Landwirtschaft in Corona-Zeiten: Mit kurzen Lieferketten überraschend erfolgreich

Für viele Landwirte im Süden Frankreichs fällt die Saison trotz/wegen der Coronavirus-Pandemie - und entgegen vorheriger Befürchtungen - sehr arbeitsreich aus. [bazzadarambler/Flickr]

Trotz der Schließung der Wochenmärkte während des zweimonatigen Lockdowns ist es organisierten Bäuerinnen und Bauern in der französischen Region Hérault über neue Wege gelungen, den Direktverkauf an die Kundschaft fortzusetzen bzw. auszubauen. Nach der nun erfolgten Wiedereröffnung aller Verkaufsstände haben einige sogar Mühe, mit der Nachfrage Schritt zu halten. EURACTIV Frankreich berichtet.

Auf einem Markt in Montpellier bedienen Véronique und Antoine die Schlange der maskentragenden Kundinnen und Kunden, die unter den wachsamen Augen eines Ordnungsamtsangestellten in gebotenem Abstand warten, bis sie an der Reihe sind.

Das Ehepaar steckt bis zum Hals in Arbeit. Mit ihrem Liefer-Warenkorb-System, das sie während des Lockdowns genutzt hatten, und der folgenden Wiedereröffnung „normaler“ Märkte im Juni reichen ihnen die 24 Stunden am Tag kaum aus, um die Nachfrage zu befriedigen.

„Während des Lockdowns kam darüber hinaus plötzlich eine komplett neue Art der Kundschaft aus der unmittelbaren Nachbarschaft hinzu, die direkt von unserem Hof kaufte. Heute kommen sie zusätzlich zum Markt. Es herrscht Hochsaison in der Produktion und es wird wirklich schwierig, den Arbeitsaufwand zu bewältigen,“ erklärt Antoine.

Die Saison sei daher – entgegen vorheriger Befürchtungen angesichts der Coronavirus-Einschränkungen – sehr arbeitsreich.

Klöckner: Lebensmittelketten funktionieren trotz COVID-19

Weder die Supermärkte sollen schließen, noch kommt es zu Problemen bei der Lebensmittelproduktion, betont Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Auf europäischer Ebene spreche man über Möglichkeiten, grenzüberschreitende Lebensmitteltransporte zu vereinfachen.

Die Ankündigung einer Schließung der Märkte für mindestens zwei Monate hatte bei den lokalen Erzeugern zunächst für Unruhe gesorgt, aber auch für Frustration, dass die eigentlich starke Nachfrage nach Produkten aus der Region unter Umständen nicht ausreichend bedient werden könnte.

Einigen wenigen Gemeinden war es hingegen gelungen, ihren Wochenmarkt auch während des Lockdowns zu erhalten. Dort ergaben sich dadurch teils skurrile Szenen – wie in Murvielle, einer Kleinstadt bei Montpellier, wo „die Stände um 10 Uhr morgens schon komplett leergeräumt waren“, erinnert sich die Bürgermeisterin Elisabeth Touzard.

Nicht-eingebrochene Märkte

Der gefürchtete Absatzverlust trat für einen Großteil der in lokalen Lieferketten organisierten Erzeugerinnen und Erzeuger schlichtweg nicht ein. Egal, ob per Direktverkauf auf dem Hof, dank Lieferangeboten, mit Verteilpunkten für vorher bestellte Warenkörbe auf Park- und Marktplätzen in den Städten… Die Produzenten erreichten ihre Zielgruppe.

„Für einige unserer Erzeuger ist es sogar schwierig, alle diese Systeme weiterhin zu bedienen,“ bestätigt auch Bénédicte Firmin von Civam Bio34, einer Vereinigung für die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft in der Region Hérault. Ihr Verband ist wiederum Mitglied von InPACT 34 (Initiatives pour une agriculture citoyenne et territoriale), einer Organisation, die sich für den bürgernahen und regionalen Vertrieb landwirtschaftlicher Produkte einsetzt.

