„Junge Landwirte haben keine Chance, hier an Land zu kommen“

Junge Landwirte protestieren 2017 in der Nähe von Berlin gegen Landspekulationen durch große Investoren. [Foto. Wandelwoche Berlin-Brandenburg]

This article is part of our special report Generationswechsel in der Landwirtschaft.

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In Ostdeutschland wachsen die Preise für Ackerland seit Jahren rasant an. Schuld daran sind zum einen Großinvestoren, die das Land als Investitionsobjekte erwerben. Aber auch die Privatisierung ehemaliger DDR-Genossenschaften erzeugt eine Preisspirale, die es besonders für junge Menschen zunehmend schwierig machen, überhaupt noch an Land zu kommen.

Es ist kein hochwertiges Land, auf dem die Bewohner des Bauernhofes Bienenwerder Gemüse anbauen. Der Boden in Ost-Brandenburg ist sandig, dazu kamen die beiden vergangenen Dürre-Sommer. Und trotzdem ist Julia Bar-Tal stolz auf das, was sie und das Hofkollektiv hier geschaffen haben. Auf inzwischen 45,5 Hektar bauen sie ökologisches Gemüse an, über 40 verschiedene Kulturen und bis zu 250 verschiedene Sorten, die sie direkt an Läden in Berlin verkaufen. Der Arbeitsaufwand auf dem Öko-Hof ist groß, denn um den schwachen Boden zu schonen wird der Boden mit Pferden und Ponies statt Traktoren bearbeitet.

Dass sie überhaupt einmal 45 Hektar besitzen würde, verdankt Bar-Tal ihrer Abstammung. Ihre Großmutter kam aus dem Nordwesten Brandenburgs, die Familie besaß eine große Landwirtschaft und wurden nach 45 enteignet. Dadurch hatte ihre Enkelin ein Vorkaufsrecht und konnte den Großteil ihrer Flächen begünstigt erwerben. „Das ist einfach familiärer Zufall. Viele andere junge Landwirte haben einfach keine Chance, hier an Land zu kommen, egal wie gut sie ausgebildet sind“, erklärt Bar-Tal.

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Der Hekar hat sich fast verfünffacht

Schuld daran sind die Landpreise, die in den vergangenen 15 Jahren explodiert sind. 2004 kostete ein Hektar Land in Brandenburg durchschnittlich noch 2.500 Euro, so die offiziellen Zahlen der Landesregierung, 2017 waren es schon über 11.000 Euro.

Grund dafür ist eine Preisspirale, die nach der deutschen Wiedervereinigung einsetze. Mit dem Ende der DDR wurden die großen, staatlichen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zerschlagen und stückweise privatisiert. Zuständig dafür ist bis heute die bundeseigene „Bodenverwertungs- und Verwaltungs-GmbH“, kurz BVVG. Der Verkauf großer Landflächen lockte bald überregionale Investoren an. Viele von ihnen haben keinen landwirtschaftlichen Hintergrund, sondern spekulierten auf steigende Bodenpreise. Tatsächlich hat der Preis pro Hektar inzwischen astronomische Höhen erreicht. Ein Blick in die Datenbank der BVVG zeigt Käufe von über 26.000 Euro pro Hektar in der Region, wo auch der Hof Bienenwerder liegt.

Landpreise losgelöst von realistischen Ernteeinnahmen

„Die Flächenpreise hier haben sich zunehmend entkoppelt von dem, was landwirtschaftlich darauf erwirtschaftet werden kann. Dadurch sind landwirtschaftliche Betriebe irgendwann raus und es geht automatisch in einen Bereich, in dem Leute mit außerlandwirtschaftlichem Kapital investieren. Das ist ein virtueller Wertzuwachs, der gar nicht mehr der Realität entspricht“, erklärt Julia Bar-Tal.

Rentabilität, Land und Leidenschaft für den ländlichen Raum: das magische Dreieck des Generationenwechsels der Landwirtschaft

In Spanien und in der gesamten Europäischen Union sind mehr als 90 Prozent der Landwirte kurz vor dem Rentenalter, so dass das Problem der Generationenerneuerung eine ernsthafte Herausforderung darstellt.

Gleich nach der Wende konnte Land durchaus noch zu erschwinglichen Preisen gepachtet werden, was vor allem große Agrar-Genossenschaften taten. Doch die jüngere Generation muss ohne solch begünstigten Bedingungen auskommen. Die Pachtzeiten sind kürzer, dazu kommen extrem hohe Investitionen in Hof und Technik bei der Gründung eines Hofes. Da das Land aber die Grundlage für jegliche Investitionen in die Zukunft ist, bedeutet ein Betriebsaufbau ein enormes Risikos wenn das Land nicht langfristig gesichert ist. „Wenn man einen Hof gründen will, braucht man also eine hohe Risikobereitschaft und einen wahnsinnigen Idealismus“, so Bar-Tal.

