Maßnahmen gegen Wetterextreme „nicht mehr an den aktuellen Klimawandel angepasst“

Man müsse beispielsweise die Wahl der Rebsorten im Weinbau "überdenken". So könne man sich auf später blühende Pflanzen konzentrieren, um das Risiko von Frühjahrsfrösten zu begrenzen. [FreeProd33/Shutterstock]

Angesichts des plötzlichen Kälteeinbruchs Ende vergangener Woche hat die französische Regierung Notmaßnahmen für Landwirte angekündigt. Angesichts des Klimawandels ist allerdings wahrscheinlich, dass extreme Wetterphänomene künftig häufiger auftreten. Welche Möglichkeiten gibt es, die Erzeuger in Zukunft besser zu schützen?

Eine „Katastrophe“, ein „historischer Temperatursturz“, ein „noch nie dagewesener“ Frost im April – an Superlativen zur Beschreibung des Kälteeinbruchs, der die französische Landwirtschaft in der vergangenen Woche überraschte, mangelt es wahrlich nicht.

Angesichts der „außergewöhnlichen Situation“ hat Landwirtschaftsminister Julien Denormandie angekündigt, er werde die sogenannte landwirtschaftliche Katastrophenregelung aktivieren. Damit könnten Erzeuger unterstützt werden, die nicht gegen Frost versichert sind. Premierminister Jean Castex hat ebenfalls versprochen, Maßnahmen zu ergreifen – einschließlich Steuererleichterungen.

Keine Ausnahme mehr

Mit Verlusten, die je nach Betrieb zwischen 30 und 100 Prozent liegen könnten, war die Frostperiode in diesem Frühjahr sicherlich besonders verheerend. Allerdings wird sie wohl keine Ausnahme bleiben: Der Klimawandel hat in den vergangenen Jahren für höhere Durchschnittstemperaturen und vor allem sehr milde Winter gesorgt. Mit dem frühen Einsetzen wärmerer Witterung, oftmals schon Ende Januar, entwickeln sich Knospen und Pflanzen viel früher als dies bisher der Fall war – obwohl die Frostgefahr noch bis Ende April weiterbesteht.

„Mit anderen Worten: Je früher der Baum ins Jahr startet, desto größer die Gefahr [für Schäden] durch Forst. Es war jetzt das dritte Jahr in Folge, in dem wir sehr, sehr früh schon die ersten Knospen sehen konnten,“ so Françoise Roch, Präsidentin des französischen Verbandes der Obstbauern (FNPF), gegenüber EURACTIV.fr.

Klimawandel: Anpassungsstrategien im Weinbau

Heiße Sommer, Wassermangel und Schädlingsbefall – der Weinbau steht durch den Klimawandel vor nie dagewesenen Herausforderungen. Jedoch begünstigt das wärmere Klima auch bestimmte Anbauformen. Die Anpassungsstrategie der Bundesregierung soll helfen, adäquat auf die klimatischen Veränderungen zu reagieren.

Wie kann Frankreichs Landwirtschaft also dabei unterstützt werden, sich auf das erneute Auftreten diverser Extremwetter-Phänomene einzustellen, die ebenso unkontrollierbar wie zerstörerisch sind?

Eines ist sicher: Für die Erzeugerinnen und Erzeuger ist das heutige Schutzsystem nicht (mehr) ausreichend.

Teure Versicherungen

Der nationale „Katastrophenfonds für die Landwirtschaft“ sei nicht mehr an den „aktuellen Klimawandel angepasst, den wir in den letzten Jahren erlebt haben“, warnt Joel Limouzin, Co-Präsident der FNSEA, Frankreichs größter Agrargewerkschaft.

Der Fonds sei dazu gedacht, „bei außergewöhnlichen Ereignissen, die alle 10 oder 15 Jahre auftreten, einzugreifen.“ Nun seien vom Frost allerdings Regionen betroffen, „die schon im vergangenen Jahr in Mitleidenschaft gezogen wurden. Und in anderen Gebieten haben wir gerade vier Dürrejahre in Folge hinter uns.“

Ein weiteres Problem ist derweil, dass es zwar in einigen Branchen „Ernteversicherungen“ gibt, diese aber nicht verpflichtend abgeschlossen werden müssen – und für viele Höfe schlichtweg unbezahlbar sind. „In der Baumzucht haben wir nicht einmal eine Frostversicherung,“ kritisiert Roch. „Es gibt eine im Weinbau, aber auch dort sind die Beiträge so hoch, dass nur sehr wenige Leute sie in Anspruch nehmen.“

Deshalb möchten die Vertreter der unterschiedlichen landwirtschaftlichen Sektoren nun mit dem Staat verhandeln, „um ein bezahlbares Versicherungssystem für die Produzenten zu finden“, erklärt Roch. Angesichts der mangelnden Risikobereitschaft der Versicherungsunternehmen „muss die Politik nun die Zügel in die Hand nehmen“, meint sie.

