„In Zukunft wird es nicht darum gehen, Maximalerträge zu steigern“

Landwirte müssen sich zunehmend Gedanken darüber machen, wie sie Umweltschutz und genügend Erträge unter einen Hut bekommen - während das Klima sich bereits spürbar ändert. [Melhijad/ Shutterstock]

Die Zukunft der europäischen Agrarpolitik polarisiert. Seit die Kommission ihre Vorschläge für die GAP ab 2021 vorgelegt hat, kommen die  Verhandlungen nur langsam voran. Es herrscht Unstimmigkeit in Grundsatzfragen. Wie viel Raum wird dem Umweltschutz gelassen? Wie lassen sich Innovation und Erträge fördern? Diesen Fragen haben sich Agrarexperten am Freitag auf einer Veranstaltung von EURACTIV zur Zukunft der modernen Landwirtschaft gestellt.

Der Klimawandel macht sich zunehmend bemerkbar. Im Hitzesommer 2018 mussten deutsche Landwirte mit 340 Millionen Euro Dürrehilfen unterstützt werden – es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein. Gleichzeitig müssen immer mehr Menschen ernährt werden, ohne der Umwelt weiter zu schaden. Kann die europäische Landwirtschaft das leisten?

 „In Zukunft wird es nicht darum gehen, Maximalerträge zu steigern, sondern größere Ertragsstabilität zu erreichen“, sagte  Timo Kautz, Professor für Agrar- und Gartenbauwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin auf dem Workshop von EURACTIV am Freitag, 27. September. Dazu müssten Landwirte neue Anbausysteme entwickeln, „zum Beispiel mit dem Anbau von Pflanzen, die besser mit trockenen Bedingungen umgehen können.“

Doch ohne technische Innovationen wird das nicht möglich sein. Zu dem Schluss kommt auch eine Studie der Unternehmens PWC aus dem Jahr 2016. Eine stabile und erschwingliche Lebensmittelversorgung könne in den kommenden Jahrzehnten nur garantiert werden, wenn die EU sich auf smarte Zuchtmethoden, Genom-Editierung und genetische Veränderung einlässt, so das Fazit.

'Die Genom-Bearbeitung wird ganz oben auf der nächsten Tagesordnung des Parlaments stehen'

Der genetische mehr als der chemische Schutz von Pflanzen wird in der Landwirtschaft der Zukunft immer wichtiger werden. Dies verdeutlicht allerdings auch die Notwendigkeit, die rechtliche Fallstricke zu lösen, sagte der EU-Abgeordnete Paolo De Castro gegenüber EURACTIV.

Dafür gilt es in der europäischen Agrarpolitik (GAP) aber noch viele Steine aus dem Weg zu räumen. Zwar hat der Kommission vergangenen Mai eine zusätzliche Forschungsförderung von zehn Milliarden Euro aus dem Budget von Horizon Europa eingeplant. Kurz darauf sorgte allerdings ein Urteil des EUGh für Kopfschütteln im Agrarbereich. Das Gericht entschied, dass Pflanzenzüchtung mithilfe der sogenannten CRISPR/Cas-Methode unter die in der EU streng kontrollierte Kategorie gentechnisch veränderter Organismen fällt. Damit unterliegen derart gezüchtete Pflanzen aufwengigen und sehr teuren Untersuchungen, bevor sie auf dem europäischen Markt zugelassen werden – eine deutliche Hemmschwelle.

Neue Techniken der Pflanzenzüchtung müssten in Europa de-stigmatisiert werden, meint der EU Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis. Das Thema werde auf der Agenda des neuen Agrar-Ausschusses des Parlaments noch eine große Rolle spielen, wie eines der Mitglieder vor einiger Zeit gegenüber EURACTIV bestätigte.

Zukunft ohne Pflanzenschutzmittel „utopisch“

Hermann Färber, Bundestagsabgeordneter der CDU im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft meint dass auch beim Thema Pflanzenschutzmittel ein Umdenken stattfinden müsse, um in Zukunft genügend Nahrungsmittel herstellen zu können. Das umstrittene Herbizid Glyphosat sei längst zu einem „politischen Sündenbock“ geworden, sagt er auf der Veranstaltung.

Das Problem der rülpsenden Kuh

Nicht nur Kohlenstoffdioxid heizt unseren Planeten auf, auch Methan spielt eine große Rolle. Vieles davon entsteht in der Tierhaltung. Aber die Methanemissionen der Landwirtschaft sinken seit Jahrzehnten kaum. Müssen wir einen Weg finden, Kühe vom Rülpsen abzuhalten?

