MEP: Präzisionslandwirtschaft sollte Teil der Wiederaufbaupläne sein

Der Europaabgeordnete Petros Kokkalis von der GUE/NGL. [European Parliament]

This article is part of our special report Innovation in der Landwirtschaft: Die EU am Scheideweg.

Präzisionslandwirtschaft, einschließlich digitalisierter Landwirtschaft, sei der beste Weg, um die strategischen Ziele der EU – grün, smart und sicher – zu erreichen, so der Europaabgeordnete Petros Kokkalis. Daher sollte sie Teil der wirtschaftlichen Wiederaufbaupläne aller Mitgliedsstaaten nach der Pandemie sein.

„Im Rahmen des Programms Next Generation EU werden die Mitgliedsstaaten über zusätzliche Mittel in Höhe von 15 Milliarden Euro für den Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) verfügen, was eine große Chance für die Digitalisierung und die grüne Wende im Agrar- und Lebensmittelsektor darstellt,“ so Kokkalis gegenüber EURACTIV.com.

In ihrem 750 Milliarden Euro schweren Recovery Fund hatte die Europäische Kommission diese „frischen“ 15 Milliarden für ländliche Gebiete zusätzlich zu den Zuweisungen der Mitgliedsstaaten für den Zeitraum 2022 bis 2024 vorgeschlagen.

Der Finanzrahmen für die wirtschaftliche Erholung von der COVID-19-Pandemie wird jedoch noch diskutiert und muss sowohl von den Mitgliedsstaaten als auch vom Europäischen Parlament genehmigt werden. Entscheidend könnte bereits der nächste EU-Ratsgipfel am 17. und 18. Juli werden.

Aus Sicht von Kokkalis, einem Abgeordneten der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke, sind Präzisions- und insbesondere digitalisierte Landwirtschaft passende Instrumente, um die Ziele des Green Deal und der Lebensmittel-Strategie Farm to Fork (F2F) zu erreichen.

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Präzisionslandwirtschaft basiert auf dem Konzept „mit weniger Aufwand mehr produzieren“. Ziel ist es vor allem, den ökologischen Fußabdruck der Landwirtschaft zu verringern, indem beispielsweise der Einsatz von Pestiziden oder Düngemitteln reduziert wird.

Das Konzept, das seit Jahren weitgehend in den USA entwickelt wurde, macht in Brüsseler Kreisen schon lange die rhetorische Runde. Es gibt jedoch noch keinen konkreten Plan, um es in die landwirtschaftliche Realität umzusetzen.

Viele EU-Abgeordnete hoffen nun, es in den Kontext der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020 stellen zu können. Bis dahin sind jedoch noch zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen.

„Um Anreize für solche innovativen Praktiken zu schaffen, brauchen wir ein starkes Budget für die künftige GAP. Es muss zumindest auf dem Niveau der derzeitigen GAP liegen. Und es muss in die Verbesserung der digitalen Fähigkeiten der Landwirte, in Beratungsdienste und Infrastrukturen investiert werden. Diese können aus dem ELER finanziert werden,“ erklärt Kokkalis.

Zwei der Hauptprioritäten der EU-Kommission sind die Digitalisierung und grüne Projekte, die die Wirtschaft widerstandsfähiger machen sollen. Für Kokkalis passt dies perfekt mit dem Auftrag der Präzisionslandwirtschaft zusammen: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Präzisionslandwirtschaft unter Einsatz von Hightech-Ausrüstung das Potenzial hat, Treibhausgasemissionen zu verringern, vor allem durch die Verringerung der landwirtschaftlichen Betriebsmittel, die auf den räumlichen und zeitlichen Bedarf der Nutzpflanzen ausgerichtet sind, und durch die Verbesserung der Fähigkeit des Bodens, Kohlenstoff zu speichern.“

Er fügt hinzu: „Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass wir mit der Entwicklung der digitalen Landwirtschaft, die konsequent die Methoden der Präzisionslandwirtschaft und der intelligenten Landwirtschaft [smart farming] anwendet, über ausgezeichnete Instrumente verfügen, um die ehrgeizigen Ziele der F2F-Strategie zu erreichen.“

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Wissenstransfer, Beratung, Innovation

Der EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski teilt diese Ansicht. Auch er betonte, die F2F-Strategie ziele darauf ab, das gesamte Lebensmittelsystem nachhaltiger zu machen, einschließlich der Landwirtschaft. „Präzisionslandwirtschaft kann wesentlich dazu beitragen, den Landwirtschaftssektor nachhaltiger zu machen und die festgelegten Ziele zu erreichen, wie die 50-prozentige Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden und die Reduzierung des Düngemitteleinsatzes um mindestens 20 Prozent,“ so der Kommissar gegenüber EURACTIV.com

Er betonte jedoch, dass die Einführung intelligenter landwirtschaftlicher Technologien ein entsprechendes Know-how sowie finanzielle und technische Unterstützung für die Landwirte voraussetzt.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass Präzisionslandwirtschaft allein nicht ausreicht. Sie muss durch Beratungsdienste, Wissensaustausch und Kapazitätsaufbau unterstützt werden. Darüber hinaus werden andere Arten von Innovationen erforderlich sein, um die Präzisionslandwirtschaft zu ergänzen, wie zum Beispiel stärker naturbasierte Lösungen,“ meint der polnische Kommissar.

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Ebenso erklärt Tasos Haniotis, Direktor für Strategie, Vereinfachung und Politikanalyse in der Generaldirektion AGRI der Kommission, dass es bei den Beratungssystemen, die die Landwirte mit öffentlich zugänglichen Informationen darüber versorge sollen, wie sie die Dinge besser machen können, eine „sehr ungleiche Situation zwischen den Mitgliedsstaaten“ gebe.

„Wir haben schon seit 2003 versucht, in diese Richtung zu drängen,“ beklagt er. Die EU-Exekutive hat die sogenannten „European Innovation Partnership“-Gruppen eingerichtet, um den Wissenstransfer in ganz Europa zu unterstützen. In der Praxis stößt das Konzept jedoch offenbar weiterhin auf Schwierigkeiten.

„Es gibt Sprachbarrieren in den verschiedenen Netzwerken. So haben Sie vielleicht, sagen wir in Portugal, eine Gruppe, die an etwas arbeitet, das für Griechenland relevant sein könnte. Aber der Transfer findet normalerweise nicht statt. Es geht also auch um Wissen, das bereits existiert.“

Problem: Breitband-Verfügbarkeit

Eine weitere Belastung ist die mangelhafte Breitbandinfrastruktur in den ländlichen Gebieten Europas: Obwohl die Kommission bereits sechs Milliarden Euro in Breitbandverbindungen investiert hat, hinken die EU-Mitgliedsstaaten immer noch hinterher.

„Es besteht weiterhin eine gravierende digitale Kluft zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. Während 83 Prozent der EU-Bevölkerung Zugang zu schnellem Breitband haben, verfügen nur 53 Prozent der Haushalte in ländlichen Gebieten über einen solchen Zugang. Dies ist ein bedeutendes Hindernis für die Entwicklung neuer Unternehmen, Arbeitsplätze und Wohlstand in ländlichen Gebieten,“ erläutert Kommissar Wojciechowski.

Er kündigt daher an: „Die Förderung von Breitband-Verbindungen wird auch eines der Elemente einer langfristigen Vision für ländliche Gebiete sein.“

Diese soll im Jahr 2021 veröffentlicht werden.

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