Kurze Lebenmittelketten: EU übergibt Verantwortung an die Mitgliedstaaten

Besonders in Frankreich sind sowohl klassische Wochenmärkte als auch gemeinschaftsgestützte Landwirtschaftssysteme beliebt. [Shutterstock]

This article is part of our special report Kurze Lebensmittelketten für Europas Norden.

Die Entwicklung kurzer Lebensmittelketten (Short Food Supply Chains, SFSC) gewinnt in der EU immer mehr an Bedeutung. Das lokale Produzieren und Konsumieren wird als ein Weg gesehen, um eine gerechtere Vergütung für die Landwirte und qualitativ hochwertigere lokale Lebensmittel zu erreichen.

Die Kürzung der EU-Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 unterstreicht jedoch die wichtige Rolle, die die Mitgliedstaaten einnehmen werden müssen, um diesen Trend weiter voranzutreiben.

Laut einer Studie des Europäischen Parlamentarischen Forschungsdienstes verkauften im Jahr 2015 rund 15 Prozent der Landwirte die Hälfte ihrer Produkte über derartige kurze Lieferketten. Darüber hinaus ergab eine Eurobarometer-Umfrage im Jahr 2016, dass vier von fünf EU-Bürgern die Stärkung der Rolle der Landwirte in der Nahrungsmittelkette für „wichtig“ oder „sehr wichtig“ halten.

Agrarminister legen Beschwerde gegen GAP-Kürzungen ein

Landwirte in der EU befürchten die Brexit-bedingten geplanten Kürzungen im Landwirtschaftshaushalt. Zahlreiche Mitgliedsstaaten haben gestern in Luxemurg ihren Protest geäußert.

Auf der anderen Seite weisen Kritiker darauf hin, dass solche Landwirtschaftssysteme nur auf lokaler Ebene Nutzen bringen können und daher keine Lösung für eine wachsende Weltbevölkerung und den damit einhergehend steigenden Nahrungsmittelbedarf darstellen.

Das SFSC-Konzept wurde ursprünglich als Teil der GAP für den Förderzeitraum 2014-2020 über den Europäischen Fonds für die Entwicklung des ländlichen Raums eingeführt.

Kurze Wege sind „in”

Die European Coordination Via Campesina (ECVC), eine Organisation, die sich für die Rechte der Landwirte und eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt, erklärt, in Nordeuropa würden immer mehr Betriebe direkt an die Konsumenten verkaufen und seien damit bei Verbrauchern und Caterern sehr beliebt.

In Österreich würden 27 Prozent der Betriebe direkt verkaufen, und die Hälfte dieser Höfe erzielt sogar den Großteil ihres Einkommens durch solche Direktverkäufe.

Auch in Frankreich verkauft mehr als jeder fünfte Betrieb (im Südosten des Landes sogar jeder vierte) direkt. Das Angebot schließt dabei alle Arten von Erzeugnissen ein, insbesondere Wein, Obst und Gemüse, Geflügel und Honig.

Die klassischen Wochen- und Bauernmärkte seien sehr beliebt „und die Kollektivläden für landwirtschaftliche Produkte vermehren sich, meist in kooperativer Form. Somit behalten die Produzenten die Kontrolle,“ betont ECVC.

Ein weiteres Phänomen dieser Entwicklungen ist nach Angaben der Organisation die Schaffung von Partnerschaften zwischen Verbrauchern und Erzeugern anhand des Konzepts der gemeinschaftsgestützten Landwirtschaft, oder AMAP (Association pour le Maintien d’une Agriculture Paysanne) in Frankreich.

In diesem System bezahlen die Verbraucher die Landwirte im Voraus für die gewünschten Lebensmittel. Produzent und Konsument bilden so ein Netzwerk der gegenseitigen Unterstützung. Damit soll das Einkommen der Landwirte sowie die Versorgung der Verbraucher mit Qualitätsprodukten gesichert werden.

[Geschätzte Anzahl an gemeinschaftsgestützten Landwirtschaftsbetrieben]

Die GAP ist zu konservativ

Die ECVC kritisiert die Vorschläge der EU-Kommission für die GAP nach 2020 mit der Begründung, dass diese Vorschläge solche solidarischen Systeme nicht fördern: „Wir können wirklich sagen, dass sich lokale landwirtschaftliche Produktion und kurze Lieferketten trotz der GAP und nicht dank ihr entwickeln,“ kommentiert die Organisation.

