Kleinbauern: Die unbekannten Helden des Ukraine-Kriegs

Ecoruralis schätzt, dass die großen Agrarunternehmen, die etwas mehr als zwei Drittel der ukrainischen Anbauflächen kontrollieren, im Jahr 2012 60 Prozent aller staatlichen Agrarsubventionen erhalten haben. [SHUTTERSTOCK]

Der russische Angriff auf die Ukraine hat sowohl in dem vom Krieg zerrissenen Land als auch in anderen Teilen der Welt Sorgen um die Ernährungssicherheit geweckt. Der Schlüssel zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung der Ukraine könnte dort liegen, wo man ihn vielleicht nicht erwarten würde: bei den kleinen und mittleren Landwirt:innen.

Bislang seien die Kleinbauer:innen von der ukrainischen Regierung zugunsten der großen Agrarunternehmen weitgehend vernachlässigt worden, erklärte Mykola Pugachov, stellvertretender Direktor des ukrainischen Instituts für Agrarwirtschaft, während einer Veranstaltung am Mittwoch (13. April).

Angesichts des Krieges ändere sich dies jedoch schnell.

„In Friedenszeiten war das vielleicht eine gute Lösung – aber in einer Krise ist es besonders wichtig, die Ernährungssicherheit und die Effizienz der privaten Landwirt:innen, dieser Einzelpersonen, der Kleinbauern, zu gewährleisten“, sagte er. Deren Rolle gewinne jetzt an Bedeutung.

Der Beitrag, den die kleinen Betriebe leisten, sei beträchtlich, so Attila Szocs vom rumänischen Kleinbauernverband Ecoruralis, der 17.000 Kleinbäuer:innen vertritt.

Obwohl Familienbetriebe nur 12 Prozent des ukrainischen Ackerlandes auf Landwirtschaftsbetrieben mit einer Fläche von unter einem Hektar bis zu über 100 Hektar bewirtschaften, tragen sie nach Schätzungen des Verbandes zu 52,7 Prozent der landwirtschaftlichen Bruttoinlandsproduktion bei.

Nach Angaben des Verbandes erzeugen ukrainische Kleinbauern inzwischen 98 Prozent der gesamten Kartoffelernte des Landes, 86 des Gemüses, 85 des Obstes und 81 Prozent der Milch.

„Wenn Sie sich die Typologie der Landwirt:innen in der Ukraine ansehen, gibt es wirklich große Betriebe. Aber es gibt auch 4 Millionen andere Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, viele davon sind Kleinbauern“, sagte Szocs gegenüber EURACTIV.

Nach einem Massenexodus der größtenteils von Oligarchen kontrollierten Agrarunternehmen nach dem Ausbruch des Krieges seien es nun diese Kleinbauer:innen, die die Scherben auflesen müssten, erklärte er.

„Niemand spricht wirklich darüber, wer in der Landwirtschaft weiter tätig ist. Aber wer sind diejenigen, die jetzt in der Ukraine Landwirtschaft betreiben, und was bauen sie an, wer sorgt für die Ernährungssicherheit des Landes? Es sind die Kleinbauern, die viele dieser Lebensmittel produzieren, die im Land bleiben und es tatsächlich ernähren“, sagte er.

In der Zwischenzeit hat der Zustrom von Millionen von Flüchtlingen aus der Stadt in das sichere Umland zu einer zusätzlichen Belastung der lokalen Ernährungssysteme geführt.

Hilfs- und Nahrungsmittelprogramme mögen zwar ihren Platz haben, aber diese seien „aufgrund des Krieges nicht immer ausreichend und schlecht verteilt“, erklärte er, was zur Folge habe, dass es den Landwirt:innen vor Ort überlassen bleibe, die entstandenen Lücken zu füllen.

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Zusätzliche Belastung, keine zusätzliche Unterstützung

Trotz ihrer zentralen Rolle für die Ernährung der ukrainischen Bevölkerung werden Landwirtschaftsbetriebe mit einer Fläche von weniger als 100 Hektar von der ukrainischen Regierung nicht als solche anerkannt.

Das bedeutet, dass sie bisher nicht für staatliche Beihilfen in Frage kamen, so Victor Yarovyi, Wissenschaftler am Wirtschaftsinstitut für Prognosen der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, gegenüber EURACTIV.