Kurze Lebenmittelketten: EU übergibt Verantwortung an die Mitgliedstaaten

Die Entwicklung kurzer Lebensmittel-Versorgungsketten gewinnt in der EU immer mehr an Bedeutung. Doch da die Mittel der GAP gekürzt werden sollen, müssen vor allem die Mitgliedstaaten handeln.

InPACT34 konnte schon zwei Wochen nach dem Lockdown allein in Montpellier vier wöchentliche „Bauernfahrten“ organisieren, mit denen Erzeugnisse sicherheitskonform in die umliegenden Städte und Gemeinden gebracht wurden.

Das System ist so einfach wie offenbar gut praktikabel: Nach vorheriger Bestellung im Internet konnten die Kundinnen und Kunden ihr Gemüse, ihren Käse, ihr Fleisch, ihren Wein usw. direkt bei den Erzeugerinnen und Erzeugern abholen, die sich an von den Stadtverwaltungen genehmigten Ausgabestellen einfanden. „Die Ergebnisse dieser beiden Monate – mit mehr als 1.800 Bestellungen bei etwa vierzig Erzeugern – waren ein großer Erfolg,“ stellt Firmin zufrieden fest.

Gute Kooperation, gute Zukunftsaussichten?

Die lokale Organisationsstruktur, die sich kurzfristig und in Reaktion auf die Lockdown-Einschränkungen bildete, konnte so zu weitern Vertriebsmöglichkeiten und einer Stärkung der kurzen Lieferketen vor Ort beitragen. Möglich gemacht wurde dies auch von Institutionen wie Landwirtschaftskammern, Stadt- und Departementbehörden, die Verzeichnisse der lokalen Produzenten in Umlauf brachten und an die Bevölkerung appellierten, sich direkt an die Landwirtschaftsbetriebe zu wenden.

Und: Der Erfolg der neuen Direktvertriebskanäle könnte sich durchaus fortsetzen. In einer Umfrage unter Kundinnen und Kunden der Verteilstationen erklärten sich laut InPACT 34 insgesamt 147 Personen gewillt, das Vorbestellsystem in ihrer Nachbarschaft auch weiterhin in Anspruch zu nehmen.

Laut einer zweiten, diesmal regionalen Umfrage, die im Juni 2020 von Interbio Occitanie durchgeführt wurde, gehen 20 Prozent der 324 befragten Bioproduzenten davon aus, dass sie nach der Covid-19-Krise langfristig ihre Vermarktungs- und Vertriebsmethoden ändern werden.

Trotz COVID-19: EU Agrarunternehmen wollen weiter expandieren

Produktionsrückgänge, stornierte Aufträge, geschlossene Grenzen – die Lebensmittelbranche ist durch die Corona-Pandemie vor große logistische Probleme gestellt worden. Trotzdem planen viele Unternehmen, international zu expandieren, zeigt eine Studie. Tatsächlich sei Regionalität nicht immer die beste Wahl, meinen Experten.

Eine weitere Erkenntnis aus dieser regionalen Studie: Etwas mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen gab an, ihr Einkommen sei während Krise bisher stabil geblieben oder sogar gestiegen. Vor allem die Gemüseanbauer haben demnach überaus erfolgreich wirtschaften können.

Allerdings gaben unter denjenigen Landwirten und anderen Produzenten, die einen Umsatzrückgang zu verkraften hatten, einige an, mehr als die Hälfte ihres üblichen Umsatzes eingebüßt zu haben.

Aufgrund der länger anhaltenden Schließung von Restaurants mussten vor allem die Winzerbetriebe Umsatzeinbußen hinnehmen. Ähnliche Probleme hatten Viehzüchter und Fleischproduzenten – und hier insbesondere diejenigen unter ihnen, die zuvor gerade über kurze Lieferketten für die örtliche Verpflegung von öffentlichen Stellen zuständig waren: Die Schließung aller Kantinen legte ihre Haupteinnahmequellen praktisch komplett trocken.

Im Gegensatz zu Gemüsebauern reichte für viele Winzer und Viehzüchter der Direktverkauf – über welche innovativen Wege auch immer – offensichtlich nicht aus, um die massiven Verluste aufgrund des Coronavirus-Lockdowns auszugleichen.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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