Geld für „Ökosystemdienstleistungen“ = Rettung für die Biodiversität?

"Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen sind kein Allheilmittel, sondern lediglich interessante Instrumente, die von anderen Maßnahmen begleitet werden müssen." [EPA-EFE/HARISH TYAGI]

Am heutigen Mittwoch startet der Weltgipfel zur Biodiversität. Dort sollen neue Maßnahmen diskutiert werden, um den Rückgang der Artenvielfalt aufzuhalten. Auf der Agenda steht auch die Idee der „Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen“, die derzeit in Frankreich und im Rest Europas breit diskutiert wird. EURACTIV Frankreich berichtet.

Beim heutigen UN-Biodiversitätsgipfel werden sich die teilnehmenden Diplomatinnen und Diplomaten mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass die Zahl der Wirbeltierpopulationen laut Living Planet Index zwischen 1970 und 2016 um zwei Drittel zurückgegangen ist.

Darüber hinaus ist bereits klar, dass kein einziges der zwanzig Ziele, die beim letzten Biodiversitäts-Übereinkommen für den Zeitraum 2011-2020 verabschiedet wurden, erreicht werden wird. Am Ende des Jahres dürften wohl nur sechs Ziele teilweise erreicht sein.

Angesichts solch deprimierender Zahlen braucht es mehr als nachdrückliche Reden, um die Anstrengungen glaubwürdig erscheinen zu lassen.

In seinem Bericht Living Planet 2020 drängt der WWF die Staaten, ihre Bemühungen um den Naturschutz zu verstärken, den Verbrauch von tierischen Proteinen um 50 Prozent zu reduzieren, die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu bekämpfen und vor allem die Landwirtschaftsmodelle zu verändern, denn: „Die landwirtschaftliche Produktion ist für 80 Prozent der weltweiten Abholzung, 70 Prozent der Süßwassernutzung und 70 Prozent des Verlusts der Biodiversität an Land verantwortlich.“

Zahlreiche Reformvorschläge werden derzeit geprüft.

Auf dem Weg zur modernen Landwirtschaft: Balance zwischen Biodiversität, Innovation und Erträgen

Der europäische Agrarsektor muss sich großen Herausforderungen stellen: In Zukunft müssen mehr Lebensmittel produziert werden, zugleich dürfen Umweltschutz und gute Lebensbedingungen für Landwirte nicht zu kurz kommen.

Einer davon ist die Idee von „Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen“ (Payments for Environmental Services – PES). Einfach ausgedrückt bedeutet dies: die Landnutzer – Landwirte, Waldbesitzer oder -verwalter – werden für von ihnen im Sinne der Umwelt erbrachte Leistungen oder Maßnahmen bezahlt. Das Thema wird insbesondere in Frankreich, aber auch im Rest der EU heiß debattiert.

France Stratégie zum Beispiel erwähnte die Idee in seinem Bericht über „Die wirtschaftliche und ökologische Leistungsfähigkeit der Agrarökologie“. Sogar Frankreichs Wirtschaftsrat, der dem Finanzministerium in Bercy angegliedert ist, stellte ihn in seinen September-Mitteilungen vor.

Entwicklungen in Europa

Dabei sind Zahlungen für „Ökosystemdienstleistungen“ gar nicht mal so neu: „Das erste Beispiel für PES geht auf das Jahr 1930 zurück. Damals gab es ein Programm der US-Bundesstaaten, um Landwirte auf bestimmten Arten von Farmen für die Erhaltung der Landschaft zu bezahlen,“ erklärt Yann Laurans, Direktor des Biodiversitäts- und Ökosystemprogramms am Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI).

Während PES beispielsweise in Südamerika bereits weit entwickelt sind, um die Tropenwälder zu erhalten, erfolgen sie in Europa hauptsächlich in Form von Beihilfen für die Bauern. So sieht die schweizerische Landwirtschaftspolitik seit 2014 die Bezahlung von Hirten und Viehzüchtern für die Erhaltung von natürlichen Dauergrünland vor.

