Frankreichs Landwirtschaftsverbände: EU soll Lebensmittel hamstern

EU-weite Regelungen könnten den Zusammenbruch der Preise für bestimmte Lebensmittel verhindern, argumentieren Landwirtschaftsverbände. [Shutterstock]

Französische Produzenten und ein EU-Parlamentsabgeordneter drängen die Europäische Kommission, Lebensmittelvorräte anzulegen, um sowohl einen Preisverfall als auch die mögliche Vernichtung bestimmter Lebensmittel zu vermeiden. EURACTIV Frankreich berichtet.

Auf den Agrarmärkten zeigt sich aktuell ein bizarres Spannungsfeld: Einerseits herrscht Besorgnis über einen potenziellen Mangel an bestimmten Nahrungsmitteln, während es andererseits bei einigen Produkten zu ungewollten Überschüssen kommen kann, da die aktuellen Transport- und Lagerungskapazitäten nicht ausreichen. Auch dies könnte die europäischen Betriebe wirtschaftlich gefährden.

„Bei einigen landwirtschaftlichen Produkten wird es bald einen Überschuss geben, weil sie nicht abtransportiert und somit nicht verkauft werden können. […] Es ist daher dringend und unbedingt notwendig, dass [die EU] den Aufbau von Lebensmittelvorräten beschleunigt, wie es auch die europäischen Verordnungen vorsehen,“ forderte der französische sozialdemokratische Europaabgeordnete Éric Andrieu die EU-Kommission daher in einer schriftlichen Stellungnahme auf.

Ein solcher Regelungsmechanismus könne den Zusammenbruch der Preise für bestimmte Lebensmittel verhindern, argumentiert Andrieu.

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Keine Märkte, keine Restaurants, keine Arbeitskräfte

Der Hintergrund zu Andrieus Aufruf: Mit dem am 23. März von den französischen Behörden verfügten Verbot von Wochenmärkte ist der Vertrieb vieler Frischprodukte weiter eingeschränkt worden. Darüber hinaus ist durch die Schließung von Restaurants und Catering-Unternehmen in Frankreich wie auch in den meisten anderen europäischen Ländern ein wichtiger Absatzmarkt für die landwirtschaftliche Produktion weggebrochen. Hinzu kommt der drohende Mangel an Saisonarbeitskräften aufgrund der geschlossenen Grenzen vieler EU-Länder.

Die Kombination aus diesen Faktoren könnte zu „verheerenden“ Auswirkungen führen, warnte auch Pekka Pesonen, Generalsekretär des Bauernverbandes Copa-Cogeca. Seine Lobbygruppe hatte die EU-Kommission bereits am 19. März aufgerufen, „mit uns zusammenzuarbeiten und eine konsistente und klare Strategie zu entwickeln, um einen ununterbrochenen Strom von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Lebensmitteln und Getränken sowie Verpackungsmaterialien zu gewährleisten“.

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Während sich aktuell viele lokale Initiativen entwickeln, die den Landwirten den Verkauf zumindest eines Teils ihrer Erzeugnisse ermöglicht, „werden wir nicht für alle [Produkte] Absatzmöglichkeiten finden“, warnte Christian Lambert, der Präsident des französischen Agrarverbandes FNSEA.

Die einflussreiche Organisation hat den französischen Landwirtschaftsminister Didier Guillaume bereits gebeten, ihre Forderung nach der Schaffung von Nahrungsmittelreserven auf EU-Ebene weiterzuleiten. So könne der Absatz gesichert werden.

Forderung nach Lagermöglichkeiten

Vorerst hat das Landwirtschaftsministerium diese Forderung der Gewerkschaft allerdings nur für bestimmte Produkte – nämlich Milch und Fleisch – teilweise weitergeleitet. Für diese wolle man die EU-Erlaubnis für private Lagerung einholen. Die Kosten für diese Art der Lebensmittellagerung müsste allerdings von den Erzeugern getragen werden.

In diesem Zusammenhang forderte MEP Andrieu erneut: „Die EU kann und muss den Erzeugern und Unternehmern, die Produkte einlagern und keine Abnehmer finden, Beihilfen gewähren. Damit können eine Übersättigung des Marktes und die katastrophalen Folgen einer solchen Situation – mit völlig instabilen Preisen, großer Unsicherheit für die Erzeuger und auch einem immensen Risiko der Nahrungsmittelverschwendung – vermieden werden.“

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Weder die Supermärkte sollen schließen, noch kommt es zu Problemen bei der Lebensmittelproduktion, betont Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Auf europäischer Ebene spreche man über Möglichkeiten, grenzüberschreitende Lebensmitteltransporte zu vereinfachen.

Bisher zeigt sich die Europäische Kommission von den Forderungen unbeeindruckt und scheint für derartige Maßnahmen offenbar noch keinen Bedarf zu sehen.

Dabei gebe es bereits die rechtlichen Möglichkeiten für das Anlegen von Reserven, betont der französische Verband FNSEA in einer Pressemitteilung.

Darin heißt es: „Die Instrumente sind vorhanden. Die GMO [die gemeinsame Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse] bietet mehrere Mechanismen, die die Europäische Kommission im Falle von schwerwiegenden Marktungleichgewichten aktivieren kann. Und jetzt gibt es tatsächlich eine Situation, die leider alle Kriterien erfüllt: Sie war weder vorhersehbar noch dem Agrarsektor immanent.“

[Bearbeitet von Tim Steins]

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