Obwohl die neue GAP den Anspruch erhebe, modern zu sein, sei sie „weitgehend konservativ“ und fördere „in keiner Weise kurze Lebensmittelversorgungsketten – obwohl diese von einer wachsenden Zahl von Verbrauchern unterstützt werden“.

Ein Grund dafür ist, dass die Unterstützung für Landwirte auch in der neuen GAP nach wie vor basierend auf der bewirtschafteten Fläche in Hektar berechnet wird. Gemeinschaftsgestützte Höfe mit kurzen Lieferketten sind aber grundsätzlich klein und können daher weniger von der GAP profitieren als Großbetriebe.

Darüber hinaus finden sich potenziell interessante Fördermöglichkeiten (Investitionen, Ausbildung, Hilfe bei der Gründung neuer Betriebe, Unterstützung für benachteiligte Regionen) vor allem in der zweiten Säule, deren Mittel in der nächsten GAP stark gekürzt werden sollen.

Die ECVC schlägt daher ihrerseits eine Politik der Einkommensbeihilfen zugunsten von jungen und neuen Erzeugern vor, um diese beim oftmals schwierigen Einstieg in den Landwirtschaftsmarkt zu unterstützen.

Weniger Zwischenhändler, mehr Einkommen für Kleinbauern

Der Wegfall von Zwischenhändlern hilft vor allem Kleinbauern und dem Verbraucher.

EU-Kommission gibt Verantwortung an die Mitgliedstaaten weiter

Nach den Vorschlägen der EU-Exekutive wird die finanzielle Unterstützung für die ländliche Entwicklung ab 2020 gekürzt. Es ist daher gut möglich, dass solche Entwicklungsprogramme geschwächt werden, sollten die Mitgliedstaaten die Finanzierungslücke nicht schließen.

Von EURACTIV kontaktiert, erklärten Quellen aus der EU-Kommission, den Mitgliedstaaten würden mit den neuen Regeln mehr Flexibilität bei der Verwendung ihrer Mittelzuweisungen gegeben, damit sie „maßgeschneiderte Programme entwerfen können, die den Anliegen der Landwirte und den ländlichen Gemeinden im Allgemeinen am besten gerecht werden“.

Weiter erklärte ein Kommissionsbeamter: „Die Mitgliedstaaten haben auch die Möglichkeit, bis zu 15 Prozent ihrer GAP-Mittel von den Direktzahlungen auf Programme zur ländlichen Entwicklung zu übertragen, um sicherzustellen, dass die gesetzten Prioritäten und Maßnahmen finanziert werden können.“

Um die ohnehin meist prekären und gefährdeten Einkommen der Landwirte vor Preisschwankungen zu schützen und den Druck der großen Händler zu verringern, hat die Europäische Kommission am 12. April ihre lang erwarteten Vorschläge für eine Richtlinie zur Bekämpfung unlauterer Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette vorgelegt.

Mit diesen Vorschlägen zielt die Exekutive darauf ab, das Ungleichgewicht in der Lebensmittelversorgungskette wiederherzustellen und den Handelspartnern mit schwacher Verhandlungsmacht, wie etwa einzelnen Landwirten, mehr Schutz zu bieten.

Laut dem EU-Landwirtschaftsverband Copa-Cogeca erhalten die Landwirte durchschnittlich nur 21 Prozent des Wertes ihres Agrarprodukts, während 28 Prozent an die Weiterverarbeiter und ganze 51 Prozent an den Einzelhandel gehen.

Die Landwirte warnen außerdem, eine europäische Richtlinie – statt einer bindenden und klare Regeln vorgebenden Verordnung – könnte zu unterschiedlichen Regelungen innerhalb der EU führen und somit den EU-Binnenhandel gefährden.

Darüber hinaus kritisieren sie, dass die Richtlinie nicht alle Akteure in der Agrar- und Lebensmittelkette umfasst: „Die Richtlinie gilt nicht für eine der für die Landwirte schädlichsten Praktiken, nämlich dem Kauf von landwirtschaftlichen Produkte zu Preisen unter den Produktionskosten.“

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