Kenia uneins über Pestizidverbot zur Angleichung an EU-Green Deal

Die Bemühungen des kenianischen Gesetzgebers, die Pestizidvorschriften mit dem Green Deal der EU in Einklang zu bringen, spalten die Landwirte des Landes. Branchenverbände warnen, dass ein Verbot die Produktion um mehr als 1 Milliarde Euro schmälern könnte. [SHUTTERSTOCK]

In der kenianischen Landwirtschaft herrscht Uneinigkeit über Bemühungen, die Vorschriften für Pestizide mit dem Green Deal der EU in Einklang zu bringen. Branchenverbände warnen, dass ein Verbot die Produktion um mehr als eine Milliarde Euro schmälern könnte.

Der Landwirtschaftssektor des ostafrikanischen Landes könnte mehr als 150 Milliarden Schilling (1,2 Milliarden Euro) verlieren, wenn das Verbot des Einsatzes von Agrarchemikalien in Kraft tritt, argumentiert das Tegemeo Institute of Research and Policy, das an der Egerton University, einem auf Landwirtschaft spezialisierten Institut in Zentralkenia, angesiedelt ist.

„Wenn das Verbot in Kraft tritt, wird Kenia keine andere Wahl haben, als zu einem Nettoimporteur von Nahrungsmitteln zu werden, um den Bedarf seiner Bevölkerung zu decken, da eine beträchtliche Menge an Nahrungsmitteln verloren gehen wird“, sagte Timothy Njagi von der Egerton University auf einer von Science Kenya Africa organisierten Veranstaltung.

Die Angleichung an die EU-Pestizidvorschriften würde Landwirt:innen und Erzeuger:innen, die in die EU exportieren wollen, helfen. Für Subsistenzlandwirt:innen und Kleinbäuer:innen, die dies nicht tun, könnte dies jedoch zu Problemen führen.

Der Löwenanteil der kenianischen Exporte in die EU entfällt auf landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Schnittblumen, Obst und Gemüse, die mehr als 90 Prozent des gesamten Exportwertes ausmachen.

In den letzten Jahren wurde die Pflanzenproduktion in ganz Ostafrika von Heuschreckeninvasionen heimgesucht, was einen massiven Einsatz von Pestiziden nach sich zog.

Bis zu 90 Prozent der kenianischen Frischwaren wird von Kleinbauern erzeugt, die zwischen einem halben und fünf Hektar Land besitzen.

Der Europäische Green New Deal „sollte als außenpolitisches Instrument der EU betrachtet werden, da er sich auf alle Länder der Welt auswirken wird, mit denen die EU Handel treibt“, sagt Olumide Abimbola von der Carnegie Endowment for International Peace.

Das zeigt sich jetzt in Kenia, wo die Nationalversammlung über ein vollständiges Verbot von Agrochemikalien nachdenkt, die in der EU verboten worden sind.

Dieser Schritt erfolgte, nachdem Gladys Shollei, eine Abgeordnete des Bezirks Uasin Gishu, im Parlament eine öffentliche Petition eingereicht hatte. Sie argumentierte, dass sich die Menge der importierten Schädlingsbekämpfungsmittel innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt habe und eine Gefahr für die Gesundheit und die Umwelt darstelle. Das vorgeschlagene Verbot würde rund 200 Chemikalien betreffen.

Auf Anweisung des Gesundheitsausschusses der Nationalversammlung führt die Behörde für Schädlingsbekämpfungsmittel des Landes derzeit eine Risikoanalyse der in Kenia verkauften Produkte durch. Von den untersuchten Pestiziden sind 24 Produkte krebserregend, 24 mutagen, 35 haben endokrine Wirkungen und 140 sind neurotoxisch.

Die Ostafrikanische Gemeinschaft, ein Sechs-Länder-Block mit einem eigenen Binnenmarkt für Waren und einem gemeinsamen Außenzoll, erwägt ebenfalls eine Harmonisierung der Pestizidvorschriften.

Umweltschützer:innen argumentieren jedoch, dass auch ungiftige Produkte zum Schutz von Nutzpflanzen verwendet werden können.

Da sich die afrikanischen Staaten nach der durch die Corona-Pandemie verursachten Unterbrechung der Produktions- und Lieferketten nun stärker auf die heimische Ernährungssicherheit konzentrieren, könnten sie der heimischen Lebensmittelversorgung Vorrang vor EU-Exporten einräumen.

„Die kenianischen Bauern verdienen es, die Wahrheit über Pestizide zu erfahren. Die Verbände, die für den Einsatz von Pestiziden eintreten, haben unsere Bauern in die Irre geführt, die die Wahrheit über giftige Pestizide verdienen“, erwiderte Claire Nasike, Kampagnenleiterin von Greenpeace Africa Food.

Andere warnen, dass ein Verbot von Pestiziden die Produktion verringern und die Abhängigkeit von Importen erhöhen würde.

„Die EGD-Strategien werden den ohnehin schon kleinen Werkzeugkasten der afrikanischen Landwirte wahrscheinlich um 50 bis 60 Prozent aushöhlen, da die landwirtschaftlichen Kosten steigen und die Ernteerträge sinken werden, so dass die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um bis zu 56 Prozent gesteigert werden muss“, meint Stella Simiyu von CropLife Africa.

Die Auswirkungen der nachhaltigen Ziele der EU auf die afrikanischen Lebensmittelproduzenten werden ein zentrales Thema im Vorfeld des sechsten Treffens zwischen der EU und der Afrikanischen Union (AU) Anfang des Jahres sein.

Das Gipfeltreffen zwischen der Afrikanischen Union (AU) und der EU wird am 17. und 18. Februar 2022 stattfinden, um die Handelspartnerschaft zwischen den beiden benachbarten Kontinenten neu zu beleben.

„Ziel ist es, ein ehrgeiziges, zukunftsorientiertes Bündnis mit Afrika zu schmieden, das einen Raum des Wohlstands und der Stabilität schaffen kann, der durch ein transformatives Investitionspaket gestützt wird“, heißt es in den Schlussfolgerungen des EU-Gipfels im Dezember.

EU-Afrika-Beziehungen: Geschützte Ursprungsangaben als Entwicklungsmotor?

Die lange Tradition und enorme Vielfalt afrikanischer Agrarprodukte könnte von einem Sonderschutz in Form von offiziellen Herkunftsbezeichnungen profitieren.

[Bearbeitet von Alice Taylor und Gerardo Fortuna]

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