Kontroverse Debatte: Wie misst man die Pestizid-Reduzierung in der Landwirtschaft?

Pestizid ist nicht gleich Pestizid: Neben der gesprühten Menge kommt es vor allem auch auf die (potenzielle) Schädlichkeit der unterschiedlichen Mittel an. [SHUTTERSTOCK]

Der jüngste Entwurf der „Farm to Fork“-Strategie der EU, den EURACTIV einsehen konnte, sieht vor, dass verbindliche Ziele für die Reduzierung des Einsatzes und des Risikos von chemisch-synthetischen Pestiziden festgelegt werden. Dafür soll der umstrittene „Harmonisierte Risikoindikator 1“ (HRI1) verwendet werden.

Dieser Index wurde in der Vergangenheit mehrfach hinterfragt und als fehlerhafter Risikoindikator kritisiert.

Obwohl das geleakte Dokument die konkrete Zielsetzung nicht spezifiziert, heißt es derzeit, dass die Kommission „ein verbindliches Ziel festlegen wird; mit einer klaren Rechtsgrundlage und unter Verwendung des bestehenden HRI 1, der im Rahmen der Richtlinie zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden (SUD) aufgestellt wurde.“

Es stellt sich jedoch die Frage, ob dieser Indikator tatsächlich eine geeignete Grundlage für die Festlegung der Pestizid-Zielvorgaben ist.

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Der EU-Rechnungshof stellt in einem kürzlich erschienenen Bericht fest, dass „die Kommission zur Bewertung der Fortschritte im Hinblick auf die politischen Ziele die HRIs verbessern oder neue Indikatoren entwickeln sollte, die die landwirtschaftlichen Gebiete, die Wirkstoffmengen und die Art und Weise der Verwendung dieser Pflanzenproduktionsprodukte (PPP) berücksichtigen“.

Im Bericht fügen die Prüfer hinzu, der HRI-Indikator zeige nicht an, „wie erfolgreich die Richtlinie bei der Erreichung [der EU-Ziele] zur nachhaltigen Nutzung solcher PPP war“.

Wie funktionieren HRIs?

HRIs werden verwendet, um Trends beim Risiko des Pestizideinsatzes abzuschätzen. Der HRI 1 wird berechnet, indem die Mengen der Wirkstoffe, die in Pflanzenschutzmitteln ausgebracht werden, mit einem Gewichtungsfaktor multipliziert werden.

Aus Praxisgründen werden die Wirkstoffe in Übereinstimmung mit der Verordnung (EG)1107/2009 in insgesamt vier Kategorien eingeteilt.

Die Gewichtungen werden dann auf jede einzelne Kategorie angewendet. Dies spiegelt die Vorschriften zur Pestizidverwendung wider und soll die Ziele der SUD unterstützen, aber auch das Risiko und die Auswirkungen der Verwendung von Pestiziden für die menschliche Gesundheit und die Umwelt verringern sowie alternative Ansätze oder Techniken fördern.

Ein Durchschnittswert von drei Jahren (2011-2013) wird dabei als Ausgangspunkt verwendet, mit dem die nachfolgenden Pestizidwerte verglichen werden.

Der HRI 1 zeigt im Zeitraum von 2011 bis 2017 dabei eine 20-prozentige Verringerung des Risikos für die menschliche Gesundheit und die Umwelt durch Pestizide.

In ihrem Bericht kommen die EU-Rechnungsprüfer allerdings zu dem Schluss, dass diese Risikoreduzierung weniger auf eine eingeschränkte Verwendung der Mittel, sondern hauptsächlich auf „geringere Verkäufe der Stoffe“ zurückzuführen ist, die inzwischen in die Kategorie „nicht zugelassen“ fallen.

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Kritik & Verteidigung des HRI 1

Franziska Achterberg, Direktorin für EU-Lebensmittelpolitik bei Greenpeace, betont, der Indikator HRI 1 sei eher „undurchsichtig“ und als solcher kaum geeignet, ein adäquates Ziel zu formulieren.

Auch sie fügt hinzu, dass die recht positive Entwicklung laut HRI 1 „hauptsächlich das Ergebnis von Pestizidverboten ist, nicht das Ergebnis einer Reduzierung des tatsächlichen Einsatzes“. Vielmehr habe die Menge der Pestizide der Gruppen 2 und 3 „massiv zugenommen“ und die „einzige Reduzierung, die man sehen kann“, beziehe sich auf die Menge der nicht-zugelassenen Substanzen.

Dies bestätige also, dass der Rückgang laut HRI 1 hauptsächlich auf einer Verringerung des Verkaufs nicht zugelassener Substanzen beruht – wie bereits der Rechnungshof angedeutet hatte. Aus diesem Grund, so Achterberg, sei es „sinnlos“, die Ziele für die Reduzierung des Pestizideinsatzes und des faktischen Risikos zu „verknüpfen“.

Stattdessen müsse es „ein separates Ziel für die verwendeten Mengen geben; und es muss eine rasche Reduzierung bewirkt werden.“

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Géraldine Kutas, Generaldirektorin des Europäischen Pflanzenschutzverbandes, erklärte gegenüber EURACTIV, sie verstehe „die gesellschaftlichen Bedenken im Zusammenhang mit Pestiziden“. Man erkenne auch „die Bereitschaft der Kommission an, sowohl die Risiken als auch die eingesetzten Mengen unserer Produkte zu reduzieren“.

Sie ermutige die Kommission dennoch, „HRI 1 mit einer klaren und festgelegten Basislinie zu verwenden, um die in der Farm-2-Fork-Strategie festgelegte Vision zu verwirklichen“.

Darüber hinaus könne die Kommission schließlich auch die Durchführung einer Folgenabschätzung erwägen, die „die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der EU-Landwirtschaft misst, wenn den Landwirten eben keine tragfähigen Alternativlösungen zum Schutz ihrer Pflanzen vor Schädlingen und Krankheiten zur Verfügung stehen.“

Henriette Christensen, leitende Politikberaterin des Pesticide Action Network Europe, würde es wiederum „sehr begrüßen, wenn die Europäische Kommission die Notwendigkeit anerkennt, verbindliche Ziele sowohl für das Risiko als auch für den tatsächlichen Einsatz von Pestiziden festzulegen“.

Ihre Organisation sei „zutiefst besorgt darüber, dass die Kommission weiterhin auf den HRI 1 Bezug nimmt, der im Rahmen der SUD eingeführt wurde“. Ihrer Meinung nach sei gerade der Einsatz von Pestiziden ein Umweltfaktor, dessen genauere Überprüfung schon vor langer Zeit hätte entwickelt werden müssen.

Eric Gall, stellvertretender Direktor und Policy Manager beim Bioverband IFOAM, geht etwas weniger hart mit der Kommission ins Gericht. Seiner Ansicht nach sind „die beiden HRIs zwar verbesserungswürdig; aber sie sind ein erster Schritt zu mehr Transparenz und zur Weiterentwicklung der Dokumentation des Pestizideinsatzes“.

Er schließt: „Nun sollte die Kommission der Entwicklung quantitativer Reduktionsziele unter Berücksichtigung des Risikos von synthetischen Pestiziden Vorrang einräumen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic, Gerardo Fortuna]

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