Landwirte treiben Preisspirale selber hoch

Wird dann zum Verkauf ausgeschrieben, ist die Umsetzung Sache der BVVG. Wie das geschieht kritisiert die ausgebildete Öko-Landwirtin die Praxis scharf. Denn Landstücke werden in öffentlichen Ausschreibungen vergeben, in denen jeder ein einziges Gebot abgeben kann. Wer sonst noch mitbietet oder wie hoch die anderen Angebote waren, erfährt keiner. Gerade für Landwirte, die dringend auf das an ihren Hof angrenzende Land angewiesen sind, ist diese Praxis ein großes Problem, erklärt sie.

„Wenn das Flächen sind, an denen deine Existenz hängt und du nicht weißt, wer sonst bietet, dann bietest du natürlich hoch. Aus den Geboten in einer Region berechnet sich dann der nächste Orientierungswert. Das nennt die BVVG eine natürliche Preisentwicklung. Und wir Landwirte beteiligen uns selber an der Preisspirale nach oben“.

Junglandwirten wird es schwer gemacht, EU-Beihilfen in Anspruch zu nehmen

Junglandwirte, die über nichtkonventionelle Verträge Zugang zu Land erhalten haben, haben nach Angaben der Europäischen Kommission Anspruch auf EU-Fördermittel. In der Praxis sieht das jedoch anders aus.

Aus Sicht der BVVG ist dieses System so transparent wie nur möglich. Würden die Gebote öffentlich gemacht, so das Argument, dann würden die Preise erst recht in die Höhe schnellen. Außerdem gibt es begrenzten Ausschreibungen, die sich gezielt an junge oder Ökolandwirte richten, um sie zu fördern. Tatsächlich gehen 80 Prozent der von der BVVG vergebenen Flächen an regionale Landwirte. Doch die großen Investoren gehen gar nicht erst über den direkten Landkauf. Stattdessen kaufen sie Agrar-Genossenschaften auf und werden so juristisch gesehen zu regionalen Landwirten, die an den Ausschreibungen teilnehmen dürfen.

Junge Farmer schließen sich zusammen

Dass auch die begrenzten Ausschreibungen für jüngere Landwirte nichts bringen, hat Benjamin Meise am eigenen Leibe erfahren. Meise betreibt einen konventionellen Betrieb in der Nähe von Bienenwerder. Von seinen 3500 Hektar sind 1500 von der BVVG gepachtet.

Als 350 Hektar zu einer begrenzten Ausschreibung freigegeben wurden, wollte er bieten – doch der angegebene Mindestpreis war viel zu hoch. Da es sich um sehr gutes Land handelte, behielt der Landwirt davon 70 Hektar, zu „überregionalen Preisen“, sagt er. „Aber wir mussten uns in Folge dessen von Mitarbeitern trennen und Maschinen verkaufen“. Angesichts der Dürren, des Brexit und der womöglich sinkenden Direktzahlungen von der EU geht Meise allerdings davon aus, dass die Landpreise wieder sinken werden. „Die haben den Peak erreicht“.

EU-Rechnungshof glaubt an das Potenzial der digitalisierten Landwirtschaft

Die Präzisionslandwirtschaft scheint bei Landwirten und Gesetzgebern immer mehr an Akzeptanz zu gewinnen. Auch der EU-Rechnungshof hat nun den erwarteten Mehrwert hervorgehoben.

Weil sie nicht darauf warten wollen, dass das von alleine geschieht, organisieren sich Auszubildende und junge Landwirte in der Region seit einigen Jahren im „Bündnis Junge Landwirtschaft“. In Protestaktionen machen sie auf Landgrabbing durch Großinvestoren aufmerksam und fordern einen Wandel in der derzeitigen Landvergabepraxis.

Auch Julia Bar-Tal ist dabei. Sie wünscht sich, dass zumindest darüber diskutiert würde, ob und wie der Boden Brandenburgs überhaupt verkauft werden soll. Alternativ könnte sie sich auch eine Kappung der Kauf- und Pachtbeträge vorstellen, wie es sie in Frankreich gibt. „Dann würde das Geschäft viel unattraktiver für Investoren werden“, meint sie.

[Bearbeitet von Britta Weppner]

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