Genossenschaften als „einzige Möglichkeit“ für Rumäniens kleine Landwirtschaftsbetriebe

"Die Pandemie hat zumindest eine gute Sache gebracht - die Rumäninnen und Rumänen konsumieren mehr rumänische Produkte," so Genossenschaftsvertreter Păunel. [SHUTTERSTOCK]

This article is part of our special report Nachhaltige Landwirtschaft: Zwischen GAP-Reform und Green Deal.

Rumänische Landwirte zeigen sich angesichts der realsozialistischen Vergangenheit des Staates oftmals misstrauisch gegenüber Genossenschaftsbetrieben. Doch dank junger Landwirte – und EU-Geldern – entscheiden sich immer mehr Bäuerinnen und Bauern für einen Zusammenschluss. EURACTIV Rumänien berichtet.

Keine Frage: Für viele Menschen im ländlichen Rumänien haben die Begriffe „Genossenschaft“ oder „Kooperative“ eine negative Konnotation. Schließlich werden sie stark mit den sogenannten „landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ nach dem Vorbild der sowjetischen Kolchosen assoziiert.

Allerdings waren diese Betriebe stets weit entfernt vom klassischen Genossenschaftsmodell, in dem die Mitglieder gemeinsam entscheiden: In den LPG arbeiteten die Landwirte, während die grundlegenden Entscheidungen und Ziele von oben aus Bukarest diktiert wurden.

Gerade ältere Landwirte sind daher auch heute noch misstrauisch gegenüber allem, was einer solchen Struktur ähneln könnte.

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Allerdings beginnt sich die Einstellung im Land langsam zu ändern, und mit Hilfe europäischer Gelder könnte es in den kommenden Jahren zu einem veritablen Boom bei landwirtschaftlichen Genossenschaften kommen.

„Für Genossenschaften werden sich in der GAP nach 2022 große Anreize ergeben,“ meint jedenfalls Ion Păunel, Vorsitzender der landwirtschaftlichen Erzeugergemeinschaft Olt. Er war an der Gründung mehrerer Kooperativen im Kreis Olt im Süden des Landes beteiligt. „Zuallererst helfen wir den Landwirten, sich zu organisieren: Wir bilden die Produzenten aus, wir bringen ihnen bei, wie man eine Genossenschaft führt, und wir helfen ihnen bei der Beantragung von EU-Fördermitteln,“ erklärt er.

Die Landwirte können Unterstützung aus Fonds für die ländliche Entwicklung beantragen, die diverse Hilfsangebote für die Höfe und Genossenschaften bieten können, so Păunel.

Schnelle Entwicklung und Platz für Wachstum

Während andere Landwirte der Entwicklung von Genossenschaften skeptisch gegenüberstehen, ist Păunel optimistisch: Zwar räumt er ein, dass kleine Familienbetriebe gegenüber den Behörden und bei Verträgen mit Einzelhändlern weiterhin benachteiligt sind, insgesamt gebe es in Rumänien jedoch bereits viele „funktionierende und lebensfähige Genossenschaften – und immer mehr junge Menschen fühlen sich von der Idee solcher Zusammenschlüsse angezogen.“

Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben; die Statistiken zeigen tatsächlich eine beschleunigte Entwicklung in den vergangenen Jahren. Laut dem Zentrum für Europäische Politik (CRPE), einem Think-Tank, gibt es in Rumänien inzwischen mehr als 1.500 landwirtschaftliche Genossenschaften, von denen über 200 allein im Jahr 2019 gegründet wurden. 2018 wurde mit 280 die bisher höchste Zahl an Neugründungen registriert. 2020 dürften sich aufgrund der Pandemie allerdings weniger als 200 Kooperativen gegründet haben, schätzt das CRPE.

Dennoch gibt es mehr als genug Raum für weiteres Wachstum: Nur ein Prozent der rumänischen Landwirte sind derzeit in einer Genossenschaftsstruktur organisiert – was deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 34 Prozent liegt, wie eine Untersuchung für die EU-Parlamentsfraktion Renew Europe ergab.

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„Ich verfolge die Entwicklung dieser landwirtschaftlichen Zusammenschlüsse seit acht Jahren und ich glaube, dass sie die Lösung für eine gesunde Entwicklung in ländlichen Gebieten sind. Es gibt bereits viele Projekte, die funktioniert haben, aber wir brauchen in Zukunft eine noch konsequentere Unterstützung,“ betont Cristian Ghinea, ein ehemaliger EU-Parlamentarier von Renew Europe und derzeit rumänischer Minister für Investitionen und EU-Projekte.