„Auch in Frankreich gibt es solche Maßnahmen“, betont Laurans. „Bereits 1990 schlossen die Industrien, die Trinkwasserquellen nutzen wollten, Verträge mit den Bauern in den Einzugsgebieten der Quellen ab, um den Nitratgehalt des Wassers zu senken.“

Während es sich damals hauptsächlich um private Verträge handelte, wurde die Idee, staatliche Verträge nach PES-Art zu entwickeln, bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen in Frankreich wieder aufgegriffen. „Es handelte sich um eine Wahlkampfverpflichtung des Kandidaten Macron, die insbesondere darauf abzielte, die Bauern zu entschädigen. Die Idee verwandelte sich schließlich in eine Bitte um die Zuteilung zusätzlicher Mittel von Seiten der Wasserbehörden,“ erinnert Laurens.

Seit Februar 2020 wurden tatsächlich 150 Millionen Euro von den französischen Wasserbehörden bereitgestellt, um die von den Bauern erbrachten Ökosystemdienstleistungen zu „vergüten“. Um einen wirklichen Einfluss auf die biologische Vielfalt zu haben, ist die Reichweite der Maßnahme aktuell allerdings noch deutlich zu gering.

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Die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik

Mit der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU sollen neue „eco-schemes“ eingeführt werden, die – ebenso wie die PES – darauf abzielen, Landwirte zu entlohnen, die nachhaltige Praktiken anwenden. „Diese Praktiken könnten die Einführung umweltfreundlicher Produktionssysteme wie Agrarökologie, Agrarforstwirtschaft und Bio-Landwirtschaft umfassen“, so ein Bericht der Europäischen Kommission.

„Der Rahmen für die ländliche Entwicklung umfasst außerdem Verpflichtungen zum Umwelt- und Klimamanagement, die darauf abzielen, Landwirte und andere Anspruchsberechtigte dafür zu entschädigen, dass sie sich freiwillig zu nachhaltigen Praktiken verpflichten,“ wird hinzugefügt.

Angesichts der Tatsache, dass die Umsetzung von PES nach wie vor komplex ist, ist es freilich überaus unklar, ob eine solche Maßnahme den Rückgang der Biodiversität in der gesamten EU aufhalten könnte. Laurans gibt zu bedenken: „Wenn sich diese Programme nicht weiterentwickeln, dann deshalb, weil sie viel Arbeit erfordern. PES-Musterverträge werden von Fall zu Fall ausgearbeitet und müssen perfekt an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden.“

Es sei daher „sehr schwierig, dies effektiv und in großem Maßstab zu tun. Wenn Sie jedem einen Pauschalbetrag für etwas zahlen, das Sie nicht kontrollieren können, wird es schlichtweg nicht funktionieren.“

"Conservation Agriculture": Immer vorsichtig mit den Böden

Obwohl sie im aktuellen Agrarsubventionsprogramm der EU nur geringfügig berücksichtigt wird, dürfte die sogenannte „konservierende Landwirtschaft“ eine zentrale Rolle in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020 spielen.

Eine weitere Schwierigkeit bei dieser Art von Zahlungssystemen sei ihre zeitliche Begrenzung.

Um jedoch ernsthafte Wirkung zu entfalten, müssen Hilfen über lange Zeiträume verteilt werden. Wie Aurélie Trouvé, Ökonomin bei AgroParisTech, in einem Artikel hervorhebt: „Die Systeme werden strengen Regeln folgen müssen. Die Beihilfen müssen jährlich gewährt, von der Produktion abgekoppelt und pro Hektar gezahlt werden.“

Ihr zufolge betont jedoch „der Europäische Rechnungshof in einem Bericht, dass ‚es notwendig ist, sich auf mehrere Jahre zu verpflichten, um bestimmte Umwelt- und Klimavorteile zu erzielen'“.

Viele Ansätze für die Biodiversität

Im Mai hatte die Europäische Kommission ihre ambitionierte Biodiversitätsstrategie vorgestellt, die eine 50-prozentige Reduzierung des Pestizideinsatzes bis 2030, die Pflanzung von drei Milliarden Bäumen und die Schaffung von Schutzgebieten auf mindestens 30 Prozent der Landes- sowie 30 Prozent der Meeresfläche der EU vorsieht. Letzteres soll „durch rechtsverbindliche Ziele für die Wiederherstellung der Natur und strengeren Schutz der europäischen Wälder“ gesichert werden.

Aus Sicht des IDDRI-Mitarbeiters Laurans sind derartige Vorhaben essenziell wichtig, denn: „Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen sind kein Allheilmittel, sondern lediglich interessante Instrumente, die von anderen Maßnahmen begleitet werden müssen.“

[Bearbeitet von Tim Steins]

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