Illegaler Kakaoanbau zerstört die Wälder der Elfenbeinküste

Ein ivorischer Bauer erntet Kakao auf einer illegalen Plantage. [Alle Bilder von Cécile Baribère]

Kakao, das „braune Gold“ der Elfenbeinküste, zerstört nach und nach die Nationalparks und geschützten Wälder des Landes. Gleichzeitig unterminiert grassierende Korruption die Bemühungen der Regierung, die ausufernde Abholzung einzudämmen.

LKW, schwer beladen mit Baumstämmen, quälen sich über die ausgefahrenen Wege am Rande des Marahoué Nationalparks zwischen den Städten Bouaflé und Daloa.

Als das Gebiet 1968 als Nationalpark deklariert wurde, boten seine 101.000 Hektar eine Heimat für eine reiche Tierwelt: von Elefanten über Nilpferde hin zu Schimpansen.

Heute verbleiben einige Bäume am Straßenrand, doch der illegale Kakaoanbau breitet sich im Naturschutzgebiet aus und zerstört die dortige Fauna und Flora. Die Bemühungen, mit neuer, von der Europäischen Union finanzierter Tourismus-Infrastruktur Einkommen zu generieren , sind seit langem im Sande verlaufen.

„Im Park gibt es keine Tiere mehr. Sie sind alle weg,” schimpft Jean-Baptiste Irie Bi Irié aus Dianfa, einem der Dörfer am Rande des Marahoué-Parks, in dem die Mehrzahl der Einwohner vom Kakaoanbau lebt. Er schüttelt den Kopf. „Die Antilopen, Elefanten, Schimpansen, Büffel… sie sind alle weg.”

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Die Zerstörung des sogenannten Nationalparks nahm ihren Anfang mehr oder weniger, als er als solcher gekennzeichnet wurde. Damals wohnten einige Kakaoanbauer im zukünftigen Schutzgebiet. Da ihnen keine Umsiedlungsmöglichkeiten angeboten wurden, blieben sie einfach dort. Mit der Ankunft neuer Bauern und der daraus folgenden Erweiterung der Plantagen verschärfte sich die schrittweise Zerstörung des Waldes, von dem heute nur noch wenige Überreste bleiben.

Die Kakaowirtschaft

Der Mittfünfziger Kouadio N’Guessan bewirtschaftet einige Hektar Kakaoplantage innerhalb des Nationalparks. Er erklärt, seine Familie lebe bereits seit 1958 an diesem Ort. „Aber das hier ist kein Teil des Parks; der beginnt erst später,“ behauptet er.

In seinem Dorf leben eine Handvoll Kleinbauern vom Verkauf ihrer Ernte in der nahegelegenen Stadt Bouaflé, von wo die Kakaobohnen in die Häfen von Abidjan und San Pedro geliefert werden, bevor sie für die internationalen Märkte exportiert werden. Der Kakaoanbau ist zwar illegal, aber weitverbreitet. Und er ist zu einem wesentlichen Teil der Wirtschaft in der Region geworden.

Um eine Anbauerlaubnis zu bekommen, müssen die Landwirte – die meisten von ihnen aus dem benachbarten Burkina Faso – lediglich eine Abgabe zwischen 75,000 und 150,000 CFA-Franc (ungefähr 115-230 Euro, je nach Qualität des Landes) an die Lokalbevölkerung zahlen.

Fatmé Ghaddar, die einer Kakao-Kooperative in Man vorsitzt, erklärt: „In den Parks und geschützten Wäldern wachsen die Kakaopflanzen sehr viel besser und tragen mehr Bohnen. Deswegen siedeln die Anbauer sich dort an.“ Diejenigen, die zu arm sind, um sich eine Anbaugenehmigung zu leisten, böten sich als Farmarbeiter für extrem niedrige Löhne (rund 400 Euro pro Jahr) an.

Die Situation im Marahoué Nationalpark ist jedoch keine Ausnahmeerscheinung in der Elfenbeinküste: Mehrere eigentlich geschützte Gebiete werden für den illegalen Kakaoanbau ausgebeutet. Das „braune Gold“ ist die wichtigste Ressource des westafrikanischen Landes. Mit ihm werden rund 40 Prozent der Exporterlöse und 10 Prozent des BIP erwirtschaftet. Für sechs Millionen Ivorer ist Kakao die Lebensgrundlage.

Im den letzten zehn Jahren wurden rund 2,1 Millionen Hektar Wald abgeholzt; mindestens ein Drittel dieser Schäden kann direkt mit dem Kakaoanbau in Verbindung gebracht werden.

Noch dramatischer sind die Zahlen seit 1960: In diesem Zeitraum hat die Elfenbeinküste drei Viertel ihrer Waldflächen zerstört.