Auch in der Pflanzenschutzbranche beobachtet man eine immer kritischere Einstellung zu Pflanzenschutzmitteln, bestätigt Henning Götzke vom Pflanzenschutzmittelkonzern UPL. Die europäische Politik setze immer höhere Zulassungsvoraussetzungen für Agrar-Chemikalien. Infolgedessen verringere sich das Spektrum an verfügbaren Stoffen immer mehr und hemme die nötigen Innovationen. „Das ist nicht ganz ungefährlich. Wenn bestehende Wirkstoffe immer länger genutzt werden, unterliegen sie einer zunehmenden Resistenzgefahr“. Eine Landwirtschaft ganz ohne Pflanzenschutzmittel hält der Branchevertreter für „utopisch.“ Das liege daran, dass Nutzpflanzen gegenüber anderen Pflanzen vor dem Wettbewerb um Nährstoffe, Wasser und Licht sowie Pilzerkrankungen oder Insektenfraß geschützt werden müssten, um genügend Ernte zu sichern.

Kein „Green New Deal“ für die Landwirtschaft?

Wie die Nahrungsmittelversorgung in Zukunft sichergestellt werden soll, wird stark davon abhängen, wie die EU die GAP ab 2021 gestalten wird. Die Naturschutzorganisation Nabu stellt Forderungen an die EU-Kommission: Zum einen sollten die Direktzahlungen, die derzeit im Schnitt 40 Prozent des Einkommens von Landwirten ausmachen, bis zum Jahr 2027 völlig abgebaut werden. „Das derzeitige System, das jeder für seine Fläche gleich viel erhält, egal, wie bedürftig er ist und was er auf seiner Fläche tut, ist alles andere als innovationsfreundich“, sag Konstantin Kreiser, Leiter für globale und EU-Naturschutzpolitik beim NABU. Vielmehr brauche es Investitionen und Anreize für umweltfreundliches Verhalten, für das jährlich 15 Milliarden Euro zweckgebunden ausgezahlt werden sollten. „Außerdem sollte jeder Betrieb zehn Prozent seiner Fläche als nicht produktive Flächen für die Artenvielfalt zur Verfügung stellen. Das muss eine Konditionalität jeder Zahlung sein“, so Kreiser.

Aber die Auszahlungen aus der sogenannten ersten Säule blieben eine entscheidende Existenzsicherung für Landwirte, erwidert der Abgeordnete Färber. Die neue GAP sehe bereits vor, 40 Prozent des Gesamtbudgets für Umweltschutzmaßnahmen auszugeben. „Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es am Ende um die Lebensmittelproduktion geht. Die darf nicht zu kurz kommen.“ Zunehmende Kürzungen der Direktzahlungen oder auch eine Kappung bei 100.000 Euro, wie sie die Kommission vorgeschlagen hat, seien nicht zielführend. „Wir können unsere Landwirte nicht dem freien Spiel des Weltmarktes und des Wettbewerbs überlassen.“

GAP-Reform verzögert sich weiter; MEPs fordern Übergangsregelung

Die Abgeordneten im Landwirtschaftsausschuss des EU-Parlaments fordern eine Übergangsregelung für das Jahr 2021. Andernfalls könnten die Zahlungen für Europas Landwirte ausfallen.

Auch der Ökolandwirt und Präsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, Henrik Wendorff, plädiert für einen Erhalt des existierenden Modells. Statt großer Strukturbrüche müsse man das existierende Model weiterentwickeln und vor allem Ökobauern in  der Wertschöpfungskette stärken. Denn im Schnitt erhalten Landwirte nur 20 Prozent der Einnahmen ihrer Produkte. „Der Landwirt muss als Primärproduzent seine Teilhabe sichern“.

Konstantin Kreiser vom Nabu meint am Ende der Debatte, dass der derzeitige Vorschlag zur nächsten GAP bei Weitem nicht ausreichend sei, um die Landwirtschaft auf den richtigen Kurs in die Zukunft zu lenken. „Wenn von der Leyen das ernst meint, muss sie den auf dem Tisch liegenden Vorschlag einstampfen oder einen neuen vorlegen. Wenn sie die GAP so weiterverhandelt, verbaut sie sich den Umstieg auf einen Green New Deal“.

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