Keine Schulung, keine Subventionen: Afrikanische Landwirtschaft sieht Farm to Fork mit Sorge

Besonders schwer dürfte es für die kenianischen Bauern sein, die neuen Bio-Anforderungen der EU zu erfüllen, so Ojepat. [SHUTTERSTOCK/MIARON]

Afrikanische Landwirte befürchten, aufgrund der in der neuen EU-Lebensmittelpolitik geforderten Umweltstandards zurückzufallen und „allein gelassen“ zu werden. So warnen Kenianische Bauernorganisationen, dass die neuen Regeln ohne zusätzliche Unterstützung den Agrarprodukte-Handel mit Europa gefährden könnten.

Die Farm to Fork (F2F)-Strategie der Europäischen Kommission zielt darauf ab, das europäische Lebensmittelsystem durch eine Reihe von strengen Zielen nachhaltiger zu gestalten.

Um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten nicht zu beeinträchtigen, haben die europäischen Landwirte gefordert, dass importierte Produkte dieselben Umweltstandards erfüllen müssen, die auch innerhalb der Union gelten.

Auch die EU-Kommission will ihre Präferenzen in Handelsfragen neu festlegen, um sie mit dem Ziel in Einklang zu bringen, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen.

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Die neue Lebensmittelpolitik der Europäischen Kommission sollte überprüft werden, wenn eine künftige Folgenabschätzung zeigt, dass sie sich negativ auf die Landwirte auswirken wird, sagte die neu gewählte Vorsitzende des Bauernverbandes COPA, Christiane Lambert, gegenüber EURACTIV.com.

Aus Sicht afrikanischer Landwirte dürften diese Ziele jedoch recht schnell zu einer großen Hürde für den Handel werden, wenn sie ihre Erzeugnisse nach Europa verkaufen wollen.

Im Gespräch mit EURACTIV.com klagt der Vorsitzende des kenianischen Verbandes Fresh Produce Consortium, Okisegere Ojepat, die Bäuerinnen und Bauern im Land hätten bereits Schwierigkeiten, den neuen regulatorischen Rahmen und seine wahrscheinlichen Effekte auf die gesamte Wertschöpfungskette in Afrika überhaupt einzuschätzen. Eigentlich müssten sie jedes Mal „geschult“ werden, wenn die EU innerhalb kurzer Zeiträume erneut ihre Vorschriften ändert. Nur so sei sichergestellt, dass die afrikanischen Produzenten nicht vom europäischen Binnenmarkt ausgeschlossen werden, fügt er hinzu.

Die größte Sorge der afrikanischen Landwirte ist, dass der EU-Regelungsrahmen für sie unfair ausfallen könnte: So würden einerseits strikte Anforderungen auferlegt, andererseits aber keine Vorgaben oder gar Unterstützung geboten, um mit den europäischen Landwirten gleichzuziehen. Man lehne den Rahmen nicht ab, „aber die europäischen Landwirte erhalten Subventionen direkt von der EU“, erinnert Ojepat. Dass afrikanische Landwirte ohne Schulungen zum Kapazitätsaufbau für die Erfüllung der F2F-Anforderungen auskommen müssen, werde sich bemerkbar machen.

Bio-Anforderungen

Besonders schwer dürfte es für die kenianischen Bauern sein, die neuen Bio-Anforderungen der EU zu erfüllen, so Ojepat. Die F2F-Strategie hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2030 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in der EU ökologisch bewirtschaftet werden sollen – was einer Verdreifachung entspricht.

Bis zu 90 Prozent der kenianischen Produktion von Frischprodukten wird von Kleinbauern erzeugt, die Flächen zwischen einem halben und fünf Hektar Größe besitzen. Diese Kleinbauern dürften Schwierigkeiten haben, die EU-Anforderungen zur Reduzierung des Pestizideinsatzes zu erfüllen, sagt Ojepat. In diesem Zusammenhang erinnert er an die jüngsten Schäden durch Heuschrecken.

„Der afrikanische Kontinent liegt zu einem Großteil in den Tropen, und daher wird das Problem mit den Pflanzenschädlingen nicht geringer werden,“ warnt er.

„Wenn die EU sagt: Ihr müsst auf Bio umsteigen, dann heißt das auch, dass wir bestimmte Stoffen nicht mehr verwenden dürfen. Aber uns wird keine Alternative für den Umgang mit Heuschrecken genannt,“ kritisiert Ojepat. Man könne von afrikanischen Bauern nicht erwarten, dass sie ohne Subventionen und mit den massiven Schädlingsproblemen, unter denen sie in den Tropen leiden, die gleichen Umweltstandards einhalten. „Ökologisch zu wirtschaften, wie es der Green Deal der EU vorsieht, ist hier aktuell nicht möglich – und schon gar nicht kostenfrei,“ schließt er.

Der Löwenanteil der kenianischen Exporte in die EU entfällt derweil auf landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere Schnittblumen, Obst und Gemüse. Diese Produkte machen mehr als 90 Prozent des gesamten Exportwertes in Richtung Norden aus.

Laut Ojepat sollte es für die afrikanische Landwirtschaft aktuell aber ohnehin darum gehen, genügend Nahrung für die heimische Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. In dieser Hinsicht müssten auch die EU-Wünsche hintenanstehen: „Wir sind nicht gegen Lebensmittelsicherheitsstandards. Aber zunächst müssen wir Ernährungssicherheit für unsere Leute sicherstellen.“

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Ojepats Hoffnung ist dabei, dass die EU die afrikanischen Staaten dann als Handelspartner betrachtet und nicht als „Feind oder jüngeren Bruder“, den man herumkommandiert: „Wir sind ein wachsender Kontinent, der bestes verfügbares Ackerland und Anbaumöglichkeiten bietet. Wir können die Welt mit Nahrungsmitteln versorgen – wenn man uns nur unterstützt und uns zuhört.“

Beim AU-EU-Gipfel sollte daher insbesondere über Innovation und Technologie diskutiert werden, um den afrikanischen Landwirten „praktische Lösungen“ für die Produktion und Weiterverarbeitung nach der Ernte an die Hand zu geben.

Ojepat schließt: „Ich bete, dass während des Gipfels nüchterne Köpfe zugegen sind, die vernünftige Vorschläge einbringen, wenn es darum geht, über Lebensmittel, Wissenschaft und Agrarhandel in der Welt zu diskutieren.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond und Tim Steins]

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