Hohe Preise und wenig Unterstützung: Kaum Bio-Pestizide in Polen

Das wohl größte Hindernis für den Einsatz ökologischer Pflanzenschutzmittel in Polen ist ihr Preis. Dieser sei auf den Hektar gerechnet drei bis fünf Mal höher als der Einsatz von Chemikalien. [SHUTTERSTOCK]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Nachhaltige Landwirtschaft: Zwischen GAP-Reform und Green Deal

Die EU will darauf hinarbeiten, den „Einsatz und die Risiken“ von Pestiziden bis 2030 zu halbieren. Schließlich weisen immer mehr Forschungsergebnisse auf deren schädliche Auswirkungen hin. In Polen sind ökologische Alternativen derzeit jedoch teuer und dementsprechend wenig attraktiv. EURACTIV Polen berichtet.

Die Farm to Fork (F2F)-Strategie der EU zielt darauf ab, die Qualität und Sicherheit der in der EU produzierten Lebensmittel zu verbessern und gleichzeitig die negativen Umweltauswirkungen des Sektors zu reduzieren.

Im Rahmen dieser Vision setzt sich die EU mit der Strategie auch das Ziel, den Einsatz und das Risiko von Pestiziden bis 2030 zu halbieren.

"Farm-to-Fork"-Strategie: EU will Pestizideinsatz und -risiko halbieren

Die lang erwartete „Farm to Fork“-Strategie der EU, die am Mittwoch, dem 20. Mai, veröffentlicht wurde, enthüllte ein mit Spannung erwartetes 50 Prozent Ziel für die Reduzierung des Pestizideinsatzes und des Pestizidrisikos.

Polens Landwirte verfügen bereits über eine Reihe von ökologischen und agrartechnischen Schutzmaßnahmen und setzen zunehmend auf den sogenannten integrierten Pflanzenschutz (Integrated Pest Management, IPM). Dieses System basiert auf dem Einsatz aller verfügbaren Pflanzenschutzmethoden, wobei nicht-chemischen Mitteln Vorrang eingeräumt wird, um das Risiko für Mensch, Tier und Umwelt zu minimieren. Dabei kommen diverse Methoden zum Einsatz, wie beispielsweise das Aufstellen von Pheromonfallen (um Nützlinge anzulocken, die sich von Obstbäumen ernähren) oder der Einsatz von Organismen, die sich von für Kulturpflanzen schädlichen Insekten oder anderen Pflanzenschädlingen ernähren.

Allerdings machen derartige „biologische Mittel“ in Polen nur zwei Prozent aller registrierten Pflanzenschutzmittel aus, verglichen mit immerhin vier Prozent weltweit. Das geht aus einem Brief hervor, den ein Team von Fachleuten mehrerer polnischer Universitäten, Forschungs- und Industrieinstitute im Dezember geschrieben hatte.

In dem Brief werden der polnische Landwirtschaftsminister Grzegorz Puda und der ebenfalls polnische EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski aufgefordert, an dieser Front aktiv zu werden. Małgorzata Bzowska-Bakalarz von der Universität Lublin argumentiert in dem Brief: „Ein Eingreifen des Staates ist notwendig und damit die Schaffung spezifischer politischer Instrumente, die dazu beitragen, das Verhalten der Landwirte zu ändern, damit es zu einer Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden kommt.“

Mehr Konsequenz

IPM-Prinzipien, um den Einsatz von Pestiziden auf einem ökonomisch und ökologisch vertretbaren Niveau zu halten, sind bereits in der 2014 überarbeiteten EU-Richtlinie zum nachhaltigen Einsatz von Pestiziden verankert.

Einem aktuellen Bericht des Europäischen Rechnungshofs zufolge scheint es der Kommission jedoch bisher nicht gelungen zu sein, die Umsetzung solcher Regeln durch die EU-Mitgliedsstaaten angemessen durchzusetzen oder Anreize zu schaffen – zum Beispiel durch entsprechende Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Die Rechnungsprüfer kommen weiter zu dem Schluss, dass dies hauptsächlich auf einen Mangel an präzisen Daten zurückzuführen sei, die von den EU-Ländern zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus würden mehrere Staaten die Forderung nach integriertem Pflanzenschutz nicht in ihr nationales Recht integrieren.

