Großbritannien will Vorreiter bei Gentechnikforschung werden

Die neue Gesetzgebung soll das Ziel des Vereinigten Königreichs fördern, bis 2030 eine "globale wissenschaftliche Supermacht" zu werden, heißt es in einer Regierungserklärung. [SHUTTERSTOCK]

In der Hoffnung, nach dem Brexit eine Vorreiterrolle in der Biotechnologie einzunehmen, hat Großbritannien neue Rechtsvorschriften zum Abbau von „unnötigen Bürokratielasten“ angekündigt, um die Forschung im Bereich des Genom-Editing zu fördern.

Die vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und ländliche Angelegenheiten (DEFRA) am Donnerstag (20. Januar) angekündigten Änderungen werden es Wissenschaftler:innen in ganz England erleichtern, pflanzenbasierte Forschung und Entwicklung unter Verwendung von Gentechnologien wie Genom-Editing zu betreiben.

Im vergangenen Jahr hatte die Regierung eine Konsultation zum Genom-Editing eingeleitet, während in der EU zunehmend Diskussionen über die Zukunft der Technologie aufkommen.

Die Europäische Kommission überprüft derzeit den europäischen Rechtsrahmen zur Gentechnik, nachdem eine kürzlich veröffentlichte Studie über neue Gentechniken zu dem Schluss kam, dass der derzeitige Rechtsrahmen der EU für gentechnisch veränderte Organismen unzureichend sei.

Timmermans: Gentechniken "klarer Bestandteil" von nachhaltiger Landwirtschaft

Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, hat sich als weiterer Befürworter der EU-Exekutive für Genom-Editierung bekannt. Aktivist:innen werfen der Kommission vor, sich bereits für diese Technologie entschieden zu haben.

„Vereinfachte Regeln für neue Gentechniken erleichtern es den Forschenden, nahrhaftere und widerstandsfähigere Pflanzen zu entwickeln, die weniger Pestizide benötigen“, heißt es in einer Erklärung der britischen Regierung. Man hofft, dass dies den Landwirt:innen helfen wird, „widerstandsfähigere, nahrhaftere und produktivere Pflanzen“ anzubauen.

Der Erklärung zufolge soll die neue Gesetzgebung zu dem Ziel Großbritanniens beitragen, bis 2030 eine „globale wissenschaftliche Supermacht“ zu werden.

„Außerhalb der EU ist Großbritannien in der Lage, Bürokratie abzubauen und bessere Regeln und Vorschriften festzulegen, die im Interesse der britischen Landwirt:innen und Wissenschaftler:innen sind“, heißt es in der Erklärung. Die Gesetzesänderung sei der erste Schritt hin zu einem „wissenschaftlicheren und angemesseneren Ansatz“ bei der Regulierung von Gentechnologien, in der Hoffnung, weitere Innovationen freizusetzen.

Die neuen Vorschriften würden nicht bedeuten, dass die Umwelt- oder Forschungsstandards gesenkt werden, heißt er außerdem in der Erklärung. Alle Wissenschaftler:innen, die zu Gentechnologien forschen, seien demnach weiterhin verpflichtet dem DEFRA alle Forschungsprojekte zu melden.

Darüber hinaus wird Großbritannien gentechnisch veränderte Pflanzen gemäß dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2018 vorerst weiterhin als gentechnisch veränderte Organismen einstufen.

Das bedeutet, dass der kommerzielle Anbau dieser Pflanzen und alle daraus hergestellten Lebensmittel weiterhin unter die bestehenden Vorschriften fallen werden.

Kommission hält aktuelle Rechtsrahmen für geneditierte Pflanzen für unzureichend

Eine neue Studie der Europäischen Kommission kommt zu dem Schluss, dass der derzeitige Rechtsrahmen für neue genomische Techniken (NGT) unzureichend ist.

Die Ministerin für Agrarinnovation und Klimaanpassung, Jo Churchill, erklärte, dass neue Gentechnologien „uns helfen könnten, einige der größten Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen“, darunter Ernährungssicherheit, Klimawandel und Verlust der Biodiversität.

Der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Gideon Henderson, begrüßte die Tatsache, dass die neuen Vorschriften es Wissenschaftler:innen ermöglichen würden, neue Pflanzen unter realistischen Bedingungen zu testen.

„Dies wird unsere Fähigkeit verbessern, das Potenzial der Genom-Editierung zu nutzen“, sagte er.

Dale Sanders, Direktor des John Innes Centre, das sich auf Pflanzen- und Mikrobenforschung spezialisiert, bezeichnete den Schritt der britischen Regierung zwar als einen Schritt in die richtige Richtung, forderte aber mehr Ehrgeiz.

„Um das Beste aus diesen Entdeckungen zu machen, müssen wir unsere Wissenschaft in Vorteile für die Verbraucher:innen umsetzen, indem wir Produkte in den Supermarktregalen verfügbar machen“, sagte er. Er hoffe deshalb auf eine weitere Lockerung der Vorschriften.

Doch nicht alle begrüßen diese neue Linie.

Claire Robinson von der Organisation GMWatch sagte, die Regierung sei nach wie vor „wild entschlossen“, Schutzmaßnahmen für Gesundheit und Umwelt aufzuheben, um der GVO-Industrie in England freie Hand zu lassen.

Sie wies darauf hin, dass dies trotz der Ergebnisse der eigenen öffentlichen Konsultation des DEFRA geschehe, bei der sich 85% der Befragten gegen eine Deregulierung ausgesprochen hätten.

„Es ist schwer vorstellbar, wie die Forschung erleichtert werden kann, da in England bereits Feldversuche mit gentechnisch veränderten und älteren transgenen Pflanzen durchgeführt werden. Das Genehmigungsverfahren scheint kaum mehr als eine Routineangelegenheit zu sein“, fügte sie hinzu.

Robinson kritisierte außerdem die Fallbeispiele, die von der Regierung ausgewählt wurden, um das Potenzial der Genom-Editierung zu demonstrieren, darunter virenresistente Zuckerrüben und krankheitsresistente Tomaten. Sie wies darauf hin, dass viele von ihnen nicht benötigt würden, weil es bereits gentechnikfreie Lösungen für die entsprechenden Probleme gebe.

„Die Regierung [in Westminster] sollte mehr unabhängige Tests für diese Produkte fordern, statt zu versuchen, die bereits bestehenden Schutzmaßnahmen aufzuheben“, kritisierte sie.

Weicht das UK von den EU-Regelungen zur Genom-Editierung ab?

Als einer der ersten Schritte nach dem Brexit hat das Vereinigte Königreich eine Konsultation zum Thema Gen-Editierung eingeleitet. Dies könnte das Land allerdings in einen Konflikt mit der EU bringen. 

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/ Alice Taylor]

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