Insektenschutz: Landwirte fordern mehr Mitspracherecht

Es steht nicht gut um die Wildbiene. Eintönige Landwirtschaft und der Einfluss des Menschen machen ihr stark zu Schaffen. [arda savasciogullari/ Shutterstock]

Das Insektensterben hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Mit einem Insektenschutzprogramm will das Umweltministerium noch in diesem Jahr dagegen angehen. Doch die Landwirte fühlen sich übergangen und fordern mehr Anreize zum Umweltschutz.

Eine Studie, vorgestellt im britischen „The Guardian“, sorgt derzeit für Aufsehen: über vierzig Prozent aller Insektenbestände sind stark am Schrumpfen. Das Tempo ihrer Ausrottung sei acht Mal schneller als bei Säugetieren oder Reptilien, warnen die Forscher. In 100 Jahren könnte es im schlimmsten Fall gar keine Insekten mehr geben.

Die Angst vor diesem Horrorszenario beherrscht schon länger die öffentliche Aufmerksamkeit. Zu lange wurde das Insektensterben ignoriert. In Bayern haben sich in diesen Monat knapp 20 Prozent aller Wahlberechtigten Bürger einem Volksbegehren angeschlossen, das mehr Schutz für die Artenvielfalt fordert. Auch die Bundesregierung in Form von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich dem Problem zugewandt. Im Oktober vergangenen Jahres billigte das Kabinett die Eckpunkte eines Aktionsprogramms für Insektenschutz, das seit Freitag  in die Ressortabstimmung gegangen ist. Wenn es nach Ministerin Schulze geht, wird das Kabinett das fertige Gesetz im April beschließen. „Das Insektensterben zu stoppen, ist eine zentrale politische Aufgabe unserer Zeit“, hat Schulze erklärt. Jährlich sollen 100 Millionen Euro für den Aktionsplan bereitgestellt werden, ein Viertel davon soll der Forschung und Überwachung dienen.

Insektenschutz: Blühstreifen und Teilverbote reichen nicht

Um den Ursachen des Insektensterbens auf den Grund zu gehen und zielorientierte Lösungsansätze zu entwickeln, braucht es mehr als starke Worte, meint Ilka Dege.

Bauern: Was fehlt, ist die Kooperation

Widerstand regt sich aber nicht nur seitens der Grünen und der Naturschutzverbände, die das Gesetz als nicht hinreichend kritisieren, sondern auch im Deutschen Bauernverband (DBV). Landwirte seien zwar bereit, ihren Teil beizutragen, erklärt DBV-Präsident Joachim Rukwied. Aber „ein Aktionsprogramm, das zentrale Probleme wie den ungebremsten Flächenfraß, Zersiedlung oder Mobilität nur am Rande streift, kann seiner Zielsetzung nicht gerecht werden.“ Im Gespräch mit EURACTIV meint auch sein Generalsekretär Bernhard Krüsken, das Gesetz „kommt mit einer detaillierten Fülle von Verbotsvorschlägen daher“. Was aber fehle, sei ein kooperativer Ansatz – die Bauern können nicht alles alleine machen, meint er.

Wie genau es um das Insektensterben steht, weiß keiner. Die Datenlage stützt sich auf nur wenige Studien. Aber der Trend sei völlig eindeutig und in der Wissenschaft seit einem Jahrhundert bekannt, erklärt Martin Husemann, Entomologe an der Uni Hamburg. „Es gibt Studien die zeigen, dass es in einigen Regionen mit vielen Ackerbauflächen weniger Insekten gibt als in der Stadt. Und das betrifft sämtliche Insektengruppen“. Die Gründe dafür, erklärt der Insektenforscher, sind ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Allem voran der Mangel an qualitativ gutem Lebensraum – also Habitate mit einer großen Pflanzenvielfalt und ohne zu viel Lärm, Licht und natürlich menschlichem Einfluss.

Sechs Mitgliedsstaaten wollen Glyphosat-Alternative

Sechs EU-Mitgliedsstaaten, die gegen die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung waren, fordern von der EU-Kommission eine Studie zu Alternativen für die Substanz.

Umweltministerin  will Düngerverbote

Das Aktionsprogramm des Umweltministeriums will möglichst alle dieser Aspekte angehen. So soll besonders das Düngen eingeschränkt werden. In Ackerstreifen, die an wichtige Insektenlebensräume grenzen, soll es zum Beispiel ganz verboten werden. Auch das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat soll nur noch zum Einsatz kommen, „wo und soweit dies absolut nicht anders geht“.

Inwiefern Pestizide überhaupt mit dem dramatischen Insektensterben zu tun haben, ist umstritten. Studien haben teils keinen Effekt nachweisen können. Doch sind sie meist von den Düngerherstellern selber in Auftrag gegeben worden und nur an bestimmten Arten unter Laborbedingungen vorgenommen worden, betont der Insektenforscher Husemann.

GAP nach 2020: "Die EU lässt den Mitgliedsstaaten zu viel Spielraum"

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU soll im nächsten Finanzrahmen mit 365 Milliarden Euro gefördert werden. Aber wo genau soll das Geld hineinfließen, was ist nachhaltig? Ein Gespräch mit dem Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg.

„Die finanziellen Mittel sind da“

Weil ein Düngerverbot das Artensterben nicht aufhalten wird, sieht der Insektenschutzplan dazu die Schaffung von mehr Grünstreifen vor, die nicht zum Ackerbau genutzt werden. Ein solches „Greening“ ist in der europäischen Landwirtschaftspolitik (GAP) vorgesehen und an Fördermittel gebunden. Viele kritisieren es aber als ineffizient – und ab 2021 soll es laut Kommission in seiner jetzigen Form ganz gestrichen werden.

Was es für mehr Wildwuchs braucht, so Krüsken, sei ein Anreizprogramm für Landwirte. „Die finanziellen Mittel sind da“, sagt er. Bund und Länder stellen Gelder zur Verfügung, außerdem sind Teile der GAP, aus der Deutsche Landwirte jährlich 6,2 Milliarden Euro erhalten, für Umweltschutzmaßnahmen reserviert. Zum einen durch Direktzahlungen, zum anderen durch Ko-Finanzierung mit dem EU-Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE). Leider, so Krüsken, hapert es oft an der Bürokratie – wenn zum Beispiel ein Blühstreifen wegen einer Baumreihe nicht anerkannt wird. „Es wird zwar immer gejammert, aber es steht einiges an Geld in den Förderinstrumenten zur Verfügung. Man muss sie nur auf den Insektenschutz ausrichten. Ich glaube, wir haben noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die wir haben“.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 9 Uhr Newsletter.