Ist die ukrainische „Getreide-OPEC“ ihren Preis wert?

Einer der Gründe, warum die Initiative einer Organisation von Getreideexporteuren vorgeschlagen wurde, war nach Angaben der ukrainischen Regierung die Blockade der ukrainischen Seehäfen angesichts der russischen Invasion. [SHUTTERSTOCK/LESIK]

Die Ukraine lässt Russlands gescheiterten Traum von einer Organisation der getreideexportierenden Länder (OEPC) wieder aufleben. Expert:innen warnen jedoch vor negativen Folgen, da die Funktionsweise der Organisation noch geklärt werden müsse.

Die ukrainische Regierung hat vor kurzem die Gründung der „OEPC“ vorgeschlagen. Diese Initiative soll einige der weltweit größten Getreideexporteure wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien, Argentinien und die EU zusammenbringen, um ihre Bemühungen zu koordinieren und mögliche Hindernisse für Getreideexporte zu überwinden.

Ziel sei es, „die persönlichen wirtschaftlichen Interessen“ der Mitglieder zu schützen, vor allem als Reaktion auf die aktuellen Störungen der Getreideexporte aus der Ukraine, erklärte Markiyan Dmytrasevych, stellvertretender Landwirtschaftsminister der Ukraine, gegenüber EURACTIV.

Eine solche Initiative ähnelt an einen Wunschtraum Russlands, das in den 2000er versuchte, ein Getreidekartell mit anderen Produzenten aus dem Schwarzmeerraum, einschließlich der Ukraine und Kasachstan, zu bilden.

Als Vorbild für die Gründung der Organisation diente Russland das mächtige Ölkartell der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), das einen erheblichen Einfluss auf die Festlegung der Preise für fossile Brennstoffe auf den Rohstoffmärkten hat.

Dmytrasevych zufolge ist der wirtschaftliche Kern der ukrainischen Initiative jedoch ein völlig anderer als der der OPEC. „Eine solche Organisation könnte ein Gegengewicht zur Getreide- und Nahrungsmittelerpressung sein, die Russland derzeit betreibt“, sagte er.

Seiner Meinung nach könnte die Nahrungsmittelsicherheit das erste Hauptziel sein, während wirtschaftliche Aspekte das zweite Element bilden sollen.

Wenn beispielsweise ein Land Getreide importieren möchte, aber tarifäre und nichttarifäre Hemmnisse für verarbeitete Produkte erhebt, könnte die Getreideorganisation „entsprechend auf eine solche abweisende Maßnahme des Importeurs reagieren, wobei der Exporteur die gleiche Maßnahme anwendet“.

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Markiyan Dmytrasevych ist der stellvertretende ukrainische Landwirtschaftsminister und zuständig für den Handel. Er sprach mit EURACTIVs Agrarreporterin Yaroslava Bukhta.

„Getreide-Quoten“ gegen die Blockade der Seehäfen

Eine der Ideen dieser Organisation von Getreideexporteuren ist es, Quoten für Getreideexporte zu vereinbaren.

„Wenn dies vor dem Krieg der Fall gewesen wäre, würden einige Länder keine Getreidevorräte anlegen, um die Situation zu überleben, die wir mit dem Krieg erleben“, sagte Dmytrasevych.

Der Minister fügte hinzu, dass die großen Importeure nicht sehr beunruhigt seien, da sie davon ausgingen, dass der Krieg in einiger Zeit enden und ihre Reserven ausreichen würden.

Nach Ansicht des stellvertretenden ukrainischen Ministers könnte eine zu starke Abhängigkeit von Vorräten die Durchführung wirksamer Maßnahmen zur Ausfuhr von Getreide aus der Ukraine verhindern.

Etwa 400 Millionen Menschen wurden bisher bis zu einem gewissen Grad von ukrainischem Getreide ernährt, wobei ein erheblicher Teil dieser 400 Millionen aus Ländern stammt, in denen die Menschen mehr als 40 Prozent ihres Jahreseinkommens für Lebensmittel ausgeben.

