Klimawandel: Südeuropa als Verlierer

Aufgrund extremer Wetterereignisse wird sich die Pflanzenproduktion, wie wir sie heute kennen, nachhaltig verändern. [SHUTTERSTOCK]

Der Klimawandel könnte die Agrarwirtschaft der EU komplett auf den Kopf stellen, so die Europäische Umweltagentur (EUA). Ihrer Prognose nach wird die landwirtschaftliche Produktivität in den Mittelmeerländern sinken, während die nördlichen und westlichen Regionen längere Anbauzeiträume und bessere Bedingungen für die Intensivierung der Landwirtschaft erleben könnten.

In einem neuen Bericht, der am heutigen Mittwoch veröffentlicht wurde, hebt die EU-Umweltbehörde eine „alarmierende Verkettung von Auswirkungen des Klimawandels auf Agrarökosysteme und Pflanzenproduktion“ hervor. Diese dürfte sich in Zukunft auf Preise, Menge und Qualität von Lebensmitelprodukten in Europa auswirken.

So steht zu erwarten, dass extreme Wetter- und Klimaereignisse wie Dürren und Frost die bisherigen Handelsstrukturen und die Einkommensverteilung in der Landwirtschaft in Europa umkehren. Die Pflanzenproduktion, wie wir sie heute kennen, wird sich nachhaltig verändern.

Verluste für Südeuropa

Italien, Griechenland, Portugal, Südfrankreich und Spanien würden sich bald einer Verringerung der Rentabilität ihrer Landwirtschaft gegenübersehen, was letztendlich zum Verlust von landwirtschaftlichen Flächen führen und die Bauern zwingen könnte, ihre Arbeit einzustellen, heißt es im Bericht.

Der Ackerflächenwert in den südlichen Regionen Europas wird bis 2100 voraussichtlich um 60 bis 80 Prozent sinken, wobei sich zwei Drittel dieses Wertverlustes auf Italien konzentrieren, wo der Gesamtverlust zwischen 58 und 120 Milliarden Euro liegen könnte. Dies wäre ein Rückgang um etwa 34-60 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 1961-1990.

Erwartete prozentuale Veränderung der Ackerflächenwerte zwischen den Zeiträumen 2071-2100 und 1961-1990 (EEA report No 04/2019, Quelle: Van Passel et al. 2017).

Vor allem werde die Häufigkeit von Dürren zunehmen, insbesondere im Frühjahr und Sommer im Mittelmeerraum. In diesen Gebieten könnten sich die insgesamt höheren Temperaturen auch auf den Viehsektor auswirken – in Form von schlechterer Tiergesundheit und verminderter Produktion.

Während einige südliche EU-Regionen aufgrund dieser zukünftigen Klimabedingungen also immer weniger für den Pflanzenbau und die Viehzucht geeignet sein dürften, könnte der Wert von Landwirtschaftsflächen in Westeuropa um acht Prozent und in den nordischen und baltischen Staaten um einen noch höheren Prozentsatz steigen.

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Längere Anbauzeiträume und frostfreie Perioden könnten den Anbau neuer Kulturen und Sorten wie Mais und Winterweizen in einigen Gebieten Nordeuropas ermöglichen, so der Bericht.

Kältere Regionen Europas könnten durch die Erderwärmung insgesamt höhere Weizenerträge erzielen, während die osteuropäischen Länder aufgrund verbesserter thermischer Bedingungen bis 2050 einen Ertragsanstieg im Weinbau verzeichnen könnten.

Im Gegensatz dazu wird es den Winzerbetrieben in den traditionellen Weinregionen im Mittelmeerraum aufgrund der Hitze nicht gut gehen. Laut den Prognosen des EUA-Berichts zeigen die Klimaszenarien überaus nachteilige Auswirkungen auf die Traubenentwicklung und die Weinqualität in Südeuropa. Somit wären zusätzliche Anstrengungen erforderlich, um die Zukunft des Weinbausektors in diesen Regionen zu sichern.

Im Mai 2017 startete daher ein EU-Projekt namens VISCA (Vineyards Integrated Smart Climate Application), um zu bewerten, was die europäische Weinwirtschaft zur Bewältigung des Klimawandels tun kann. Ziel ist es, mittel- und langfristige Anpassungsstrategien zu entwickeln.

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Angesichts der Herausforderungen für die Bewässerungssysteme in Südeuropa aufgrund der sich verschärfenden Wasserknappheit droht auch ein Ende des Olivenanbaus in Nord- und Mittelitalien sowie in einigen Gebieten Frankreichs und auf der nördlichen iberischen Halbinsel.

Top-Priorität: Anpassung

Die Verfasser des Berichts sind der Meinung, dass Versuche, sich an den Klimawandel im Agrarsektor anzupassen, für die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Union deswegen eine hohe Priorität haben sollten.

„Trotz einiger Fortschritte muss noch viel mehr getan werden. Das gilt für den Sektor selbst, insbesondere für die landwirtschaftlichen Betriebe. Aber auch die künftige EU-Politik muss so gestaltet werden, dass der Übergang erleichtert und beschleunigt wird,“ forderte EUA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx.

Der EUA-Bericht weist außerdem darauf hin, dass die Gesamtauswirkungen des Klimawandels bis 2050 zu einem Verlust von bis zu 16 Prozent des Einkommens der EU-Landwirtschaft führen könnten.

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Vor allem muss die Einbeziehung von Klimaschutzmaßnahmen aber auf nationaler und regionaler politischer Ebene verbessert werden, fordern die Verfasser des Berichts. Denn bereits zuvor hatte sich gezeigt: Selbst ein „anpassungsfreundlicher“ politischer Rahmen auf EU-Ebene zieht nicht automatisch eine entsprechende Anpassung auf Kommunalebene nach sich.

Aus diesem Grund schlägt die EUA vor, die politischen Entscheidungsträger in den Mitgliedstaaten sollten erwägen, Bestimmungen für die „Zahlung von Ökosystemleistungen“ im Zusammenhang mit der Klimawandel-Anpassung einzuführen. Dadurch würden entsprechende Anpassungsmaßnahmen, die auch Vorteile für die breitere Bevölkerung bringen, für die Landwirte attraktiver.

Die jüngsten Einschätzungen der EUA stehen im Einklang mit den Kernbotschaften des letzten Berichts des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) über Klimawandel und Landnutzung.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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