Kontroverse um neue Verfahren der Pflanzenzüchtung

Gentechnische Modifizierung ohne Risiken und Nebenwirkungen - ist das möglich? [shutterstock/Natali-Mis]

Neue Verfahren in der Gentechnik versprechen präzise Eingriffe ohne den Einsatz von Fremd-DNA und unerwünschte Nebeneffekte. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) betrachtet die Pflanzen trotzdem als gentechnisch verändert, weswegen sie in der EU einer strengen Regulierung unterliegen. Über das Urteil wird heftig gestritten.

Gentechnisch veränderte Pflanzen sind in der EU nicht generell verboten, unterliegen jedoch strengen Regeln. Erforderliche Risikobewertungen, umfassende Genehmigungsverfahren und Kennzeichnungspflichten stellen hohen Hürden dar, wegen denen es bisher kaum eine genmanipulierte Pflanze bis auf den Acker schafft. Soweit so gut, denn eine strenge Regulierung der „grünen Gentechnik“ entspricht der öffentlichen Meinung und für ökologische Lebensmittel gibt es einen schnell wachsenden Markt.

Doch nun ist eine neue Debatte entbrannt: Verfahren des so genannten „Genome Editing“ (Mutagenese) versprechen präzise Eingriffe in das Erbgut einer Pflanze, ohne dass dabei fremde DNA zum Einsatz kommt. Befürworter argumentieren, dass hier gezielt Mutationen verursacht werden, wie sie alltäglich tausendfach ungezielt als natürliche Prozesse stattfinden, etwa durch Sonneneinstrahlung.

Große Versprechen des Genome Editing

Die Versprechen der Forscher sind groß. Sie wollen etwa dafür sorgen, dass Äpfel später braun werden und deshalb seltener im Müll landen oder Sojabohnen züchten, deren Öle später hohen Temperaturen standhalten ohne Transfette zu bilden. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des letzten Sommers bei Landwirten besonders beliebt: Pflanzen, die gegen Trockenheit resistent sind. Genome Editing-Verfahren wie Crispr, Talens oder ODM sollen all das möglich machen.

GAP: Mit einem Punktesystem ans Ziel?

EU-weit wird darüber diskutiert, wie die Gemeinsame Agrarpolitik effektiver gemacht werden kann, um die damit verbundenen politischen Ziele zu erreichen. Ein deutscher Bauernverein schlägt ein Punktesystem vor.

Viele Wissenschaftler, Landwirte, oder Politiker wie Kees de Vries sehen darin ein enormes Potenzial. „Für Deutschland und Europa als Wissensstandort bedeutet die Nutzung der neuen Züchtungstechnologien vielversprechende Chancen, insbesondere im Bereich der landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Deshalb ist es notwendig, auf diesem wichtigen Zukunftsmarkt nicht den Anschluss zu verlieren“, sagt der CDU-Politiker, der vergangene Woche (13.12.) an einer von EURACTIV zu diesem Thema organisierten Diskussion teilnahm.

Den Anschluss zu verlieren fürchtet man auch beim Deutschen Bauernverband (DBV), nachdem der EuGH dem Genome Editing im Juli eine Abfuhr erteilte und befand, dass es sich auch bei den neuen Verfahren um Genmanipulation handelt, auf die die bestehende Regulierung anzuwenden ist. „Der EuGH hat festgestellt, dass durch Mutagenese gewonnene Organismen GVO im Sinne der GVO-Richtlinie sind, da durch die Verfahren und Methoden der Mutagenese eine auf natürliche Weise nicht mögliche Veränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Europa laufe Gefahr, von anderen Weltregionen abgehängt zu werden, kommentiert dr DBV. „Dieses Urteil verbaut uns die notwendigen Möglichkeiten, mit Hilfe der Pflanzenzüchtung die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern“, bemängelt Verbandspräsident Joachim Rukwied.

Auch im Bundeslandwirtschaftsministerium ist man unzufrieden mit dem Urteil. „Mir ist wichtig, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofs sorgfältig ausgewertet wird. Oberste Maxime hat dabei der gesundheitliche Verbraucherschutz. Gleichzeitig will ich den Blick für Entwicklungen und Innovationen offen halten.“, sagte Agrarministerin Julia Klöckner. Vielerorts würden die neuen Züchtungstechnologien bereits angewendet oder seien unerlässlich, um für eine ausreichende Versorgung beispielsweise mit Getreide zu sorgen.

Mit Europa gegen das Höfesterben?

In der Debatte über eine Reform der GAP geht es auch um die Frage, wie die Vergabe von Fördermitteln besser an die spezifischen Bedürfnisse der Regionen angepasst werden kann.

Klöckner weiter: Ich sehe deutliche Herausforderungen: Wir wollen einerseits weniger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Andererseits gleiche Ernteerträge. Dazu bräuchten wir weitere Möglichkeiten – zum Beispiel schädlingsresistente oder dürreresistente Sorten. Diese Diskussion möchte ich in Europa gemeinsamen mit der Europäischen Kommission und den Mitgliedsstaaten vorantreiben.“

Ökologische Alternativen in der Pflanzenzüchtung

Zuspruch erhält der EuGH hingegen von Umweltschützern und Öko-Landwirten. So argumentiert etwa Barbara Maria Rudolf vom Verein saat:gut e.V., der sich für ökologische Pflanzenzüchtung einsetzt, dass es sich bei Genome Editing selbstverständlich um eine genetische Veränderung handelt und daher entsprechend reguliert werden muss. Entscheidend sei, dass eine Loslösung von den Ökosystemen betrieben werde, in denen wir Leben.

Außerdem, so die Bio-Landwirtin, die ebenfalls an der EURACTIV-Diskussion am 13. Dezember teilnahm, biete die ökologische Pflanzenzüchtung gute Alternativen. Bei diesen Verfahren werde der Lebenszyklus der Pflanze respektiert. Durch Kreuzungen geschlechtsreifer Pflanzen werde genetische Variabilität generiert, so dass im Laufe mehrerer Jahre die erwünschten Eigenschaften erzeugt werden können.

Den Versprechen der Genome Editing-Befürworter will Rudolf keinen Glauben schenken. Schließlich zeigten alle bisherigen Erfahrungen, dass Gentechnik nur patentierte Sorten erzeugt und die Landwirte dann mit horrenden Lizenzforderungen in die Knie gezwungen und von großen Saatgut-Konzernen abhängig gemacht werden. Dies sei eine Gefahr für die Ernährungssicherheit und die Biodiversität.

Bevölkerungszuwachs: Jedes Jahr ein "neues Deutschland"

Die Düngemittelindustrie hat betont, dass der Düngemitteleinsatz in ganz Europa optimiert und die Produktion verbessert werden müsse.

Die leidenschaftliche und höchst kontroverse Debatte ist mit dem EuGH-Urteil also nicht beendet. Das Gericht kann nur interpretieren, was der Gesetzgeber zuvor beschlossen hat. Mit dem Urteil wurde erstmal Rechtssicherheit geschaffen. Das begrüßen viele Interessensgruppen. Die politische Debatte kann dadurch jedoch nicht ersetzt werden. Moderne gentechnische Verfahren werden Europas Agrarpolitiker auch nach dem Richterspruch aus Luxemburg noch häufiger beschäftigen.

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