Gentechnik: „Nichts von dem, was wir essen, ist natürlich“

Für Wirbel in der Gentechnik-Debatte sorgt seit Juli 2018 ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs über ein neues Verfahren namens „CRISPR/Cas9 Genschere“. [igorstevanovic/ Shutterstock]

Die Menschheit braucht immer mehr Lebensmittel. Abhilfe schaffen sollen neue Methoden der Gentechnik wie die CRISPR-Genschere. Diese sind jedoch umstritten.

Eigentlich sähe die Banane ganz anders aus. In ihrer Ur-Form ist sie klein und dick, fast rundlich, und voller Kerne. Ihr moderner Verwandter aus dem Supermarkt ist hingegen, wie die meisten Obst- und Gemüsesorten, das Ergebnis gezielter menschlicher Pflanzenzucht.

Schon seit den 30er Jahren erlaubt besonders die  Gentechnik sehr viel effizientere Züchtungsmöglichkeiten von Pflanzen. Doch die Genmanipulation ist – wenn auch nicht gesundheitsschädlich – ideologisch umstritten. „Das ist eine Systemdiskussion. Es geht um die große Frage: welche Agrarpolitik wollen wir in Zukunft?“, so Jon Falk, Geschäftsführer der Saaten-Union Biotec GmbH auf einer Konferenz von EURACTIV über neue Verfahren in der Pflanzenzüchtung vergangenen Freitag. Ein kategorisches Nein zu neuen Techniken verspiele viele Möglichkeiten. „Es gibt hier nicht nur Schwarz und Weiß, wir brauchen sehr viel Grau dazwischen.“

Falks Labor vertritt mittelständische Züchtungsunternehmen – in seiner Branche erhofft man sich durch neue Techniken der Genmanipulation höhere Erträge der Obst- und Gemüseernte. Das soll helfen, um den global steigenden Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Doch Kritiker haben Bedenken, genmanipulierte Organismen könnten unbekannte Schäden für ihre Umwelt mit sich bringen.

Für Wirbel in der Debatte sorgt seit Juli 2018 ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs über ein neues Verfahren namens „CRISPR/Cas9 Genschere“. Die Technik gilt als relativ einfach und kostengünstig und erlaubt es, Pflanzen gegen Wetterbedingungen, Bakterien, bestimmte Pilzarten oder Herbizide resistent oder schlicht für den Menschen gesünder zu machen. Laut des EuGH-Urteils wird die Genscheren-Methode nun allerdings als Genmanipulation eingestuft. Auf diese Art gezüchtete Pflanzen dürfen somit nicht ohne Zulassung und entsprechendes Label in der EU verkauft werden. Für Experten kam das Urteil überraschend. Denn die Genmutation durch die CRISPR-Technik unterscheidet sich überhaupt nicht von den Punktmutationen, wie sie in der Natur permanent vorkommen.

„Ich halte das Argument, dass bei CRISPR nichts anderes passiert als bei natürlicher Mutation, für eine Ablenkungsdebatte. Da werden gezielt zwei Dinge vermischt“, meint Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik und Bioökonomie der Grünen. Entscheidend sei, dass der Mensch mit seinen technischen Möglichkeiten in die Zelle eingreife und ihre Regulations- und Reparaturmechanismen umgehe. Da müsse eine klare politische Grenze gezogen werden.

Traditionelle Pflanzenzüchtung mit Chemie und Bestrahlung

Dabei sind gentechnisch veränderte Lebensmittel gar nicht per se in der EU verboten. Sie müssen jedoch von der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA geprüft und anschließend von den Mitgliedsstaaten freigegeben werden. Welche Lebensmittel generell in der EU zugelassen sind, findet sich in einem Online-Register der Kommission. Zahlreiche Sorten von Mais, Raps, Baumwolle, Soja und Zuckerrübe sind dort aufgelistet.

