Lobbyisten: „Realitäten der afrikanischen Landwirtschaft“ berücksichtigen

Portugal, das noch bis Juli die EU-Ratspräsidentschaft innehat, ist offenbar sehr daran interessiert, die EU-Afrika-Agenda voranzutreiben. [SHUTTERSTOCK]

Zukünftige Partnerschaften zwischen der EU und Afrika im Agrar- und Lebensmittelbereich müssen die „Realitäten der Landwirtschaft in Afrika“ berücksichtigen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Bestreben nach einer umweltfreundlicheren Branche, so die Forderung von Lobbyisten der Agrar- und Lebensmittelindustrie.

Die Kommentare kommen im Zusammenhang mit den Gesprächen zwischen den beiden Kontinenten, die darauf abzielen, eine neue „strategische Partnerschaft“ zwischen den EU und den afrikanischen Staaten zu vereinbaren.

Während die Gespräche zwischen der EU-Kommission und der Afrikanischen Union im Zuge der COVID-19-Krise ins Stocken geraten sind, könnte die Pandemie allerdings auch die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen dem EU-Block und dem afrikanischen Kontinent aufgezeigt haben.

In jedem Fall wurde die wachsende Dringlichkeit der Themen Klimakatastrophe, Ernährungssicherheit und auch die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Kontinente verdeutlicht.

Wegen Pandemie und Klimazielen: Agrar-Beziehungen zu Afrika sollen sich ändern

Angesichts der weiterhin grassierenden Coronavirus-Pandemie und den verschärften Klimazielen der EU soll sich nun auch die Kooperation mit den afrikanischen Staaten verändern.

Portugal, das noch bis Juli die EU-Ratspräsidentschaft innehat, ist offenbar sehr daran interessiert, die Agenda voranzutreiben: Ein portugiesischer Diplomat hatte bereits im Januar betont, dass „Afrika ein wichtiger Partner der EU sein sollte und könnte“.

Die Landwirtschaft ist einer der Hauptschwerpunkte dieser Partnerschaft, wobei der Fokus der EU auf der Förderung eines „grünen Wandels“ im Einklang mit den eigenen Green-Deal-Ambitionen liegt. Allerdings müssten die Visionen für eine solche globale grüne Wende mit den spezifischen Gegebenheiten auf dem afrikanischen Kontinent übereinstimmen, betonten Interessenvertreter während einer vom Saatgut- und Pflanzenschutzmittelhersteller Syngenta unterstützten Veranstaltung zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen und Handel im Dezember.

„Es ist wichtig, dass die Strategie und die Partnerschaftsbereiche an die Realität auf unserem Kontinent angepasst werden. Wir brauchen einen afrikanischen grünen Übergang, der die anhaltende Ertragslücke und den geringeren Einsatz moderner innovativer Praktiken und Instrumente in Afrika berücksichtigt,“ betonte beispielsweise Antonie Delport, Leiter für den Bereich Südafrika und strategische Partnerschaften in Afrika und im Nahen Osten bei Syngenta.

„Wir brauchen in Afrika einen grünen Übergang, der es Afrika ermöglicht, das Beste aus Technologie und Innovation zu machen – aber auf nachhaltige Weise und in Partnerschaft mit den verschiedenen Teilen der Gesellschaft, einschließlich des Privatsektors,“ erklärte er weiter.

Delport hob außerdem hervor, dass Afrikas wichtigster Handelspartner die EU sei, wobei der Handel mit der Union 31 Prozent der afrikanischen Exporte und 29 Prozent der Importe ausmache. Daher sei es wichtig, dass eine Regulierung, die beide Kontinente betreffe, „zweckmäßig“ sei. Man müsse in jedem Fall das Potenzial von Freihandelsabkommen ausschöpfen.

UN-Vertreter: Afrika braucht seine eigene Farm-to-Fork-Strategie

Afrika brauche eine „Farm to Fork“-ähnlich Strategie, um seine Lebensmittelsysteme nachhaltiger zu gestalten, so ein hoher Beamter des Fonds der Vereinten Nationen für ländliche Landwirtschaft. Die EU könne ein Orientierungspunkt sein und im Zentrum dieses Wandels stehen.

Unterschiede zwischen den beiden Kontinenten würden sich insbesondere bei den klimatischen Bedingungen und dem Schädlingsbefall bemerkbar machen: Okisegere Ojepat, Geschäftsführer des Fresh Produce Consortium of Kenya, wies auf die Schwierigkeiten hin, mit denen kenianische Erzeuger bei der Anpassung an die sich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen in anderen Teilen der Welt konfrontiert sind. Ebenso schaffe die besondere geografische Lage des Landes am Äquator das ganze Jahr über schwierige klimatische Bedingungen.

Ojepat wies darauf hin, dass das warme Klima ein perfekter Nährboden für Schädlinge sei. Für kenianische Landwirte wäre demnach eine Einschränkung oder Rücknahme bestimmter Pestizide ohne das Angebot von entsprechenden Alternativen geradezu gefährlich.

„Während wir mehr produzieren wollen, um uns selbst zu ernähren und dann zu exportieren, sind wir nicht in der Lage, das zu tun,“ warnte er und betonte, dass häufige regulatorische Änderungen das „größte Hindernis“ für die Produzenten in der Region seien, um auf den internationalen Markt zu kommen und mit der EU zu handeln.

Für einen Wandel im Lebensmittelsystem braucht es europäisch-afrikanische Partnerschaft

Nach der Coronavirus-Pandemie werde die Zusammenarbeit zwischen der EU und Afrika wichtiger denn je sein, um die Nahrungsmittelsysteme zu stärken und zu transformieren. Es  müsse aber darauf geachtet werden, dass eine gleichberechtigte Partnerschaft entsteht, betonen Expertinnen und Experten.

„Wir sehen, dass Zulassungen für bestimmte Substanzen [in der EU] zurückgezogen werden, ohne dass wir die Möglichkeit haben, zu diskutieren und zu vereinbaren, wie wir zusammenarbeiten können,“ kritisierte der Arbeitgeber-Vertreter. Daher müsse es einen „entgegenkommenderen globalen Raum“ für Diskussionen geben.

„Was ich in dieser Strategie zwischen der EU und Afrika sehen möchte, ist eine akzeptablere Partnerschaft, in der es keinen großen Bruder gibt, in der wir alle Partner sind und in der wir alle eine Rolle zu spielen haben,“ sagte er. Es brauche eine „Win-Win-Situation auf der ganzen Welt“.

Abschließend betonte Ojepat: „Für mich besteht der beste Weg nach vorne auf globaler Ebene darin, zu schätzen, dass wir alle Teilnehmer sind, egal auf welcher Ebene, dass wir leidenschaftlich sind, und dass wir einzigartige Produkte, einzigartige Eigenschaften an den Tisch bringen. Und wir bringen einzigartige Möglichkeiten, die jedem von uns offen stehen sollten.“

[Bearbeitet von Benjamin Fox]

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