Landwirt:innen sehen Chancen im Carbon Farming, müssen sich aber am Markt orientieren

Die Europäische Kommission hat angekündigt, dass sie bis Ende 2021 eine Initiative zur Kohlenstoffbewirtschaftung starten will. Ein bereits im Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft angekündigter Zertifizierungsmechanismus für die Kohlenstoffentfernung soll bis 2023 vorgelegt werden. [Shutterstock/Vaclav Volrab]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Carbon Farming: Neuer Trend in Europa?

Agrar-Interessenvertreter:innen sehen die Umstellung auf kohlenstoffarme Landwirtschaft in der EU positiv. Für eine erfolgreiche Markteinführung müssten aber noch Einzelheiten der finanziellen Anreize für Landwirt:innen festgelegt werden.

Das übergeordnete Ziel des „Carbon Farming“, der Kohlenstoffbindung durch die Landwirtschaft, ist die Reduzierung von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre.

In der Praxis versuchen die Landwirt:innen durch den Einsatz verschiedener landwirtschaftlicher Methoden – von Fruchtfolge, Deckfrüchten und reduzierter Bodenbearbeitung bis hin zur präzisen Stickstoffausbringung – einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten.

Die Europäische Kommission hat angekündigt, dass sie bis Ende 2021 eine Initiative zur Kohlenstoffbewirtschaftung starten will. Ein bereits im Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft angekündigter Zertifizierungsmechanismus für die Kohlenstoffentfernung soll bis 2023 vorgelegt werden.

Laut Interessenvertreter:innen werden solche Praktiken in der europäischen Landwirtschaft bereits freiwillig eingesetzt. Es gebe einen „unbestreitbaren Willen“ gibt, dies fortzusetzen, es müsse aber sichergestellt werden, dass die praktische Umsetzung der Kohlenstoffbewirtschaftung nicht zu einer zusätzlichen Belastung für die Landwirt:innen führen wird.

Aus Sicht von Pekka Pesonen, Generalsekretär des EU-Agrarverbands Copa-Cogeca, müssen Landwirt:innen für die zusätzlichen Kosten, die ihnen entstehen, entschädigt werden, wenn Carbon Farming allgemeingültig angewendet werden soll.

„Die Initiative zur Kohlenstoffbewirtschaftung und das Zertifizierungssystem für den Kohlenstoffabbau könnten eine zusätzliche Einkommensquelle für Landwirt:innen werden, die sich für die Erreichung von Umweltzielen einsetzen.

Es kann jedoch leicht zu einer finanziellen und administrativen Belastung für sie werden, die ihre Kosten erhöht, möglicherweise ihre Produktivität verringert und ihr Einkommen senkt“, sagte Pesonen gegenüber EURACTIV.

Belohnungen außerhalb der GAP

Pesonen fügte hinzu, Landwirt:innen sollten nicht durch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) belohnt werden, da dies nur zu einer Umverteilung von Ressourcen führe und die Tatsache ignoriere, dass Land- und Forstwirt.innen bereits einen erheblichen Beitrag zur Kohlenstoffbindung leisten.

Stattdessen betonte er, dass marktorientierte Kohlenstoffbewirtschaftungssysteme zum Klimaschutz beitragen könnten.

„Dazu gehört die Entwicklung eines Kohlenstoffmarktes für marktorientierte Kohlenstoffgutschriften, bei denen Land- und Forstwirt:innen für ihre Ökosystemleistungen in Übereinstimmung mit den einschlägigen IPPC-Leitlinien entlohnt werden“, sagte er.

Außerdem müsse sichergestellt werden, dass Carbon Farming und Emissionsgutschriften nicht zu einem Standardmechanismus für große und multinationale Unternehmen zum Ausgleich ihrer Emissionen werden.

„Die Industrie muss eigene Anstrengungen unternehmen, um die Emissionen zu verringern, und darf sich nicht ausschließlich auf die Bemühungen der Landwirt:innen um die Kohlenstoffbindung verlassen“, sagte er und fügte hinzu, dass alle gesellschaftlichen Akteur:innen zusammen für eine bessere Zukunft arbeiten sollten.

Célia Nyssens, Landwirtschaftsexpertin beim Europäischen Umweltbüro (EEB), äußerte ähnliche Bedenken und sagte, dass die Kohlenstoffgutschriften der Landwirt:innen nicht von „Unternehmen wie Shell oder Microsoft“ genutzt werden sollten, „um ihre eigenen Namen auf dem Rücken der Landwirt:innen grün zu waschen“.

Nyssens sagte, auch die Haftung für Kohlenstoff bei extremen Naturereignissen sei unsicher.

