Industrielle Landwirtschaft: „Tretmühle“ ohne Ausweg?

Landwirtschaft, die Ressourcen aufbraucht, sorgt zwar kurzzeitig für hohe Erträge, ist aber langfristig nicht tragbar, warnen Experten. [Dirk Ingo Franke/Flickr]

This article is part of our special report Zukünftige Anforderungen an die deutsche Landwirtschaft.

Immer mehr bäuerliche Höfe in Deutschland werden über die Preise zerrieben, die von großen industriellen Betrieben weiter gedrückt werden. Doch es gibt Initiativen, die erfolgreich kleine Höfe fördern – und dabei auf Umwelt, Ressourcen und Chemiekalien-Verzicht setzen.

Für deutsche Landwirte ist die Zukunft längst nicht nur eine abstrakte politische Größe. Wachse oder weiche – dieses Fortschritts-Credo treibt immer mehr Höfe in den Ruin und zerstört zunehmend endliche Ressourcen wie Wasser und Boden.

„Die Welt hat sich geändert“, mahnt Stephanie Wild vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (SOLAWI). „Landwirtschaft, die Ressourcen aufbraucht, sorgt zwar kurzzeitig für hohe Erträge, ist aber langfristig nicht tragbar.“ Seit Einführung der industriellen Landwirtschaft habe die Menschheit 40 Prozent des fruchtbaren Bodens verloren. Und auch unsere Art der Fleisch- und Milchproduktion sei höchst fragwürdig. „Wir schaffen dafür Futtermittel aus der ganzen Welt heran, lassen die Tiere in viel zu engen Ställen leiden und schaffen mit übermäßigem Antibiotikaeinsatz Resistenzen von Krankeitserregern“, so die SOLAWI-Koordinatorin.

Das Netzwerk SOLAWI will hier gegensteuern. Die Idee dazu, die Mitte der 70er Jahre in Japan begründet wurde und dort heute Millionen Menschen mit Bio-Obst und -Gemüse versorgt, ist im Grunde einfach: Eine Gruppe trägt einen Hof, die Verbaucher teilen sich also die Kosten, die beim Landwirt anfallen – etwa für Saatgut, Löhne, Pacht, Versicherungen. Im Gegenzug haben sie Anspruch auf einen Anteil der Ernte und erhalten alle Produkte des Hofes frisch – und in den meisten Fällen in Bioqualität.

„Die industrielle Landwirtschaftist nicht geeignet, um die Menschheit zu ernähren“

Vorbild für die deutschen SOLAWI-Begründer war Frankreich, wo der Fokus laut Wild allerdings weniger auf Bio und mehr darauf liege, die bäuerlichen Betriebe zu erhalten. Auf der Plattform von Urgenci tausche man sich auch unter den Projekten auf europäischer Ebene aus – und kann auf Erfolge wie in den USA hoffen: Dort ist das Konzept mittlerweile als „Community Supported Agriculture“ ein maßgeblicher Player, mit inzwischen etwa 6000 Höfen.

„Dass die industrielle Landwirtschaft weder im Moment die Welt ernährt, noch dass sie künftig das geeignete Instrument sei, ist alles im Weltagrarbericht der Vereinten Nationen von 2008 dokumentiert“, fasst Wild den Ansporn des 2011 in Deutschland gegründeten Netzwerkes zusammen, das in der Bundesrepublik inzwischen 110 Höfe zählt. Weitere 100 Initiativen sind in der Gründungsphase.

Kleinbauern fördern

Im Jahr 2050 wird es neun Milliarden Menschen auf der Welt geben, die ausreichend ernährt werden müssten, lautet zumeist das Argument der Politik für eine industrialisierte Landwirtschaft. 400 internationale Wissenschaftler konstatierten allerdings in ihrem Weltagrarbericht 2008 und abermals 2011: Es wird bereits jetzt ausreichend Nahrung für diese neun Milliarden produziert, doch die Unterernährten können sie sich nicht leisten.

Die größte Chance, die Produktion zu steigern, sieht der Weltagrarbericht darin, Kleinbauern zu fördern. Immer größere Flächen mit immer mehr Technik und Chemie zu bebauen, sei eine „Tretmühle“, bei der immer mehr Bauern ihren Job verlören.

In Europa werden kleine Betriebe kaum noch unterstützt. Die Agrarsubventionen unterstützen jenen Bauern mit mehr Geld, der viel Land hat. In Deutschland gingen laut einem OECD-Bericht im Jahr 2013 gut 28 Prozent der EU-Gelder an nur 1,8 Prozent der Betriebe. Immer weniger Höfe bewirtschaften immer größere Flächen. Im Jahr 2013 wurden in der Bundesrepublik rund 94 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche von konventionellen, heißt zunehmend: industrialisierten Betrieben bewirtschaftet.

„Tretmühle“, bei der immer mehr Bauern ihren Job verlieren

Steht der klassische Bauernhof, der eine große Bandbreite an Lebensmitteln auf kleiner Fläche produziert, also vor dem Aus?

„Provokant würde ich sagen: Er ist das einzige Zukunftsmodell“, sagt SOLAWI-Expertin Stephanie Wild. Letztlich hänge aber alles davon ab, unter welchem wirtschaftlichen Druck die Bauern stehen. Die Politik sollte die Kosten auf jene Produktionsweise übertragen, die langfristig auch die Kosten verursacht – etwa durch den Verlust der biologischen Vielfalt, das Aussterben von Dörfern und Höfen, die Verarmung von Böden und die Nitratbelastung des Grundwassers. Die konventionelle Landwirtschaft dürfte somit nicht mehr gefördert werden, sondern sollte zum Beispiel Steuern auf Pestizidnutzung erheben.

Absehbar ist das in Deutschland jedoch nicht. Besonders jene Bauern, die biologisch anbauen wollen, haben einen schweren Stand. Ökosaatgut ist viel kostspieliger als konventionelles, der Arbeitsaufwand etwa in der Unkrautbekämpfung größer, die Arbeit mit Fruchtfolgen führt dazu, dass der Acker nicht jedes Jahr der Produktion zur Verfügung steht.

Dennoch wachsen in Deutschland mehr und mehr Projekte, die kleinere, auf Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt achtende Landwirtschaft unterstützen. Die Aktiengesellschaft Regionalwert AG in Freiburg etwa hat mit sogenannten Bürgeraktien in fünf Jahren drei Millionen Euro eingenommen und damit siebzehn Öko-Betriebe im Raum Freiburg und Schwarzwald gegründet und finanziert. In Brandenburg, wo es im Jahr 2014 100 landwirtschaftliche Betriebe weniger gab als 2013, schafft die Genossenschaft „Ökonauten eG“ mit genossenschaftlichem Landerwerb die Grundlage für junge Bauern, die sich in der Brandenburger Landwirtschaft eine Existenz aufbauen wollen.

Auch die Frage, wie kleinere Höfe geringere Mengen regionaler Produkte verkaufen können, sei eine Frage, der sich Stephanie Wild zufolge die Politik widmen muss. „Die Vermarktung ist aufwendig und teuer“, sagt sie. Hier könnte etwa in Kantinen, Schulen vorgeschrieben werden, dass ein bestimmter Anteil der Essens aus regionalem Anbau stammt.