Hat Monsanto auch in Deutschland geheime Listen geführt?

Umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel: Roundup von Monsanto enthält den Wirkstoff Glyphosat. Das Mittel ist in der EU noch erlaubt. [Global Justice Now/Flickr]

Monsanto wollte Einfluss auf Politiker und Journalisten nehmen – mittels interner Listen. Bayer-Lobbyist Berninger schließt das auch für Deutschland nicht aus. EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel berichtet.

Matthias Berninger bemüht sich um Glaubwürdigkeit. Er verspricht „maximale Transparenz“ und ein „klares Wertekonzept“ – so wie es sich für den Leiter des neu geschaffenen Bereichs Public Affairs und Nachhaltigkeit bei Bayer gehört. Und er rechnet deutlich mit den Praktiken ab, die der US-Saatgut- und -Pestizidhersteller Monsanto auf dem Kerbholz hat. Es gebe eine Reihe von Beispielen, bemühte Berninger am Montag die Fußballsprache, „in denen Monsanto nicht den Ball gespielt hat, sondern auf den Mann oder die Frau gegangen ist.“

Etwa als die Amerikaner, die seit August vergangenen Jahres zu Bayer gehören, 2016 französische Journalisten, Politiker und Umweltaktivisten auf geheimen Listen geführt hatten. Die Stakeholder wurden danach eingeteilt, ob sie für oder gegen Monsanto sind, ob sie meinungsstark oder beeinflussbar sind. Der Skandal war am Wochenende bekannt geworden, die Staatsanwaltschaft in Paris ermittelt. Bayer entschuldigt sich, verspricht volle Aufklärung und hat eine Rechtsanwaltskanzlei damit beauftragt, alle Betroffenen zu kontaktieren. Die Geschäftsbeziehung mit der PR-Agentur Fleishman Hillard, die für Monsanto gearbeitet hat, ist auf Eis gelegt.

Das Ausmaß ist noch nicht bekannt

Doch das ganze Ausmaß des Skandals ist noch gar nicht bekannt, musste Berninger am Montag zugeben. Es sei „sehr wahrscheinlich“, dass auch in anderen europäischen Ländern solche Listen angelegt worden sind. Welche das sind, will Bayer jetzt untersuchen lassen. Höchstwahrscheinlich dürfte auch Deutschland dazugehören, denn auch für den deutschen Markt war Fleishman Hillard zuständig. Zudem spielte Deutschland eine wichtige Rolle in der Frage, ob die EU die Zulassung für das von Monsanto vertriebene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat verlängert oder nicht. 2016 war darüber heftig gestritten worden, Ende 2017 sprachen sich die Agrarminister der EU-Staaten für eine erneute Verlängerung um fünf Jahre aus. Ein Zufall?

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„Der Zweck heiligt nicht die Mittel“

Berninger will sich auf solche Diskussionen gar nicht einlassen. „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“, betont er. Seit Januar ist der Hesse bei Bayer und soll verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Seit der Übernahme von Monsanto steht der Bayer-Vorstand im Feuer. Der schlechte Ruf Monsantos färbt ab, nach mehreren verlorenen Schadensersatzprozessen in den USA ist die Aktie in den Keller gerutscht, Bayer-Chef Werner Baumann wurde jüngst auf der Hauptversammlung nicht entlastet.

Erst Grünen-Politiker, dann Lobbyist

Nun soll Berninger die Reputation von Bayer retten. Dazu kann er seine politische Vergangenheit in die Waagschale werfen. Der heute 48-Jährige gehörte einst zum Spitzenpersonal der Grünen. Mit 23 Jahren war er der bis dahin jüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag, mit 29 Jahren wurde er der jüngste je berufene Parlamentarische Staatssekretär in Deutschland. Renate Künast hatte ihn 2001 ins Bundeslandwirtschaftsministerium geholt. 2007 wechselte der mehrfache Familienvater die Seite und wurde Lobbyist für den Schokoriegelhersteller Mars in den USA.

Bayer hat solche Listen nicht geführt

Jetzt soll Berninger das Ruder bei Bayer herumreißen. Und verspricht bei seinem ersten öffentlichen Auftritt am Montag gleich zweierlei: Erstens, dass Bayer solche Listen wie die von Monsanto nicht geführt hat. Und zweitens, dass jetzt Schluss ist mit solchen Praktiken. Er habe einen „klaren Wertekodex“, betont Berninger, der noch heute Mitglied der Grünen ist. Seine Führung sei anders als das, „was wir in der Vergangenheit von Monsanto erlebt haben“. Doch die Vergangenheit lässt Bayer nicht los. Mit der Übernahme von Monsanto haben sich die Leverkusener auch erhebliche rechtliche Risiken ins Haus geholt.

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Klägeranwalt will eine Milliarde Dollar

Mehr als 13.400 Klagen sind in den USA anhängig. Die Kläger werfen Bayer vor, Glyphosat habe bei ihnen Krebs verursacht. Bayer hält dagegen und verweist auf die Gutachten der Zulassungsbehörden, die den Wirkstoff bei bestimmungsgemäßem Gebrauch unisono für sicher halten. Doch die Geschworenenjurys in Kalifornien haben die Bayer-Anwälte damit nicht überzeugen können. In zwei Verfahren ist Bayer verurteilt worden, jeweils rund 80 Millionen Dollar Schadensersatz zu zahlen, Bayer geht in die Berufung.
Nun droht die nächste Schlappe und die könnte noch gewaltiger ausfallen. Die Rentner Alva und Alberta Pilliod fordern eine Milliarde Dollar Schadensersatz, die Jury berät. Das öffentliche Interesse ist groß: Umweltaktivist Robert Kennedy Junior und der US-Regisseur Oliver Stone waren im Gerichtssaal – ein Statement für die Pilliods und gegen Monsanto.

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