Grüne Europaabgeordnete: EU-Rahmen für Gen-Editierung hemmt Innovation

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Der EU-Rechtsrahmen für Gen-Editierung ist unzureichend und birgt die Gefahr, dass Forschung und Innovation aus der EU verdrängt werden, so eine grüne Europaabgeordnete, die damit von der klaren Haltung ihrer Partei in dieser Frage abweicht.

„Der Rechtsrahmen ist nicht ausreichend. Das wissen wir“, sagte Viola von Cramon-Taubadel kürzlich auf einer Veranstaltung und betonte, dass dies etwas sei, worauf Wissenschaftler:innen schon seit einigen Jahren hinwiesen.

Von Cramon-Taubadel kritisierte insbesondere, dass der derzeitige Rechtsrahmen Innovationen behindere und in der EU ansässige Forscher:innen mit wertvollen genetischen Fähigkeiten in andere Länder abdränge.

Sie wies darauf hin, dass Forscher:innen „keine Perspektive“ für ihre zukünftige Karriere sähen und dass dies eine „sehr aufkommende“ Situation sei. Sie sagte, man müsse sicherstellen, dass Menschen, die ihre Karriere in der Genetik oder genetischen Züchtung begonnen hätten, in der EU blieben, da ihre Produkte „in ein paar Jahren mehr denn je gebraucht werden“.

„Wir müssen sicherstellen, dass Innovation und technologischer Fortschritt, die in Forschungsinstituten und Universitäten in der EU entstehen, auch eine Chance haben, ein Marktgut zu werden“, sagte sie.

Von Cramon-Taubadel sagte, Forscher:innen bräuchten einen „liberaleren und offeneren Rahmen“ und fügte hinzu, dass eine protektionistische Haltung im EU-Agrarsektor keine „intelligente Lösung“ für die Wissenschaft sei.

Es ist nicht das erste Mal, dass von Cramon-Taubadel die seit langem vertretene Anti-GVO-Haltung der Grünen offen in Frage stellt, nachdem sie im Juni 2020 ein umstrittenes Papier unterzeichnet hatte, in dem sie den Einsatz von Gen-Editing-Technologien befürwortete.

Dies führte zu der Frage, ob die Partei ihre Haltung gegenüber dieser Technologie aufweicht, was sie jedoch entschieden zurückwies.

Ihre Bedenken wurden auch von anderen Diskussionsteilnehmer:innen geteilt, die auf die Kosten einer solchen Abwanderung hinwiesen.

„Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs haben viele Unternehmen ihre Forschungsaktivitäten in andere Länder verlagert“, sagte Garlich von Essen, Generalsekretär von Euroseeds. Er bezog sich dabei auf das Urteil von 2018, das zu dem Schluss kam, dass gentechnisch veränderte Organismen im Prinzip unter die GVO-Richtlinie fallen.

Dies birgt das Risiko, „Europa von einigen der wichtigsten technologischen Entwicklungen abzuschneiden“, warnte er und fügte hinzu, dass dies auch erhebliche Kosten für die bereits knappen Humanressourcen bedeute.

„Es herrscht ein harter Wettbewerb um die besten Köpfe, und das gilt insbesondere für die Pflanzenzüchtung“, sagte er und wies darauf hin, dass es sich um einen sehr internationalen Sektor handele und die Gefahr bestehe, dass diese Innovator:innen abwandern.

„Und das wird zum Nachteil der EU sein, nicht nur wirtschaftlich, sondern ich bin mir ziemlich sicher, auch ökologisch“, warnte von Essen.

Sabine Jülicher, Direktorin für Lebens- und Futtermittelsicherheit in der Generaldirektion SANTE der Europäischen Kommission, teilte die Bedenken der anderen Redner:innen, wenn es darum geht, den Zugang zur Entwicklung und schließlich zur Vermarktung von Gentechnologie zu ermöglichen, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

„Wir brauchen jedes innovative Instrument, das uns in Europa zur Verfügung steht, um die Herausforderungen zu bewältigen, vorausgesetzt, wir können uns vergewissern, dass diese für Mensch, Tier und Umwelt sicher sind“, sagte sie.

Kommission hält aktuelle Rechtsrahmen für geneditierte Pflanzen für unzureichend

Eine neue Studie der Europäischen Kommission kommt zu dem Schluss, dass der derzeitige Rechtsrahmen für neue genomische Techniken (NGT) unzureichend ist.

Die Kommentare folgen auf die Veröffentlichung einer mit Spannung erwarteten Studie der Europäischen Kommission über neue Genomtechniken.

Der derzeitige Rechtsrahmen für deren Einsatz in der EU sei unzureichend, heißt es in dem Bericht. Daher sollten neue politische Instrumente in Betracht gezogen werden, um die Vorteile dieser Technologie zu nutzen.

In Bezug auf Forschung und Innovation wurde in dem Bericht hervorgehoben, dass viele Mitgliedstaaten darauf hinwiesen, dass der derzeitige Rechtsrahmen „Herausforderungen für die Forschungstätigkeiten im Bereich der neuen Genomtechniken (NGT) mit sich bringt: F&E wird negativ beeinflusst, was für Akademiker:innen sowie öffentliche und private Forschungseinrichtungen in der EU einen internationalen Wettbewerbsnachteil bedeutet“.

Einige Interessengruppen, insbesondere Nichtregierungsorganisationen, sind jedoch der Ansicht, dass die Verordnung positive Auswirkungen hat, da sie die Erforschung „weniger riskanter Innovationen und alternativer konventioneller und nicht-natürlicher Strategien“ ermöglicht.

Andere wiederum weisen darauf hin, dass entgegen der landläufigen Meinung nicht unbedingt die Regulierung der limitierende Faktor für den Eintritt von KMU in den Markt für Gen-Editierung ist.

In einem Gespräch mit EURACTIV im Jahr 2020 wies Michael Antoniou, Leiter der Genexpressions- und Therapiegruppe am King’s College London, darauf hin, dass fehlerhafte Finanzstrategien, das Versagen, die richtigen Investitionen anzuziehen, unerfahrenes Management und mittelmäßige Wissenschaft eher die Hauptgründe für das Scheitern der großen Mehrheit der Biotech-KMU sind.

Antoniou kam daher zu dem Schluss, dass eine Deregulierung der Genmanipulation eine „begrenzte Auswirkung“ auf die KMU haben würde, da die Entwicklung genmanipulierter Pflanzen unabhängig von einer weniger strengen Regulierung einen ähnlichen Ressourcen- und Zeitaufwand erfordern wird.

In ihrem im März dieses Jahres veröffentlichten Bericht „Mythen und Realität der Genmanipulation“ wiesen die Grünen unter der Leitung der Europaabgeordneten Benoît Biteau und Martin Häusling darauf hin, dass eine lockere Regulierung in anderen Ländern nicht zu einem entsprechenden Anstieg der technologischen Entwicklungen geführt hat.

„Trotz jahrelanger Forschung und in einigen Ländern zulässiger gesetzlicher Regelungen haben es nur zwei gentechnisch veränderte Produkte erfolgreich auf den Markt geschafft, und keines davon wurde mit dem viel gepriesenen CRISPR/Cas-Tool hergestellt“, heißt es in dem Bericht, der sich auf die gentechnische Methode zur Herstellung von NGTs bezieht.

MdEPs kritisieren das Gerichtsurteil zur Gen-Editierung

Es ist für größere Unternehmen viel einfacher, neue GVO-Gesetze umzusetzen, aber es sind die kleineren, die am stärksten von der jüngsten Entscheidung zur Bearbeitung von Genen betroffen sind, so Norbert Lins.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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