„In Zukunft wird der Riesling ganz anders schmecken“

Der Riesling braucht viel Zeit zum Reifen. Der Prozess verändert sich durch die steigenden Temperaturen. [Daniele Russo/ Shutterstock]

This article is part of our special report Europäischer Wein und die Umweltfrage.

Trotz der Dürre war 2018 ein sehr guter Jahrgang für den deutschen Wein. Aber das könnte sich ändern. Denn zunehmende Hitze verändert das Wachstum von Deutschlands beliebtestem Wein, dem Riesling.

Trocken bis süßlich schmeckt er, sein Säuregehalt verleiht ihm eine angenehm frische Note – der Riesling ist Deutschlands beliebtester Wein. Aber die Zukunft der goldenen Traube ist ungewiss. „Der Klimawandel ist bei uns angekommen. In der Vegetationsperiode des Rieslings, von April bis Oktober, hat sich die Temperatur im Schnitt über ein Grad erhöht. Dadurch verändert sich der Weincharakter“, erklärt Ernst Büscher, Wein-Connaisseur und Sprecher des Deutschen Weininstituts.

Der Riesling mag es gerne kühl, denn er braucht lange, um heranzureifen und seine Aromen auszubilden. Aber seit 1988 verzeichnen deutsche Weinbauern im Rheingau und anderen Anbaugebieten immer wärmere Sommer. Dazu kommen extremere Niederschläge oder Hagelschläge, die die gesamte Ernte eines Weinberges zerstören können.

Trotzdem war das Jahr 2018 ein fantastischer Weinjahrgang, freut man sich in der Branche – trotz des Hitzesommers, bei dem im Schnitt nur 54 Prozent des jahresüblichen Regens fiel. Künstlich bewässert werden Weinstöcke normalerweise nicht, denn das würde gewaltige Mengen Wasser erfordern. Aber bisher geht es auch so: „Der Riesling ist relativ unempfindlich gegen Trockenheit, denn seine Wurzeln reichen tief ins Erdreich. Im letzten Jahr waren Winzer teilweise überrascht, wo die Reben bei aller Trockenheit ihr Wasser her bezogen haben“, sagt Büscher.

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Weintrauben mit Sonnenbrand

Für die Herstellung von edelsüßen Rieslingweinen, wie Beeren- oder Trockenbeerenauslesen, würde sich die Hitze sogar positiv auswirken, erklärt der Weinexperte. Das gilt nicht unbedingt für den Riesling. Die Wärme treibt sein Wachstum zwar schneller voran, doch gegenüber extremer Sonneneinstrahlung ist der Riesling sehr empfindlich und bekommt – wie der Mensch – Sonnenbrand. Außerdem werden die Trauben zu früh reif, bevor sie den für den Riesling typischen, frischen Geschmack entwickeln. Stattdessen werden sie süßer: „Der Zuckergehalt der Trauben ist heute viel höher als früher, wir messen teilweise doppelt so hohe Werte wie in den 60er oder 70er Jahren“, sagt Otmar Löhnertz, Professor für Bodenkunde und Pflanzenernährung an der auf Weinanbau spezialisierten Hochschule Geisenheim.

Mehr Zucker in der Traube, das bedeutet auch einen höheren Alkoholgrad im Wein. Und das ist nicht unbedingt begrüßenswert: „Alkohol ist Geschmacksträger. Wenn ein Wein statt elf vielleicht 13 oder 14 Prozent hat, schmeckt er anders, die Gärung verläuft anders, das Alterungsverhalten auch – wir sprechen dann von einem anderen Weinstil“, erklärt Löhnertz. Wird die Erderwärmung also den Riesling verändern? „In Zukunft wird der Riesling ganz anders schmecken“, ist sich der Forscher sicher.

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Dann wäre der Riesling kein Riesling mehr

Noch ist es aber nicht soweit, denn bislang steuern die Winzer mit gezielten Anbau-Maßnahmen dagegen, um den Riesling möglichst lange reifen zu lassen. Durch das Entfernen der Blätter kann zum Beispiel die Zuckerproduktion eingedämmt werden, auch eine andere Ausrichtung der Reben auf dem Weinberg kann die Pflanzen vor zu viel Sonneneinstrahlung bewahren. Theoretisch ließe sich die Pflanze auch genetisch verändern, aber dann dürfte der Riesling nicht mehr den Namen Riesling tragen. Den Winzern bleibt nichts anderes übrig als auf natürliche Mutationen der Rebe zu warten, die sie wetterresistenter machen oder später reifen lässt. Aber diese Prozesse sind sehr langsam. Bis genügend Klone einer mutierten Rieslingpflanze zur Verfügung stehen, dass sie Marktreife hat, vergehen mindestens 20 Jahre.

„Was uns am Institut herumtreibt ist die Frage, wie wir Anbausysteme anpassen können, damit wir auch unter wärmeren Bedingungen frisch schmeckende Weine wie den Riesling produzieren können“, sagt der Weinbau-Forscher Löhnertz. Eine Weinrebe lebt bis zu 30 Jahre lang, so eine Dauerkultur anzupassen sei eine Herausforderung. „Oder man verabschiedet sich vom Riesling und züchtet entsprechend neue Weinsorten. Aber der Verbraucher will auch in Zukunft seinen Riesling aus dem Rheingau, denn der Weinkonsum ist sehr emotional belegt.“

Tatsächlich ist der Riesling, der seit über 500 Jahren angebaut wird, der beliebteste Wein der Deutschen. Fast ein Viertel der Weinanbaufläche wird für den Riesling bereitgestellt, das macht rund die Hälfte der weltweiten Produktion aus. Der Riesling ist damit nicht nur ein Stück europäischer Trinkkultur, er ist ein Wirtschaftsfaktor.

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Weinanbau in Schleswig-Holstein?

Was für die süddeutschen Weinbauern zur Herausforderung wird, ist inzwischen ein neuer Markt für den Norden. Denn in Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern entstehen seit 2016 neue Anbaugebiete, wenn auch nur langsam, da Deutschland durch geltende EU-Begrenzungen jährlich nur 0,3 Prozent neue Weinanbauflächen gestattet. Damit soll ein Überangebot von Wein verhindert werden. Es sei nicht ausgeschlossen, dass in Zukunft auch in Norddeutschland Weinanbaugebiete entstehen, meint Büscher vom Deutschen Weininstitut. „Wein statt Schwein“ sozusagen, meint er.

Aber der Einstieg in das hart umkämpfte Weingeschäft sei nicht einfach. „Der Weinanbau ist speziell, er erfordert viel Fachwissen, aber auch Technologie, und ist mit immensen Anschaffungskosten verbunden.“ Noch sei man in den traditionellen Anbaugebieten aber zuversichtlich, den Riesling auch in näherer Zukunft halten zu können.

Auch Löhnertz sieht durchaus Chancen für den deutschen Weinmarkt: „Der deutsche Weinanbau ist in gewisser Weise ein Klimagewinner. Aber wir wissen nicht, wie sich das Wetter in den kommenden Jahrzehnten verändern wird. Die Frage ist, wie lange das noch gut geht.“

Dieses Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission kann nicht für eine weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben haftbar gemacht werden.

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