Männerdomäne Landwirtschaft

Beim Thema Geschlechtergleichstellung gibt es in der Landwirtschaft noch viel zu tun. [Shutterstock]

This article is part of our special report Nachwuchs und Frauen für die EU-Landwirtschaft.

In der Agrarpolitik spielen Frauen kaum eine Rolle. Gleichzeitig machen sie aber beispielsweise ein Viertel der französischen Landwirte aus. In der Bretagne versucht das Netzwerk „agriculture au féminin“ nun, das Thema Geschlechtergerechtigkeit im Agrarsektor voranzutreiben. EURACTIV Frankreich berichtet.

Die Zahl der Frauen in der Landwirtschaft wächst. Frauen gründeten 41 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Frankreich; und weibliche Landwirte wagen eher den Einstieg in den ökologischen Landbau und bei neuen Produktionsformen sowie kurzen Lieferketten.

Doch laut Nabila Gain-Nachi, einer Vertreterin für Geschlechterparität bei der Landwirtschaftskammer der Bretagne, sind die meisten Landwirte (und Landwirtinnen) nicht sonderlich an Gleichstellung interessiert: „Sie sorgen sich eher um den Milchpreis, ihre Löhne, die Wirtschaft und so weiter.“

Ihrer Ansicht nach gäbe es jedoch viele Bereiche, in denen die Gleichstellung der Geschlechter im Agrarsektor verbessert werden könne, darunter körperliche Arbeit, Landbesitz, gleiche Bezahlung und sogar Repräsentation in Entscheidungsgremien.

Noch zwei Jahrhunderte bis zur Geschlechtergleichheit

Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Verringerung von Unterschieden würde es noch 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wird.

Das Departement Côtes-d’Armor in der Bretagne steht bei der Geschlechterfrage an vorderster Front: Es die einzige Landwirtschaftskammer, die eine Gruppe zur Geschlechtergleichstellung im Agrarsektor eingerichtet hat.

„Das Konzept der „agriculture au féminin“ wurde 2004 in der Landwirtschaftskammer Côtes-d’Armor entwickelt. Wir taten dies, als wir feststellten, dass es keine solche Initiative innerhalb der Landwirtschaftskammern – oder generell – gab,“ erinnert sich Gain-Nachi.

Inzwischen hat die Landwirtschaftskammer Côtes-d’Armor mit EU-Mitteln eine Studie über weibliche Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten unter anderem, dass sich Frauen beruflich isoliert fühlen.

„Bäuerinnen sind von Isolation stärker betroffen als Männer. Diese Beobachtung hat gezeigt, dass spezifische Maßnahmen zur Unterstützung weiblicher Landwirte ergriffen werden müssen,“ erklärt Gain-Nachi.

Ohne EU-Gelder geht nicht viel

Mit diesem Ziel sei 2009 in der Bretagne auch die Regionalgruppe „Agricultrice au féminin“ gegründet worden.

Die Gruppe erhält Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), um Maßnahmen zur Förderung der Attraktivität der Landwirtschaft sowie der Ausbildung und der Einstellung von Frauen in Führungspositionen zu ergreifen.

„Wir haben auch den ersten Kommunikationsleitfaden für Landwirtschaftskammern erstellt, mit dem Geschlechterstereotypen vermieden werden sollen,“ so Gain-Nachi weiter.

Seit dem Auslaufen des europäischen Programms im Jahr 2013 sind die Subventionen jedoch knapp – und andere französische Regionen sind dem Beispiel der Bretagne kaum gefolgt.

„Derzeit verfügen wir über ein Budget von rund 30.000 Euro pro Jahr für die Region Bretagne. Damit allein werden nicht in der Lage sein, die landwirtschaftliche Denkweise zu revolutionieren,“ glaubt Gain-Nachi.

Zu wenig Frauen in den Landwirtschaftskammern

Sie sieht jedoch vor allem die Beteiligung von Frauen in Entscheidungsgremien als eines der wichtigsten Mittel, um das Thema „Landwirtinnen“ auf die politische Agenda zu setzen.

Im Jahr 2013 wurde durch ein Dekret des ehemaligen französischen Ministers für Landwirtschaft und Ernährung Stéphane Le Foll ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf den Wahllisten für Landwirtschaftskammern eingeführt.

Faktisch blieben Führungspositionen für Frauen jedoch weitgehend verschlossen. Aktuell gibt es nur vier weibliche Vorsitzende der französischen Landwirtschaftskammern.

Ein weiterer grundlegender Schritt zur Unterstützung von Landwirtinnen war die Einführung des Status eines „mitarbeitenden Ehepartners“ in Frankreich im Jahr 1999: „Diese Reform brachte eine gewisse Anerkennung für Frauen, die vorher lange Zeit lediglich im Hintergrund arbeiteten,“ erklärt Gain-Nachi. „Früher waren die Partnerinnen der Bauern nichts auf dem Hof. Heute haben sie einen Status.“

Im Jahr 2014 waren neun von zehn „kooperierenden Ehepartnern“ Frauen, so Daten der Mutualité Sociale Agricole (MSA), die im Agrarsektor Sozialversicherungsschutz anbietet.

Trotz des Status „mitarbeitender Ehepartner“ arbeiten immer noch eine Reihe von Frauen ohne Rechtsstatus (zwischen 2.000 und 5.000 laut einem Bericht des französischen Senats).

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Erste zaghafte Impulse auf EU-Ebene

Diese kleinen Schritte werden jedoch vor allem auf europäischer Ebene nicht vorangetrieben; die Geschlechterfrage ist in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die derzeit in Brüssel verhandelt wird, selten zu finden.

„In der neuen GAP gibt es nichts über Frauen, überhaupt nichts. Wir haben Regelungen vorgeschlagen, wie z.B. eine differenzierte Unterstützung bei der Gründung, wo Frauen im Vergleich zu Männern mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sind,“ kritisiert Gain-Nachi.

„Es gibt Dinge, bei denen die GAP in Bezug auf die Stellung der Frauen in der Landwirtschaft Impulse geben könnte. Und das dürfte auch den Männern zugute kommen, beispielsweise die Entwicklung ergonomischer Werkzeuge für schwere körperliche Arbeit,“ fügt sie hinzu.

Inzwischen wird tatsächlich auch im Europäischen Parlament über Fragen nach dem Platz der Frauen in der zukünftigen GAP debattiert. So fordern sowohl der Parlamentsausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (AGRI) sowie der Ausschuss für Frauenrechte und Geschlechtergleichstellung (FEMM), die Geschlechtergleichstellung müsse in die zukünftige GAP integriert werden.

Dieser Vorschlag ist im aktuellen Entwurf der Europäischen Kommission für die zukünftige GAP allerdings (noch) nicht enthalten.

[Bearbeitet von Sam Morgan]

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