Frauen sind „essenziell wichtig für die Landwirtschaft von morgen“

Der Begriff "Bäuerin" hat erst 1961 Eingang in die französischen Wörterbücher gefunden. Heute wird zumindest ein Viertel der landwirtschaftlichen Betriebe von Frauen geleitet. [Elitprod/Shutterstock]

In Frankreich drängen immer mehr Frauen in die Landwirtschaft. Angesichts der Herausforderungen in der Branche ist dies auch dringend notwendig. EURACTIV Frankreich berichtet.

„Bis Anfang der 1960er Jahre wurde die Rolle der Frau in der Landwirtschaft so wenig beachtet, dass wir nicht einmal ein Wort hatten, um sie zu beschreiben,“ erklärte der Minister für Landwirtschaft und Ernährung, Julien Denormandie, bei einer Debatte anlässlich des Internationalen Frauentags am vergangenen Montag.

Der Begriff „Bäuerin“ habe erst 1961 Eingang in die französischen Wörterbücher gefunden.

Rentabilität, Land und Leidenschaft für den ländlichen Raum: das magische Dreieck des Generationenwechsels der Landwirtschaft

In Spanien und in der gesamten Europäischen Union sind mehr als 90 Prozent der Landwirte kurz vor dem Rentenalter, so dass das Problem der Generationenerneuerung eine ernsthafte Herausforderung darstellt.

In den vergangenen 60 Jahren haben sich die Dinge jedoch drastisch geändert: Frauen haben sich ihren Platz in der französischen Landwirtschaft erobert. Sie stellen aktuell rund 30 Prozent der festangestellten Arbeiterinnen in der Branche. Und jeder vierte Betriebsleiter ist inzwischen eine Betriebsleiterin. Noch mehr Landwirtinnen leiten Schaf- und Weinbetriebe (30 Prozent), so Zahlen, die diese Woche vom Landwirtschaftsministerium veröffentlicht wurden.

Sie stellen außerdem fast die Hälfte des Personals in der Ausbildung, 77 Prozent im Bereich landwirtschaftliche Dienstleistungen und 57 Prozent in der Lebensmittelverarbeitung. Darüber hinaus sind derzeit fast zwei Drittel der Studierenden der Agrarwissenschaften in Langzeitstudiengängen weiblich.

Weiterhin männlich geprägt

Auf EU-Ebene nimmt die Zahl der Frauen in der Landwirtschaft zwar ebenfalls zu, allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern.

Während im Durchschnitt 29 Prozent aller Landwirte Frauen sind, ist die Frauenquote in den baltischen Staaten am höchsten (je 45 Prozent in Lettland und Litauen). Im Gegensatz dazu werden in den Niederlanden (fünf Prozent), Malta (sechs Prozent) und Dänemark (acht Prozent) sehr wenige Betriebe von Frauen geführt, so die neuesten Eurostat-Zahlen.

Auch in Deutschland ist nur jeder zehnte Hofbetreiber eine Bäuerin.

Quelle: Eurostat

Ein großes Risiko ist aus Sicht der Europäischen Kommission dabei ein sich nun möglicherweise wieder vergrößernder „Gender Gap“. Es scheint nämlich an Nachwuchs zu mangeln: Lediglich 4,2 Prozent der Landwirtinnen in Europa sind unter 35 Jahre alt.

Die Kommission will diese Lücke über ihre Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) schließen: Die EU-Mitgliedsstaaten müssten die Situation von Frauen in ländlichen Gebieten in ihren Programmen zur Entwicklung des ländlichen Raums dringend berücksichtigen, hieß es am Montag in einer Erklärung.

Agnès Poirier, Regisseurin der Dokumentarfilme Nous paysans und L’installation, betonte während der vom französischen Landwirtschaftsminister veranstalteten Debatte am Montag ebenso, die Welt der Landwirtschaft sei trotz der Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte „immer noch sehr männlich geprägt“.

Weniger Angst

Es ist eine Aussage, die Laurence Cormier, Präsidentin des Vereins Les Elles de la Terre, teilt: „Im Allgemeinen sprechen wir, wenn wir über Landwirtschaft sprechen, immer von [männlichen] Landwirten,“ sagt sie gegenüber EURACTIV Frankreich.

Dennoch sei sie hoffnungsfroh: „Dinge ändern sich, sie sind in Bewegung, und die Frauen haben heute keine Angst mehr, sich mit einem Hof niederzulassen.“

Nachwuchs und Frauen für die EU-Landwirtschaft

Im Jahr 2016 waren laut Eurostat nur elf Prozent der Betriebsleiter von Landwirtschaftsunternehmen in der EU „junge Landwirte“ im Alter von unter 40 Jahren.

Trotz des „Hindernisparcours“, den eine Betriebsgründung oder -Übernahme in der Landwirtschaft für Frauen oft bedeutet, wagen immer mehr den Schritt: Wir FranceInfo berichtet, sind inzwischen sind 37 Prozent der Personen, die sich in Frankreich dazu entschließen, einen Hof zu führen, weiblich. „Dreißig Jahre alt, kämpferisch und innovativ“ seien diese Landwirtinnen. Damit würden sie auch die landwirtschaftlichen Praktiken in einer lange von Männern dominierten Domäne „grundlegend verändern“.

„Als Frau, die in die Landwirtschaft einsteigt, hat man mehr zu beweisen als ein Mann, der sofort als ‚legitim‘ in Bezug auf den von ihm gewählten Beruf angesehen wird,“ bestätigt Cormier. Andererseits sieht sie jedoch auch Vorteil der Frauen: „Etwas nicht zu können, wird oft als ein Versagen des Mannes angesehen. Wir Frauen haben weniger Angst.“ Das mache sie auch innovativer: „Wir sagen uns: Wenn eine Sache nicht funktioniert, versuchen wir eben etwas anderes.“

Ähnlich sehen es Audrey Lopez und Lauriane Achard, Milchbäuerinnen aus der Bretagne und Protagonistinnen des Dokumentarfilms L’installation: „Wir als Frauen können heute zu uns selbst sagen, dass es eben Dinge gibt, die wir nicht tun können – und deswegen werden wir sie anders machen.“ Es sei beispielsweise wichtig, Nachteile in Bezug auf körperliche Kraft auszugleichen und „dabei nie zu sagen: Nein, das können wir nicht, das machen wir nicht, weil wir Frauen sind.“ Letztendlich brauche man so mehr Innovationsbereitschaft – genieße gleichzeitig aber auch die Vorteile dieser Erfindungskraft.

Minister Denormandie verwies am Montag ebenfalls auf Innovationen und zeigte sich überzeugt: „Die Landwirtschaft von morgen – für die eine Erneuerung so wichtig ist – kann nur durch die Begleitung und Unterstützung unserer Bäuerinnen erreicht werden.“

Die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft sei somit „essenziell“ und müsse weiter gestärkt werden.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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