Ausgenommen von den strengen EU-Gesetzen zur Gentechnik sind Pflanzen, die durch eine sogenannte Mutagenese verändert wurden. Bei dieser seit Jahrzehnten angewandten Methode wird Saatgut durch ein chemisches Bad oder nukleare Bestrahlung zur Mutation angeregt und am Ende die am passendsten mutierten Saatkörner rein gezüchtet. Sie bilden die Grundlage zahlreicher heutiger Lebensmittel. Ohne Mutagenese gäbe es kein Hartweizen für Nudeln, auch die für Bier verwendete Gerste wurde so gezüchtet.

 „Nichts von dem, was wir essen, ist natürlich. Nichts davon wächst in der freien Natur, diese Pflanzen würden dort gar nicht überleben“, erklärt der Gen-Forscher Sascha Laubinger von der Universität Oldenburg auf der Konferenz. So gut wie jedes Lebensmittel sei über lange Jahre der Züchtung oder durch herbeigeführte Genmanipulation optimiert worden.

Laubinger meint, aus wissenschaftlicher Sicht sei die Klassifizierung der Crisp-Methode als Gentechnik unverständlich. Zum einen, da sie nicht von natürlichen mutierten Pflanzen zu unterscheiden sind. Zum anderen, weil bei der traditionellen Mutagenese „ viel mehr Mutationen als mit der Genschere zustande kommen. Und die essen wir jeden Tag.“ Aber die Genschere kann nicht nur einmal angesetzt werden – theoretisch ließe sich ein Genom damit an 10 oder 100 Stellen beschneiden. Wo die Grenze gezogen werden sollte, was verboten ist, sei Aufgabe der Politik, meint Laubinger. Für ihn sei spätestens dort Schluss, wo Arten miteinander gekreuzt werden sollen – Mensch und Kartoffel zum Beispiel, das dürfe nicht sein.

Wer profitiert von neuen Gentechnik-Verfahren?

Um das zu verhindern, plädiert Grünen-Sprecher Ebner für eine strenge Einschränkung der Genschere CRISPR. „Wenn ich Gentechnik grenzenlos dereguliere, können möglicherweise begangene Fehler später nicht mehr aufgehoben werden“, warnt er. Vertreter der Saatgutbranche wie Jon Falk sind da offener: „Diese neuen Techniken sind kein Allheilmittel, aber sie können ein wichtiges Werkzeug für einen nachhaltigen Wandel der Landwirtschaftsindustrie sein. Daher brauchen wir eine offene und ideologiefreie Auseinandersetzung über die Genmanipulation“.

Außerdem befürchtet Falk, dass eine strenge Begrenzung der CRISPR -Technologie Europa in der internationalen Forschung abhängen könnte. „Diese Technik hat Anwendungsmöglichkeiten auch über Gentechnik hinaus“, argumentiert er. Für andere Entwicklungen würde es dann an Erfahrungen fehlen. Profitieren dürften davon aber in erster Linie große Konzerne wie Bayer, die selber Genforschung betreiben und zugleich auf mehr Absatz ihrer Pestizide hoffen, argumentieren Kritiker. Das sieht der Präsident der DLG, Hubertus Paetow, anders: „Die Mutagenese ist ein relativ einfaches Verfahren, das auch kleinere Unternehmen anwenden können. Diese Technologien können sogar die Vielfalt der Unternehmenslandschaft fördern.“

Ob genmanipulierte Pflanzen überhaupt so viel pflegeleichter und umweltschonender sind, wie ihre Befürworter meinen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Eine im Auftrag der US-amerikanischen National Academy of Sciences durchgeführte Studie ergab 2016, dass Landwirte einerseits tatsächlich weniger zu Insektiziden greifen müssen, wenn sie genmanipulierte Pflanzen anbauen. Andererseits würden sie mehr Pflanzenschutzmittel versprühen, wodurch auch Unkraut gegen die Herbizide immun werde.

Einig sind sich die Experten alle in dem Punkt: Die Debatte um Genmanipulation muss differenzierter werden, denn der schlechte Ruf der Genmanipulation ist unzeitgemäß angesichts der Möglichkeiten, die sie eröffnen. Ein Großteil aller Lebensmittel wurde im Lauf der Geschichte gezüchtet und verändert. Je größer die Möglichkeiten der Gentechnik werden, desto dringender muss ein Konsens darüber gefunden werden, was auf den Teller gehört – und was nicht.

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