Glyphosat: Politik vs. Wissenschaft?

EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis: "Politische Meinungen können weitgehend akzeptierte wissenschaftliche Ansichten nicht aufheben." [European Parliament/Flickr]

Nach heftiger Kritik von Seiten der Sozialisten erklärte der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz Vytenis Andriukaitis EURACTIV.com, politische Meinungen könnten weitgehend akzeptierte wissenschaftliche Ansichten nicht aufheben.

Die Kommission hatte am Mittwoch letzter Woche entschieden, die Verhandlungen mit den Mitgliedsstaaten über eine weitere Zehnjahres-Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat wiederaufzunehmen. Anca Paduraru, Sprecherin der Kommission für Gesundheitsthemen, nannte den Vorschlag über zehn Jahre gegenüber EURACTIV einen „Startpunkt“ für Diskussion. Die Debatte um Glyphosat sei „kein Routinefall“ und die letztendliche Entscheidung liege bei den Regierungen der Mitgliedsländer.

Kommission: 10-Jahres-Zulassung für Glyphosat als "Startpunkt" für Debatte

Die Europäische Kommission sieht die zehnjährige Erlaubnis von Glyphosat als „Startpunkt“ für Debatten mit den Mitgliedsländern. Die Entscheidung müssten die Staaten treffen.

Am 15. März verkündete die Europäische Chemikalienagentur (ECHA), dass die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht ausreichen, um Glyphosat als krebserregend einzustufen. Darüber hinaus sei die Substanz nicht erbgutverändernd oder anderweitig schädigend für die menschliche Fortpflanzung.  Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) war bereits im November 2015 zu dem gleichen Ergebnis gekommen.

In 2016, hatte auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgestellt, dass Glyphosat „wahrscheinlich kein Krebsrisiko durch Nahrungsaufnahme für Menschen darstellt.“ Allerdings kam sie damit zu einem anderen Schluss als ein Bericht aus dem Vorjahr, in dem die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als „bei Menschen wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte.

EU-Chemieagentur: Glyphosat nicht krebserregend

Glyphosat sei nicht krebserregend, so das vorläufige Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) – ein Befund, der bei Umwelt-NGOs Empörung auslöst. EURACTIV Brüssel berichtet.

Nicht alle wissenschaftlichen Daten sind öffentlich einsehbar

Die S&D-Fraktion im Europäischen Parlament veröffentliche eine deutliche Erklärung gegen die Entscheidung der Kommission und verurteilte die potentielle Verlängerung der Glyphosat-Zulassung. In einer Pressemitteilung hieß es, es gebe offensichtlich Mängel in der Transparenz der Zulassungsverfahren der europäischen Behörden.

Die Klassifikation von Glyphosate basiere „größtenteils auf unveröffentlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Industrie oder auf scheinbar unabhängigen Berichten, die von der Industrie in Auftag gegeben worden sind”.

Eric Andrieu, der S&D-Landwirtschaftssprecher, sagte die Aufdeckungen im Rahmen des Monsanto-Skandals und die andauernden Gerichtsverfahren in den USA ändern die Situation um Glyphosat […] Wir müssen in diesem Fall Klarheit haben, bevor eine weitere Zulassung dieses möglicherweise krebserregenden Mittels – das die Leben von mehr als 500 Millionen Europäern betreffen könnte – überhaupt zur Debatte gestellt werden kann.“

Der grüne MEP Bart Staes hatte kürzlich via EURACTIV.de gefordert, die EFSA müsse ihre Ergebnisse öffentlich zugänglich machen, sodass sie gegengeprüft werden könnten. „Von den 182 Studien, die beweisen sollen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, sind 82 nicht öffentlich zugängig – sie werden von verschiedenen Firmen und der EFSA unter Verschluss gehalten“, so Staes.

Andrieu erklärte weiter, aufgrund der gegebenen unterschiedlichen Einschätzungen könnten die Sozialisten die Entscheidung der Kommission nicht gutheißen. Außerdem sei es „inakzeptabel, dass die Kommission die Stimmen von 750000 EU-Bürgern ignoriert, die bereits die Europäische Bürgerinitiative (EBI) für ein Glyphosat-Verbot unterzeichnet haben […] Das ist ein Schlag ins Gesicht all dieser Bürger und zeugt von absolut null Respekt für die EBI.”

Europäische Bürgerinitiative für Verbot von Glyphosat gestartet

Mit einer Europäischen Bürgerinitiative sammeln mehrere Umweltorganisationen nun Stimmen gegen das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat.

EURACTIV erfuhr, dass die Sozialdemokraten den Druck auf die Kommission, eine transparentere Herangehensweise aufzunehmen, nun weiter erhöhen wollen. Man könne eine parlamentarische Untersuchungskommission oder einen Sonderausschuss zu dem Thema fordern, warnte die S&D-Vizevorsitzende für Nachhaltigkeit Kathleen Van Brempt.

Politik versus Wissenschaft

Auf Nachfrage von EURACTIV sagte EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz Vytenis Andriukaitis, politische Meinungen könnten weitgehend akzeptierte wissenschaftliche Ansichten nicht aufheben. „Ich muss da zurückhaltend sein, weil ich kein wissenschaftlicher Experte in diesem Feld bin. Aber als Arzt verlasse ich mich auf die Wissenschaft. Ich werde daher weiterhin meine Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Rechtsstaatlichkeit begründen.“

EFSA: Glyphosat-Debatte hat philosophische Dimensionen angenommen

Zu Recht wird über das Gefahrenpotenzial von Pestiziden debattiert, betont Bernhard Url, Leiter der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), im Interview mit EURACTIV Brüssel. Doch auch Politiker müssten Entscheidungen treffen.

Andriukaitis fügte hinzu, er werde weiter „für eine nachhaltige EU-Nahrungsmittelpolitik arbeiten, die Innovation und technischen Fortschritt fördert und gleichzeitig die Umwelt schützt sowie die EU-Bürger mit sicheren und nährstoffreichen Lebensmitteln versorgt […] Ich rufe alle MEPs dazu auf, gemeinsam mit mir für diese Ziele zu arbeiten.“

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