachstum und Beschäftigung in unseren Küstengemeinden."
Kein Verbot der umstrittenen Grundschleppnetze
Heftige Kritik müssen die EU-Abgeordneten allerdings von Seiten der Umweltschützer einstecken. Der Grund: Die Parlamentarier stimmten mit 342 zu 326 Stimmen knapp gegen ein Verbot von Grundschleppnetzen ab 600 Metern Tiefe. Zwar sollen sensible Ökosysteme wie Korallenriffe geschützt werden – allerdings nur in bisher unbefischten Gebieten. "Es ist der blanke Hohn: Die zerstörerischste Fischereitechnik soll weiterhin in einem der empfindlichsten Lebensräume des Meeres eingesetzt werden", kritisiert Stephan Lutter, Meeresschutzexperte beim WWF das heutige Votum. "Nachhaltige Fischerei muss unabhängig sein von der Wassertiefe."
Die Grundschleppnetze zerstörten jahrhundertealte Korallenriffe in wenigen Minuten, so Lutter. Der Lebensraum für bedrohte Tiefseehaie und hunderte wirbelloser Tierarten werde dadurch "regelrecht planiert". Tiefseefische seien zudem besonders anfällig für Überfischung, da sie langsam wachsen, sich erst im hohen Alter fortpflanzen und oft nur wenige Nachkommen produzieren.
"Ich bin enttäuscht darüber, dass die Konservativen nicht bereit waren, diesen wichtigen Schritt zu gehen", teilte die SPD-Fischereiexpertin Ulrike Rodust mit. "Wir wissen viel zu wenig über die Ökologie des Meeresbodens und der Tiefseearten, um eine gezielte Fischerei dort verantworten zu können."
Auch die fischereipolitische Sprecherin der FDP-Delegation im EU-Parlament, Gesine Meißner, kritisiert ihre Kollegen. Das Parlament habe die einmalige Chance vertan, dem ökologischen Raubbau ein Ende zu setzen. "Noch bevor wir [die Tiefsee] entdecken und erforschen können, vernichten wir die Biodiversität der Tiefsee im großen Stil. Die Bilder von gerodeten Regenwäldern gehen regelmäßig um die Welt und werden heftig diskutiert; im Dunkeln der Tiefsee spielt sich Ähnliches ab und wird weitgehend ignoriert. Entlang des kompletten Kontinentalrandes, von Norwegen bis Mauretanien, werden derzeit einzigartige Kaltwasserkorallenriffe zerstört."
Die EU hat eine der größten Tiefsee-Flotten der Welt. Sie fischt in europäischen Gewässern und auf Hoher See. Die Bestände von Tiefseefischen im Nordostatlantik gehören weltweit zu den am stärksten befischten. Der Löwenanteil von 90 Prozent der Fänge geht auf das Konto von nur drei Nationen – Portugal, Spanien und Frankreich.
Die umstrittenen Grundschleppnetze zählen zu den verbreitetsten Fangmethoden der europäischen Tiefseeflotte. Ein Großteil der umweltschädigenden Fischereien wird auf den Kontinentalhängen und an Seebergen in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern betrieben. Gerade hier finden sich ökologisch wertvolle Kaltwasserkorallenriffe und -gärten und andere empfindliche Lebensräume wie Formationen von Tiefseeschwämmen.
"Die Beifangraten in der Tiefseefischerei sind haarsträubend, bis zu 100 Arten werden neben der erwünschten mitgefangen, weil die riesigen Netze alles Leben verschlucken", erläutert WWF-Experte Lutter. "Ganze Artengemeinschaften werden viel stärker geschädigt, als durch eine zielgerichtete Fischerei."
pat
