Industrie fordert „klares Bekenntnis“ zur Digitalisierung der Landwirtschaft

Aus Sicht der Industrie ist die Digitalisierung der Landwirtschaft der einzige Weg zur Bewältigung der aktuellen ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. [Shutterstock]

Der europäische Verband der Hersteller von Landmaschinen (CEMA) hat die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, ein „klares Bekenntnis“ zur Digitalisierung der europäischen Landwirtschaft abzugeben. Sie sei der einzige Weg zur Bewältigung der aktuellen ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Diese Botschaft scheint auch von der Europäischen Kommission gehört zu werden: Sie legte den EU-Mitgliedstaaten Anfang des Monats den Entwurf einer Erklärung mit dem sperrigen Titel „Eine intelligente und nachhaltige digitale Zukunft für die europäische Landwirtschaft und den ländlichen Raum“ vor.

Demnach erkennen die EU-Mitgliedstaaten die „Dringlichkeit“ an, die Einführung neuer Technologien zu beschleunigen, um den wachsenden Herausforderungen im Zusammenhang mit Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zu begegnen.

„Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Blockchain, das Internet der Dinge, Hochleistungscomputing und schnelles Breitband, einschließlich 5G, bewirken bereits tiefgreifende Veränderungen in unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften und werden für die intelligente Landwirtschaft besonders wichtig sein“, heißt es in dem Dokument.

Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wenn es um Präzisionslandwirtschaft geht, traut sich die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für die GAP nach 2020 nicht genug, meinen Vertreter der Agrarindustrie.

Die Präzisionslandwirtschaft (auch Smart Farming genannt) hat das Ziel, die landwirtschaftlichen Inputs nach dem tatsächlichen Bedarf der Pflanzen auszurichten. Es handelt sich dabei um datenbasierte Technologien, einschließlich Satellitenortungssysteme wie GPS, Fernerkundung und Internet, mit denen die Bewirtschaftung von Nutzpflanzen vereinfacht und der Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und Wasser verringert werden soll.

Somit soll „mehr mit weniger“ produziert werden: Die Einführung der neuen Technologien helfe den Landwirten, ihre Betriebe unter Berücksichtigung der „kleinsten Details“ der täglichen Landwirtschaftsarbeit nachhaltig zu bewirtschaften.

Mehr Spielraum für die EU-Staaten, weniger Chancen für die Digitalisierung?

Die Pläne für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) für die Zeit nach 2020 sieht die Einführung eines neuen Bereitstellungsmodells vor, das den EU-Mitgliedstaaten mehr Raum für die Ausarbeitung ihrer eigenen nationalen Strategiepläne gibt. Diese nationalen Plänen sollen somit besser an die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Bedürfnisse in den einzelnen Ländern angepasst werden.

Dies stellt viele Hauptstädte jedoch vor Herausforderungen. Es bestehen auch Zweifel, ob es den Mitgliedstaaten gelingt, ihren Agrarsektor zu digitalisieren, wenn es keine europaweite Gesamtkoordination unter der Leitung der Europäischen Kommission gibt.

GAP 2020: EU-Staaten sind verantwortlich für Innovationen, nicht Brüssel

Im Interview erklärt Landwirtschaftskommissar Phil Hogan, künftig müssten die Mitgliedsstaaten über die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft durch die Gemeinsame Agrarpolitik entscheiden.

Der Erklärungsentwurf der Kommission biete den EU-Staaten allerdings „die Gelegenheit für ein klares Bekenntnis“ zur Digitalisierung, glaubt Jerome Bandry, Generalsekretär der CEMA, dem europäischen Branchenverband der Landmaschinenhersteller.

„Die Europäische Kommission hat den Zugang zu digitalen Landwirtschaftstools ganz oben auf ihre Agenda für die zukünftige GAP gesetzt. Wir hoffen, dass horizontale strategische Ziele – wie die Digitalisierung des Agrar- und Ernährungssektors – als einer der Triebkräfte erhalten bleiben, um die europäische Landwirtschaft wettbewerbsfähiger, nachhaltiger und wirtschaftlich tragfähiger zu machen,“ fügte er im Gespräch mit EURACTIV hinzu.

Der Entwurf der Kommission war am 11. März dem „Sonderausschuss Landwirtschaft“, eines der Vorbereitungsgremien des Europäischen Rates in den Bereichen Landwirtschaft und Fischerei, vorgelegt worden. Die Erklärung stand während der „AgriFish“-Sitzung am 18. März allerdings noch nicht auf der Tagesordnung.

Eine Quelle aus dem Umfeld der rumänischen EU-Ratspräsidentschaft erklärte gegenüber EURACTIV darüber hinaus, es sei auch noch nicht sicher, dass die Erklärung beim kommenden Treffen im April debattiert werde. Aktuell stehe sie noch nicht auf der Agenda.

„Digitalkompetenz“

Ein Schlüsselfaktor für eine schnellere und erfolgreiche Digitalisierung der EU-Landwirtschaft sind die „Digitalkompetenzen“ der Bauern. Für Jerome Bandry von CEMA ist dabei vor allem die Rolle von landwirtschaftlichen Beratern bei der Einführung von Smart Farming-Technologien von entscheidender Bedeutung.

„Heute sind die landwirtschaftlichen Beratungsdienste in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich und können sogar auf regionaler Ebene variieren. Daher muss es für die schnelle Einführung digitaler landwirtschaftlicher Technologien hochqualifizierte Berater geben, die die verfügbaren Daten interpretieren, agronomische Empfehlungen abgeben und entsprechende Versuche auf lokaler Ebene planen und analysieren,“ fordert er.

Deutschlands Agrarbranche – Föderalismus hemmt den Fortschritt

Die EU-Kommission will mit der neuen GAP, Innovation in der Digitalisierung der Landwirtschaft zu fördern. Deutsche Unternehmen hoffen auf Milliardengeschäfte, doch eine komplizierte Verwaltung und die mangelnde Infrastruktur stehen im Weg.

Nach Ansicht von Jean-Paul Beens, Leiter der Abteilung Public Affairs und Industriebeziehungen beim Düngemittelunternehmen Yara, wird die digitale Vernetzung und der Wissenstransfer über Beratungsdienste auch dazu beitragen, junge Menschen für die Landwirtschaft zu begeistern und gleichzeitig die Existenzgrundlage in den bestehenden ländlichen Gemeinden zu verbessern.

„Obwohl sich die städtische Landwirtschaft („Urban Farming“) als interessante Experimentier- und Wissensquelle erweisen kann, sind die wahren Verantwortlichen für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und -versorgung anderswo tätig, oft an abgelegenen Standorten. Diese Landwirte müssen mit der neuesten Forschung und dem Markt in Verbindung gesetzt werden,“ so Beens.

Er fügt hinzu, die Kommunal- und Regionalregierungen hätten bereits erkannt, dass „Brücken zwischen ländlichen und städtischen Gemeinschaften“ gebaut werden müssen, „um das Gefühl der Isolation und eines beengten, abgeschotteten Lebens“ zu verhindern.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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