In den ersten acht Monaten des Jahres 2020 hatten 18 landwirtschaftliche Genossenschaften Mittel in Höhe von mehr als 38 Millionen Lei (etwa 7,7 Millionen Euro) abgerufen, um ihren Betrieb, ihre Lager oder ihre Verarbeitungsmöglichkeiten zu erweitern, so die Daten der Agentur für ländliche Investitionsfinanzierung (AFIR), die für die Fonds zur Entwicklung des ländlichen Raums zuständig ist.

„Landwirtschaftliche Genossenschaften sind eine praktikable Alternative, um EU-Gelder zu sichern. Mehr und mehr Rumäninnen und Rumänen haben es in den letzten Jahren geschafft, ihre emotionalen Hemmungen und ihr Misstrauen zu überwinden und sich für eine solche Partnerschaft zu entscheiden, um damit ihr Überleben auf dem Markt zu sichern,“ so der Berater für EU-Finanzierungen Gabriel Dan Ieremia.

Minister verspricht Unterstützung

Während einer Debatte über Agrargenossenschaften als Lösung für eine „grüne Landwirtschaft“ versprach Rumäniens Landwirtschaftsminister Adrian Oros kürzlich ebenfalls, dass es in Zukunft eine konsequente Unterstützung für solche Bauernverbände geben wird: „Wir können Maßnahmen in den nationalen Strategieplan aufnehmen, um Landwirte zu ermutigen, sich Genossenschaften anzuschließen.“ Er gehe sogar davon aus, dass es für Kleinbauern „keinen anderen Weg“ gebe, um zu überleben: „Wir haben uns überall in Europa umgesehen und es ist die einzige Lösung.“

Die bisherigen Förderbeträge müssten nun in jedem Fall beibehalten, „ja sogar erhöht werden,“ forderte er. Letztendlich könne man die Landwirte aber „nur ermutigen, nicht zwingen“.

EU darf kein "Landwirtschaftsmuseum" werden

Die EU sollte ihren Einsatz in Sachen Innovation erhöhen, wenn sie hohe landwirtschaftliche Produktion mit der Vision einer nachhaltigeren Zukunft in Einklang bringen will.

Neben finanzieller Hilfe brauchen die Kooperativen auch Beratung, vor allem in Bereichen wie Marketing und Weiterverarbeitung. „Sie müssen ja nicht ausschließlich Verträge mit großen Einzelhändlern haben. Man kann auch den Verkauf am Hof, in eigenen Läden oder auf lokalen Märkten organisieren,“ meint Păunel, der selbst Gemüsebauer ist und Läden von Mega Image beliefert – einer Kette, die zum Einzelhandelskonzern Ahold Delhaize gehört.

Tatsächlich würden immer mehr Landwirte nun auch Social Media nutzen, um die Konsumenten direkt zu erreichen. Dieser Trend habe sich gerade im vergangenen Pandemie-Jahr noch verstärkt. „Die Pandemie hat in dieser Hinsicht eine gute Sache gebracht – die Rumäninnen und Rumänen konsumieren mehr rumänische Produkte, sowohl auf traditionellen Märkten als auch in den Supermärkten,“ so Păunel.

Positiver Nebeneffekt: Die Verkürzung der Lieferketten ist ohnehin eines der Hauptziele der neuen Lebensmittelpolitik der EU, der „Farm to Fork“-Strategie.

Păunel berichtet weiter: „Die Konsumenten wissen lokale Produkte zu schätzen, und dieser Trend wird mit der Unterstützung der EU-Fonds noch deutlicher werden.“ Ebenfalls positiv stimme ihn, dass mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) die Unterstützung für kleine Bauernhöfe weiter ausgebaut werden soll.

Tatsächlich gründe sein Optimismus hauptsächlich auf der EU-Unterstützung: Allein der sogenannte Übergangsfonds habe das Potenzial, 2.500 bis 3.000 jungen Menschen in Rumänien dabei zu unterstützen, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen. Mit Blick auf die Zukunft hoffe er, dass eine Kombination aus Generationswechsel, dem Zufluss von EU-Geldern und Know-how, kürzeren Ketten zwischen Erzeugern und Verbrauchern und der grundsätzlichen Unterstützung für Landwirte sowohl die Qualität als auch die Quantität der Produktion steigern wird.

Im Endeffekt profitieren viele Seiten davon, so Păunel. Schließlich würde sich dadurch die Position Rumäniens im weltweiten Agrar- und Lebensmittelhandel verbessern.

[Bearbeitet von Natasha Foote/Gerardo Fortuna/Tim Steins]

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