Kontroverse Debatte: Wie misst man die Pestizid-Reduzierung in der Landwirtschaft?

Der jüngste Entwurf der „Farm to Fork“-Strategie sieht vor, dass verbindliche Ziele für die Reduzierung des Einsatzes und des Risikos von Pestiziden festgelegt werden. Dafür soll aber der umstrittene „Harmonisierte Risikoindikator 1“ verwendet werden.

Mehr Chemie

Derweil ist der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel in Polen im vergangenen Jahrzehnt sogar gestiegen. Zwar liegt das Land nach wie vor nicht an der Spitze der Pestizidanwender in der EU, doch der Umsatz mit Pestiziden war laut Eurostat-Daten bereits 2016 um 12,3 Prozent höher als 2011, obwohl die Anbaufläche zwischen 2011-2017 nur um 1,5 Prozent zugenommen hatte.

In Polen liegt der durchschnittliche Pestizid-Verbrauch demnach bei 2,5 Kilogramm pro Hektar und Jahr, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 3,5 kg.

Das Problem dürfte aber sein, dass der westliche Teil der EU (wie beispielsweise die Niederlande, die aktuell die meisten Pestizide pro Hektar einsetzen) seinen Verbrauch möglicherweise schneller reduziert als Polen, warnte Marek Mrówczyński, Direktor des Instituts für Pflanzenschutz am Nationalen Forschungsinstitut in Poznań.

In einer Rede auf dem polnischen Agrarkongress erklärte er weiter, das wohl größte Hindernis für den Einsatz ökologischer Pflanzenschutzmittel sei ihr Preis. Dieser sei auf den Hektar gerechnet drei bis fünf Mal höher als der Einsatz von Chemikalien.

In Polen werden biologische Mittel am häufigsten in Gewächshauskulturen eingesetzt, wo es möglich ist, die Klima- und Wetterbedingungen zu regulieren. Im Freiland werde hingegen nahezu ausschließlich auf Chemie gesetzt. Ohne dedizierte Mittel aus der GAP für die Jahre 2021-2027 seien daher Veränderungen in der polnischen Landwirtschaft kaum denkbar, schloss Mrówczyński.

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Die Ziele der neuen GAP wurden Ende Februar auch im polnischen Sejm bei einer Sitzung des Agrarausschusses diskutiert. Abgeordnete wiesen dabei ebenfalls darauf hin, dass die Ziele nur schwer zu erreichen und miteinander zu vereinbaren seien: „Die EU-Kommission will einerseits die Einkommen der Landwirte erhöhen, andererseits aber den Einsatz von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln reduzieren, was zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion führen könnte,“ warnte Dorota Niedziela von der liberalen Bürgerplattform.

Mirosław Maliszewski von der Polnischen Volkspartei (auch „Bauernpartei“ genannt) wies darauf hin, dass nicht-chemische Pflanzenschutzmittel oder neue Anbautechnologien in Polen noch nicht ausreichend verfügbar sind und betonte, dass diese ihren Preis haben werden.

Der stellvertretender Landwirtschaftsminister Ryszard Bartosik versicherte indes, dass die Änderungen schrittweise eingeführt würden: „Beim Thema Düngemittel und Pflanzenschutzmittel geht es nicht darum, dass wir den Einsatz solcher Stoffe oder einer gewissen Anzahl von Düngemitteln von einem Tag auf den anderen verbieten werden. Stattdessen werden wir die Landwirte schrittweise davon überzeugen, die umweltfreundlichsten Mittel zu verwenden und die Düngemittel gezielter einzusetzen.“

Er versprach weiter, dass die polnische Regierung Mittel aus dem EU-Haushalt für diesen Zweck zur Verfügung stellen wird.

[Bearbeitet von Natasha Foote/Zoran Radosavljevic]

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