„Die Unterstützung ist auf die landwirtschaftlichen Betriebe ausgerichtet und die wirklichen landwirtschaftlichen Haushalte und die kleinen Betriebe gehen leer aus. Das ist das Hauptproblem“, sagte er.

Daran hat sich laut Szocs von Ecoruralis auch angesichts des Krieges nichts geändert.

„Das ist also eine zusätzliche Belastung für die Kleinbauern, die sich ohne jeglichen staatlichen Beistand in einer chronischen Situation befinden, mit begrenzten Produktionsmitteln und sehr begrenztem Land“, schloss er und warnte, dass die ukrainische Landbevölkerung am Rande der Armut stehe, mit 44 Prozent mit Einkommen unterhalb des Existenzminimums und 7 Prozent, die an Unterernährung leiden.

Ecoruralis schätzt, dass die großen Agrarunternehmen, die etwas mehr als zwei Drittel der ukrainischen Anbauflächen kontrollieren, im Jahr 2012 60 Prozent aller staatlichen Agrarsubventionen erhalten haben.

Dies ist ein Muster, das sich bei der internationalen Hilfe zu wiederholen droht, sagte Yarovyi und erklärte, dass viele Programme, wie das der Weltbank, Kleinbauer:innen nach denselben Kriterien definieren wie die ukrainische Regierung.

„Es mag den Anschein vermitteln, dass die Unterstützung für mittlere und kleine Unternehmen und Bauernhöfe vorgesehen ist, aber in der Praxis dient sie nicht der ländlichen Entwicklung, sondern der Unterstützung einiger Erzeuger von Exportkulturen“, erklärte er. Zwar sei es nicht unbedingt von Nachteil, einige landwirtschaftliche Erzeugnisse für den Export zu unterstützen, „aber es hilft nicht bei der Beschäftigung auf dem Land, es hilft nicht bei vielen anderen Dingen.“

Gleichzeitig betonte Pugachov, dass die Unterstützung der Kleinbauer:innen sowohl für die Ernährungssicherheit als auch für die Wiederbelebung des ländlichen Raums von größter Bedeutung sei.

„Wir müssen mehr Agrar- und Ernährungsprogramme fördern. Dazu müssen wir auch Klein- und sogar Kleinstbauern einbeziehen“, sagte er und fügte hinzu, dies werde „Beschäftigungsmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung schaffen und gleichzeitig zu einem besseren Zugang zu Agrargütern und Agrartechnologien sowohl physisch als auch finanziell beitragen.“

„Diese Programme wurden in Friedenszeiten entwickelt, aber leider nie vollendet. Und jetzt ist ihre Wichtigkeit kaum zu überschätzen“, betonte er.

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Klein und resilient

Kleinere landwirtschaftliche Betriebe haben aber auch andere praktische Vorteile.

Pavlo Koval von der Ukrainischen Agrarkonföderation wies beispielsweise während der Veranstaltung am Mittwoch darauf hin, dass die Verlagerung einiger größerer Verarbeitungsbetriebe aufgrund ihrer Ausmaße „absolut unmöglich“ sei. Kleine oder mittelgroße Verarbeitungsbetriebe und -anlagen hingegen könnten oft „recht effektiv und schnell“ bewegt werden.

Auf diese Weise hätten bereits fast 60 Unternehmen ihren Verarbeitungsbetrieb wiederhergestellt, sagte er.

Szocs fügte hinzu, dass die Anfälligkeit großer Landwirte darin bestehe, dass sie zu „logistischen Zielen“ der russischen Aggression werden. Er wies darauf hin, dass einer der ersten Schritte Russlands darin bestand, die Lebensmittelversorgung der Ukraine ins Visier zu nehmen. Dabei sei es vergleichsweise „viel schwieriger“ sei, mehrere verstreute kleinere Betriebe anzugreifen, als einen größeren.

Dies wurde kürzlich von EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski bestätigt, der hinzufügte, dass dies nicht nur ein Problem für die Ernährungssicherheit darstelle, sondern auch für die Umweltverschmutzung in den umliegenden Gebieten.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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