Nach g.U.-Vergabe: Halloumi als Annäherungsmöglichkeit auf Zypern?

Irgendwo zwischen Grillzutat und Konfliktlöser: Halloumi beziehungsweise Hellim. [SHUTTERSTOCK/SINGERGM]

Die EU-Entscheidung, den Halloumi-Käse mit einer geografischen Ursprungsbezeichnung zu schützen, geht über den Bereich Nahrungsmittel hinaus: Politische Akteure sehen darin auch eine mögliche Chance, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu verbessern und die beiden Volksgruppen auf der Insel einander näher zu bringen.

Am Montag verlieh die Europäische Kommission dem Halloumi-Käse offiziell den Status „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.).

Die g.U.-Registrierung unterstreicht die starke regionale Bindung von Produkten an den Ort ihrer Herstellung. Sie ist in das EU-System der geistigen Eigentumsrechte eingebunden. Dies bringt beispielsweise rechtlichen Schutz gegen Imitationen.

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Laut dem zypriotischen Landwirtschaftsminister Costas Kadis belief sich der Wert der Halloumi-Exporte im Jahr 2020 auf einen Rekordwert von 224 Millionen Euro.

Zypern hatte den g.U.-Status für sein „weißes Gold“ bereits 2014 bei der EU-Kommission beantragt. Der Prozess wurde jedoch durch seine möglichen geopolitischen Implikationen belastet und machte lange Zeit wenig Fortschritte. In Brüssel fürchtete man offenbar, die Angelegenheit könne das empfindliche Gleichgewicht zwischen den beiden Volksgruppen auf der Insel gefährden.

Der EU-Antrag, der an die Kommission geschickt wurde, enthielt derweil auch den Begriff „Hellim“, die türkische Bezeichnung für Halloumi. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass der Antrag inzwischen als potenziell förderlich für den Frieden auf Zypern angesehen wird.

Langsame Prozesse

Die EU-Exekutive schaffte es im vergangenen März nach fast sieben Jahren Stillstand, einen endgültigen Vorschlag zur Beilegung der „Halloumi-Saga“ vorzulegen.

„Diese Entscheidung hätte schon vor langer Zeit getroffen werden müssen, wenn man bedenkt, dass Halloumi so einzigartig und Teil des zypriotischen Erbes ist,“ kritisiert der zypriotische Europaabgeordnete Demetris Papadakis gegenüber EURACTIV.com.

Aus Sicht des sozialdemokratischen Parlamentariers ist einer der Hauptgründe für die Verzögerung der Streit zwischen Milchproduzenten und Schaf- und Ziegenbauern darüber, ob und wie viel Kuhmilch Halloumi offiziell enthalten soll.

Doch auch er weiß: „Leider wurde Halloumi natürlich auch der politischen Zweckmäßigkeit geopfert: [Der Antrag] blieb jahrelang in den Schubladen der Kommission, da er mit den Diskussionen um die Lösung des Zypern-Problems in Verbindung gebracht wurde,“ so Papadakis weiter.

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Entgegen vorheriger Ängste könnte Halloumi nach der nun erfolgten EU-Registrierung aber vielmehr zu einem Faktor für die Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemeinschaften werden, hoffen diverse Politikerinnen und Politiker.

Aus Sicht der EU-Kommission ist die Registrierung von Halloumi/Hellim als g.U. ein „höchst symbolischer Schritt“ zur Annäherung und vertrauensbildenden Zusammenarbeit, da das Schutzsystem gleichermaßen für Produzenten aus beiden zypriotischen Volksgruppen gelten wird: „Die beiden Gemeinschaften Zyperns können nun bis zur Wiedervereinigung des Landes von den wirtschaftlichen Vorteilen dieser Entscheidung profitieren und gleichzeitig sicherstellen, dass unsere strengen Lebensmittelsicherheitsstandards eingehalten werden,“ sagte die (ebenfalls zypriotische) EU-Kommissarin Stella Kyriakides.

Handel über die „grüne Linie“ hinweg

Am wichtigsten dürfte derweil sein, dass die Kommission eine Maßnahme beschlossen hat, die es dem g.U.-Produkt ermöglicht, die sogenannte „grüne Linie“ zu überqueren, die Pufferzone, die die beiden Seiten der Insel trennt.

Die türkisch-zypriotische Handelskammer teilte auf Nachfrage von EURACTIV.com mit, man betrachte die Aufnahme in die Liste der europäischen Qualitätsprodukte und die Maßnahme, die es dem g.U.-Produkt erlaubt, die grüne Linie zu überqueren – und damit Zugang zum EU-Markt zu erhalten – als eine positive Entwicklung sowie auch eine wichtige Chance für die Käsehersteller.

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„Angesichts der seit langem bestehenden Probleme im Handel über die grüne Linie hinweg besteht jedoch noch allgemeine Skepsis darüber, wie erfolgreich der Handel mit Hellim/Halloumi über die grüne Linie sein wird,“ räumte Lale Şener, die Brüsseler Vertreterin der türkisch-zypriotischen Handelskammer ein.

Ihr zufolge können die neuen Mechanismen im Norden nur dann gut funktionieren, wenn es eine starke und effektive Zusammenarbeit mit den unabhängigen Kontrollstellen gibt.

Bei der türkisch-zypriotische Handelskammer bleibe man derweil „zuversichtlich“, dass die finanzielle Unterstützung, die die Kommission den Landwirten und Milchproduzenten seit vielen Jahren anbietet, fortgesetzt wird und den Bedürfnissen des Sektors entspricht, damit dieser die g.U.-Standards auch weiterhin gut erfüllen könne.

[Hinweis: Dies ist eine gekürzte Übersetzung. Den Original-Artikel in voller Länge finden Sie hier. Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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