Landnahme und Korruption

Allein im Marahoué Nationalpark leben inzwischen zehntausende Menschen vom Kakaoanbau. Allerdings regt sich seit kurzem, insbesondere nach der Pariser Klimakonferenz, etwas mehr politischer Wille und Widerstand gegen die Zerstörung der ivorischen Wälder.

So hat die Regierung angekündigt, den Kampf gegen Abforstung und Umweltzerstörung zu intensivieren. Bei der COP23-Klimakonferenz in Bonn im vergangenen November unterzeichnete die Elfenbeinküste gemeinsam mit Guinea die sogenannte Kakao- und Wald-Initiative. Unter dem Programm kommen diese zwei größten Kakaoproduzenten der Welt mit führenden Schokoladenfirmen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen.

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Die Initiative wurde gelobt, aber auch mit Zynismus aufgenommen. „Jetzt, wo der Wald komplett weg ist, ist es natürlich einfach, ihn zu schützen,“ kritisierte ein Umweltschützer in Bonn.

Dennoch: Innerhalb des Marahoué Nationalparks wurde der Kampf gegen die Abholzung in den vergangenen Monaten intensiviert. Bereits Ende 2016 hatte das Office Ivoirien des Parcs et Réserves (OIPR), die für die Nationalparks der Elfenbeinküste zuständige Behörde, ein Umsiedlungsabkommen mit den ansässigen Landwirten geschlossen und damit begonnen, die illegalen Siedlungen zu zerstören.

„Zone um Zone des Parks wird von menschlichen Bebauungen befreit und der Natur zurückgeführt. Die lokalen Bevölkerungen werden darüber informiert und benachrichtigt, sodass sie die geschützten Gebiete verlassen können – sei es freiwillig oder unter Zwang,” erklärt Rémy Kouassi Kouadio, hochrangiger Wasser- und Forstbeauftrager des OIPR, nicht ohne Stolz.

Das Dorf Zamanamakro, in dem zeitweise bis zu 10.000 Menschen lebten, wurde bereits von der OIPR geräumt, die Häuser, Kneipen, die Kirche und die Schule abgerissen. Von den Ruinen der Stadt aus sieht man aber immer noch die Kakaoplantagen, deren Bohnen am Fuße der Bäume trocknen.

Zamanamakro ist verlassen, doch die Landwirte haben sich lediglich in der Nähe angesiedelt, um zur Ernte zu ihren Plantagen zurückkehren zu können. „Die Menschen wurden vertrieben, aber die Kakaopflanzen sind immer noch da,” sagt auch Djéby, Vorsitzender des Jugendparlaments der Stadt Dianfa. „Die Bauern verstecken sich und warten auf ihre Chance, die Kakaobohnen zu ernten. Sie haben Angst, vom OIPR geschnappt zu werden.”

Für Norbert Django, einem Burkinabè, der aus dem Dorf vertrieben worden war und nun in Dianfa lebt, hat die Zwangsumsiedlung einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Den Bewohnern von Zamanamakro sei keine Alternative angeboten worden. „Einige leben noch im Park, in anderen Dörfern. Andere sind hier draußen und gehen in den Park, um sich um ihre Kakaopflanzen zu kümmern. Einige sind auch zurück nach Burkina Faso gegangen,” berichtet er.

Seine eigene Plantage liege seit der Umsiedlung brach. „Ich gehe nicht mehr in den Park, weil man viel Geld zahlen muss, um hineinzugehen und zu ernten,“ erklärt Django. Bewohner der Region erzählen, Beamte des OIPR hätten ein Korruptions- und Erpressungssystem aufgebaut. Demnach müssen Landwirte angeblich Gebühren zwischen 100.000 und 200.000 CFA-Franc (150-300 Euro) zahlen, um zu ihren illegalen Plantagen zu gelangen.

Diese Beschuldigungen, die mehrere Bauern erheben, werden vom OIPR vehement bestritten. „Dies ist pure Erfindung von Leuten, die keinen Zugang mehr zu ihren Plantagen haben […]. Damit sollen die zuständigen Beamten diskreditiert und der Aufforstungsprozess sabotiert werden,” meint Rémy Kouassi Kouadio vom OIPR.

Zwischen Korruptionsvorwürfen und fehlenden finanziellen Mitteln wird eine Wiederaufforstung des Marahoué Nationalparks wohl eher Wunschdenken bleiben. Mit seinem achtköpfigen Team fokussiert sich das OIPR daher zunächst auf die Wiederherstellung eines Drittels des Parks.

Doch auch bei diesem Ziel werden tausende Landwirte, die ihren Lebensunterhalt mit Kakao bestreiten, betroffen sein. Und eine angemessene Umsiedlungspolitik ist nach wie vor nicht in Sicht.

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