„Wenn Landwirt:innen Kohlenstoff in ihren Böden binden und dafür eine Kohlenstoffgutschrift erhalten und diese verkaufen, und es dann beispielsweise zu einer großen Überschwemmung oder einer großen Dürre kommt und ein Teil dieses Kohlenstoffs wieder in die Atmosphäre gelangt, wer ist dann verantwortlich?“ fragte sich Nyssens.

Die Expertin erklärte, dass Carbon Farming nichts Neues sei, da diese landwirtschaftlichen Praktiken von den Landwirt:innen schon immer angewandt wurden.

„Es ist einfach eine Art Rückkehr zu den guten Praktiken unserer Vorfahren, aber mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie diese Praktiken den Böden zugute kommen“, sagte sie gegenüber EURACTIV.

Anreize aus öffentlichen oder privaten Quellen

Ein:e EU-Beamte:r erklärte gegenüber EURACTIV, ein entscheidender Schritt für den Ausbau der Kohlenstoffbewirtschaftung bestehe darin, einen regulatorischen Zertifizierungsrahmen zu schaffen, der auf „robusten Buchhaltungsregeln“ für einen hochwertigen, nachhaltigen Kohlenstoffabbau aus natürlichen Ökosystemen, aber auch für „industrielle Lösungen“ basiere.

Dem/der EU-Beamt:in zufolge werden Landbewirtschafter:innen durch Carbon Farming für ihre Bewirtschaftungspraktiken oder für die tatsächlich gebundene Kohlenstoffmenge belohnt.

„Die Einnahmen aus dem Carbon Farming werden zu einer zusätzlichen Einkommensquelle, von der die Landbewirtschafter:innen zusätzlich zu ihren traditionellen Produkten wie Nahrungsmitteln und Biomasse profitieren können“, so der/die Beamte.

Die Landbewirtschafter:innen würden gleichzeitig in vielen Fällen von den Vorteilen einer höheren Bodenqualität profitieren und hätten eine bessere Produktionsleistung und eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel.

„Finanzielle Anreize, die aus öffentlichen oder privaten Quellen kommen können, werden die groß angelegte Entwicklung von Praktiken der Kohlenstofflandwirtschaft in den Mitgliedstaaten unterstützen.“

Was tut die Industrie?

Der Privatsektor hat bereits Initiativen ergriffen, um die Kohlenstoffbewirtschaftung vor Ort zu testen. So hat beispielsweise der Agrar- und Lebensmittelriese Bayer im vergangenen Sommer sein eigenes „Kohlenstoffprogramm“ in Europa gestartet.

27 Landwirt:innen aus sieben Ländern in der EU und darüber hinaus (Frankreich, Spanien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Vereinigtes Königreich und Ukraine) nehmen an einem dreijährigen Projekt unter der Leitung von Bayer teil. Das Projekt soll sich auf klimagerechte Anbaumethoden wie den Einsatz von Deckfrüchten und die Reduzierung der Bodenbearbeitung konzentrieren.

Die Umsetzung der neuen Praktiken wird kontinuierlich überwacht und verbessert.

Nach Angaben des Unternehmens arbeiten Landwirt:innen, Expert:innen und Akteur:innen der Lebensmittelwertschöpfungskette in einem Carbon Farming Lab zusammen, wo sie gemeinsam Aktivitäten testen und Erkenntnisse gewinnen.

Da es derzeit keinen Kohlenstoffmarkt gibt, auf dem Landwirt:innen Gutschriften verkaufen können, konzentrieren sich die Unternehmen vorerst auf die Zusammenarbeit mit Regierungen und anderen Unternehmen, um eine klimafreundliche Landwirtschaft voranzutreiben.

„In Übereinstimmung mit den Zielen des EU Green Deal haben wir das Bayer Carbon Program ins Leben gerufen, um aktiv zur Entwicklung von Carbon Farming Aktivitäten in Europa beizutragen. Wir arbeiten mit dem öffentlichen und privaten Sektor entlang der Wertschöpfungskette zusammen, setzen auf Innovation und stellen die Landwirt:innen in den Mittelpunkt unserer Bemühungen“, sagte Liam Condon, Leiter der Division Crop Science bei Bayer, gegenüber EURACTIV.

Er fügte hinzu, dass diese Zusammenarbeit dazu beitragen werde, das europäische Lebensmittelsystem auf eine Weise zu dekarbonisieren, die den Landwirt:innen, der Umwelt und den Verbraucher:innen zugute kommt.

„Der Grundgedanke ist, Landwirt:innen für die Anwendung klimafreundlicher Anbaumethoden zu belohnen, wie beispielsweise die Verwendung von Deckfrüchten, die Reduzierung der Bodenbearbeitung, Fruchtfolgen und die präzise Stickstoffausbringung. Diese Maßnahmen binden Kohlenstoff im Boden, verbessern die Bodengesundheit, die Widerstandsfähigkeit und die Produktivität und verringern die Emissionen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/ Alice Taylor]

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