Die FNSEA schließt sich dieser Ansicht in einer Pressemitteilung an und betont darin, wie wichtig es sei, „den Landwirten die Möglichkeit zu geben, von Präventionsmaßnahmen und einem Risikomanagementsystem zu profitieren, das der Klima-Herausforderung auch wirklich gewachsen ist.“ Man bedauere, „dass dies heute nicht der Fall ist“.

Agroforstwirtschaft: Ein großer Schritt für Landwirtschaft und Klimaschutz

Der Bundestag berät und entscheidet heute darüber, ob Agroforstwirtschaft künftig als Landnutzungsform anerkannt wird und damit im Rahmen der GAP in Deutschland förderfähig wäre. Geht der Antrag der Regierungsparteien erwartungsgemäß durch, könnte die Landwirtschaft in Zukunft klimaschonender gestaltet werden.

Neben Versicherung und Nothilfe wird man sich in Zukunft vor allem mit der Anpassung der Landwirtschaft an die sich ändernden klimatischen Bedingungen befassen müssen. „Wir müssen in der Forschung noch weiter gehen,“ erklärt dazu Limouzin. Man müsse beispielsweise die Wahl der Rebsorten im Weinbau „überdenken“. So könne man sich auf später blühende Pflanzen konzentrieren, um das Risiko von Frühjahrsfrösten zu begrenzen.

In der Baumzucht bestünde eine andere Lösung darin, „die frostbeständigsten Sorten zu identifizieren“ und von da an auch „auf genetischer Ebene zu arbeiten“, so Roch. Um eine wirkliche Anpassung zu erreichen, brauche es schließlich sehr viel Zeit: „In der Obstbaumzucht dauert es 30 Jahre, bis eine angepasste Sorte entsteht.“

Eine solche Anpassung könne mit Hilfe des CRISPR-Systems – der „Gen-Schere“, die es ermöglicht, Genome zu verändern – schneller vonstatten gehen, betont die Obstbauern-Vertreterin. Allerdings ist die Technologie in Frankreich im Rahmen der Vorschriften für gentechnisch veränderte Organismen verboten.

„Wir brauchen eine klimaintelligente Landwirtschaft“

Eine bessere CO2-Bilanz erreicht man nicht nur durch weniger Emissionen, sondern auch, wenn mehr CO2 durch Pflanzen abgeschieden wird. Ein Gedanke, der in Finnland großen Einfluss auf das Management der Wälder hat.

Bei der „Aufrüstung“ helfen

Während man diesbezüglich auf Lösungen wartet, sei nun vor allem eine Verbesserung der bestehenden Techniken notwendig, die zum Schutz der Pflanzen vor Frost eingesetzt werden, so Roch: „Die Geräte und Methoden, die wir heute haben, haben ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.“

Auch bei diesem Thema stelle sich die finanzielle Frage. Ob Sprühen (das versprühte Wasser gefriert bei Kontakt mit den Knospen und bildet einen schützenden „Kokon“), Luftmischung (wobei kalte Luftschichten am Boden und warme Luftschichten in höheren Lagen vermischt werden) oder schlichtweg Heizen: die unterschiedlichen Schutzarten erfordern meist hohe Einmal-Investitionen sowie weitere Kosten beim Einsatz.

Die Regierung in Paris hat im Rahmen ihres Recovery-Plans bereits ein Budget von 70 Millionen Euro angekündigt, mit dem den Landwirten die Anschaffung von „Ausrüstungen zum Schutz der Ernten vor klimatischen Gefahren“ erleichtert werden soll.

Bezüglich einer erschwinglichen und gegebenenfalls verpflichtenden Ernteversicherung warten die Landwirte derweil auf die angekündigte Vorlage eines Berichts zu diesem Thema durch den Abgeordneten Frédéric Descrozaille (LREM) an das Landwirtschaftsministerium.

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