Industrie vs. Bio-Bauern: Sind Zuchttechniken Genveränderung?

Sollten die bisherigen Regelungen fallen, könnten Biobauern und "gentechnikfreie" Landwirte die Erwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher möglicherweise nicht mehr erfüllen, warnt die IFOAM. [Shutterstock]

Jegliche Versuche, sogenannte „neue Pflanzenzuchttechniken“ aus der EU-Gesetzgebung über gentechnisch veränderte Organismen auszuschließen, wäre nach Ansicht der europäischen Bio-Landwirtschaftsbewegung IFOAM ein schwerer Schlag für Verbraucher, Landwirte und Verarbeiter.

„Wenn neue Gen-Techniken aus dem Anwendungsbereich der EU-Gesetzgebung über genetisch veränderte Organismen (GVO/GMO) herausfallen würden, würde dies zur Freisetzung von GVOs in die Umwelt und die Nahrungskette führen – ohne Bewertung, vorherige Genehmigung und Rückverfolgbarkeit,“ warnte die IFOAM in einer Erklärung.

„Eine solche Situation würde es für Biobauern sowie für konventionelle Landwirte, die keine Gentechnik einsetzen, fast unmöglich machen, das Vorhandensein von GVO in ihrem Produktionsprozess auszuschließen. Somit könnten sie nicht mehr den Erwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher gerecht werden,“ so die Biobauern weiter.

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Sogenannte „Neue Pflanzenzuchtverfahren“ (new plant breeding techniques, NPBTs) haben sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer landwirtschaftlichen Praktik entwickelt, die es ermöglicht, durch Modifikation der DNA der Samen und Pflanzenzellen neue Pflanzenarten zu entwickeln.

Irgendwo zwischen Wundermittel und Gefahr

Im Juli 2018 entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass Organismen, die durch Mutagenese oder Genbearbeitung in der Pflanzenzucht gewonnen werden, genetisch veränderte Organismen sind und daher grundsätzlich unter die GVO-Richtlinie fallen.

Das Gerichtsurteil löste eine intensive Debatte aus: Die Industrie und viele Landwirte warnten, die Entscheidung würde der Wettbewerbsfähigkeit des EU-Agrarsektors einen schweren Schlag versetzen, während Umweltschützer und Biobauern sie begrüßten. Ihrer Ansicht nach könnten so „versteckte GVO“ daran gehindert werden, „durch die Hintertür“ in Europa verwendet bzw. eingeführt zu werden.

Industrievertreter, die einen eigenen Rahmen für NPBTs fordern, argumentieren hingegen, dass im Gegensatz zu GVO keine fremde DNA zur Pflanze hinzugefügt werde und dass die Prozesse „auch natürlich“ ablaufen können.

Darüber hinaus gebe es nach Ansicht von EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis beim Thema Pflanzenzüchtung sehr viel Manipulation und „Panikmache“. Die neuen Pflanzenzüchtungstechniken bräuchten eine neue, eigenständige EU-Gesetzgebung, die die neuesten fortschrittlichen Technologien und Entwicklungen berücksichtigt, sagte er kürzlich im Interview mit EURACTIV.

Vytenis Andriukaitis: Neue Pflanzenzüchtungstechniken brauchen neue Rahmenbedingungen

Die „neuen Pflanzenzüchtungstechniken“ brauchen eine neue EU-Gesetzgebung, die die neuesten fortschrittlichen Technologien berücksichtigt, sagt EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis gegenüber EURACTIV.com.

Auch EU-Agrarkommissar Phil Hogan teilte mit, er erwarte, dass die kommende EU-Kommission unter Ursula von der Leyen eine neue Initiative zu diesem Thema vorlegen wird, um den Mitgliedstaaten mehr Klarheit zu verschaffen.

„Die überwiegende Mehrheit der Minister hofft auf eine Initiative der Kommission, um diese aus dem jüngsten EuGH-Urteil resultierende Rechtslage anzugehen,“ sagte er.

Pro und Contra

Für Thomas Fertl von der IFOAM bedeutet die Umsetzung der EU-Gerichtsentscheidung indes vor allem, dem Vorsorgeprinzip Rechnung zu tragen und den Verbraucher- und Umweltschutz ernst zu nehmen: „Darauf müssen sich die Europäische Kommission und die Behörden der Mitgliedstaaten konzentrieren,“ mahnte er.

Auf der anderen Seite warnt die Industrie, eine Reihe von Züchtungsunternehmen habe bereits angedroht, ihre „fortschrittlichen Zuchtprogramme“ zur Genaufbereitung nach außerhalb Europas zu verlagern, falls nichts unternommen werde, um die bestehenden EU-Vorschriften zu ändern.

„Die Landwirte erwarten von der EU-Kommission, dass sie ihnen Zugang zu den gleichen innovativen Instrumenten wie ihren Konkurrenten in anderen Teilen der Welt garantiert,“ sagte beispielsweise Garlich von Essen, der Generalsekretär der European Seed Association (ESA), gegenüber EURACTIV.

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