Infolge früherer Lieferungen verfügen diese Staaten über Vorräte. In ein oder zwei Monaten werden diese Vorräte zur Neige gehen – und angesichts der derzeitigen Situation, in der die ukrainischen Seehäfen blockiert und keine Ausfuhren mehr möglich sind, werden sie mit einer schweren Krise konfrontiert sein.

Einer der Gründe, warum diese Initiative ins Leben gerufen wurde, war laut Dmytrasevych die Blockade der ukrainischen Seehäfen angesichts der russischen Invasion.

Vor dem Krieg machten die Seehäfen 90 Prozent der ukrainischen Exporte aus und ermöglichten es dem Land, monatlich fünf und mehr Millionen Tonnen Getreide auszuführen. Jetzt liegen selbst die optimistischsten Prognosen für die Ausfuhren mit allen möglichen Mitteln bei bis zu zwei Millionen Tonnen.

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Die „Getreide-OPEC“ als Schutzmechanismus

Im Zuge der Krise haben einige Länder Maßnahmen zum Schutz ihrer Binnenmärkte ergriffen, wie etwa das indische Ausfuhrverbot für Getreide. Den Befürwortern zufolge könnte die „Getreide-OPEC“ dazu beitragen, solche Maßnahmen bestimmter Länder zu vermeiden.

Agrar- und Handelsexpert:innen weisen jedoch auf die möglichen negativen Folgen einer solchen Initiative hin und erwähnen den Preisanstieg, insbesondere für diejenigen, die Getreide importieren.

João Pacheco vom Think Tank FarmEurope erklärte: „Wenn damit die Einführung von Exportquoten gemeint ist, wäre dies meiner Meinung nach unseren gemeinsamen Interessen abträglich und würde sich negativ auf die Ernährungssicherheit in Ländern auswirken, die netto Nahrungsmittel importieren, insbesondere in Afrika und im Nahen Osten, da Quoten die Getreidepreise in die Höhe treiben würden.“

Seiner Meinung nach geht die Idee einer „Getreide-OPEC“ an den Folgen der russischen Aggression vorbei, die zur Blockade der ukrainischen Seewege geführt hat.

Außerdem sind die Grenzen zwischen den Zuständigkeiten einer solchen „Getreide-OPEC“ und der Welthandelsorganisation (WTO) nicht klar, da die Länder, die Mitglieder der Organisation wären, auch WTO-Mitglieder sind. Die WTO-Standards gehen von freien und regulierungsfreien Märkten aus, während Exportquoten dieser Regel zuwiderlaufen.

Oleg Nivievskyi, Professor und Vizepräsident für wirtschaftliche Bildung an der Kyjiwer Wirtschaftshochschule, steht der Initiative ebenfalls skeptisch gegenüber: Exportbeschränkungen könnten die Marktpreise in die Höhe treiben und die Lebensmittelsicherheit gefährden, während Landwirt:innen unter den niedrigeren Inlandspreisen leiden.

Er sagte, dass solche Beschränkungen sogar noch mehr Risiken für die Ernährungssicherheit mit sich bringen könnten, „denn in der derzeitigen Situation, in der es unkoordinierte Aktionen von Händlern aus verschiedenen Ländern gibt, können die Exporte eines Landes das Defizit eines anderen Landes ausgleichen, und auf diese Weise gleicht der Handel Angebots- oder Nachfrageschocks aus.“

„Aber wenn es eine koordinierte Aktion für viele Länder gibt, steigt das Risiko“, fügte er hinzu.

Gleichzeitig sieht Pacheco von FarmEurope einen gewissen Spielraum für positive Ergebnisse der Initiative.

„Wenn sie zu einer stärkeren Zusammenarbeit bei der Sicherung von Produktion und Exporten in einer solch schwierigen Situation führt, könnte diese Organisation eine hilfreiche Plattform sein, um die aktuellen Herausforderungen bei der Getreideversorgung zu bewältigen“, schloss er.

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[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]

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