Frankreich: Der Übergang zur Agrarökologie und seine Kosten

Wie können wir besser - und immer mehr - produzieren, während die Landwirtschaft doch weiterhin in tiefen (finanziellen) Schwierigkeiten steckt? [nimmersatt/Shutterstock]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Nachhaltige Landwirtschaft: Zwischen GAP-Reform und Green Deal

Mehr produzieren und gleichzeitig die Auswirkungen auf Klima und Umwelt reduzieren: Das ist die große Herausforderung, vor der die Landwirtschaft heute steht. Ist die Agrarökologie, die von den französischen und auch den EU-Behörden als ein Schlüsselelement für einen erfolgreichen „grünen Wandel“ präsentiert wird, die richtige Antwort? EURACTIV Frankreich berichtet.

„Wir stehen vor einer echten Notsituation, die sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Herausforderungen mit sich bringt,“ so Frédéric Lambert, Leiter der Abteilung Europa und Internationales im Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung, am Dienstag vergangener Woche (16. März) auf dem Forum für die Zukunft der Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft ist aktuell für elf Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU – und 17 Prozent in Frankreich – verantwortlich.

Während der Agrarsektor in Frankreich bereits zuvor aufgerufen worden war, umweltfreundlicher zu werden, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren und die wachsende Nachfrage nach gesunden und nachhaltigen Lebensmitteln zu befriedigen, hat sich die französische Regierung während der Pandemie vor allem das Ziel gesetzt, sogenannte „Ernährungssouveränität“ zu erreichen.

Die Frage bleibt: Wie können wir besser – und immer mehr – produzieren, während die Landwirtschaft doch weiterhin in tiefen (finanziellen) Schwierigkeiten steckt, die von niedrigen Einkommen über Überschuldung bis letztendlich hin zu einer hohen Zahl an Selbstmorden unter den Bäuerinnen und Bauern reichen?

Französischer Bericht: Grüne Landwirtschaft langfristig profitabler als konventionelles Pendant

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des staatlichen Think-Tanks France Stratégie unterstreicht die wirtschaftliche Rentabilität umweltfreundlicherer Landwirtschaftsbetriebe.

“Agrarökologie”

In ihren Plänen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) setzt die EU unter anderem auf die Stärkung sogenannter agrarökologischer Praktiken, also auf Anbaumethoden, die darauf abzielen, die Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern, die Biodiversität wieder zu erhöhen und natürliche Ressourcen bewusst zu erhalten. Dazu gehören der Bio-Landbau, aber auch Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen in der konventionellen Landwirtschaft sowie Praktiken, die als „High Environmental Value“ gekennzeichnet sind.

Dieser Ansatz wird vom Ausschuss der Regionen (AdR) ausdrücklich unterstützt: „Die Agrarökologie verringert den CO2-Fußabdruck der Landwirtschaft, fördert die Wiederherstellung der Artenvielfalt, stellt die Bodenfruchtbarkeit wieder her, verhindert die Verschmutzung von Luft und Wasser und erhöht die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Betriebe, die gesunde und erschwingliche Lebensmittel produzieren,“ so der AdR in einer am 4. März veröffentlichten Stellungnahme.

Das Ergebnis sei somit eine „intelligente“ Landwirtschaft, „mit und in der Natur“. Die Agrarökologie wäre demnach eine Antwort auf die Herausforderung der „systemischen Umstellung der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden“, die erforderlich wird, um die EU-Ziele einer „deutlichen Reduzierung des Einsatzes von chemischen Düngemitteln und Pestiziden sowie von Antibiotika bis 2030“ zu erreichen.

Agrarforstwirtschaft: Landwirte brauchen Unterstützung und Rückversicherung

„Agrarforstwirtschaft“ wird offenbar immer wichtiger: Der Begriff taucht nun sowohl im Green Deal auf als auch in der neuen Farm to Fork (F2F)-Strategie.

Die Kosten der Wende: Das große Hindernis

Laut der führenden französischen Landwirtschaftsgewerkschaft FNSEA könnten sich bestimmte agrarökologische Praktiken – insbesondere der Bio-Landbau – mittelfristig als rentabel erweisen Dennoch dürfte die agrarökologische Wende in der näheren Zukunft erhebliche Kosten verursachen.

Diese Übergangskosten „sind zweifellos eine große Bremse für einen Systemwechsel“, heißt es in einer im August letzten Jahres von France Stratégie veröffentlichten Mitteilung. Darin wird weiter kritisiert, dass gerade den umweltfreundlichsten Praktiken nicht die entsprechenden finanziellen Hilfen zugewiesen werden. Laut der Mitteilung sind die GAP-Subventionen immer noch „zu sehr von den Umweltanforderungen abgekoppelt“.

Mit den kürzlich eingeführten „Öko-Regelungen“ (eco-schemes) möchte die Kommission nun umweltfreundliche landwirtschaftliche Praktiken stärker „belohnen“. Auch das EU-Parlament hat bereits Interesse bekundet, dass künftig mindestens 30 Prozent der Direktzahlungen an Landwirte über dieses System ausgezahlt werden.

„Die eco-schemes ermöglichen es, die Risiken, die Landwirte mit der Einführung von ökologischeren Praktiken eingehen, besser zu berücksichtigen,“ meint auch Frédéric Lambert. Gerade Frankreich habe bei den Verhandlungen für die neue GAP „sehr stark auf verpflichtende eco-schemes gedrängt“.

Neue EU-Bauernpräsidentin: Bei negativen Auswirkungen muss die Farm to Fork-Strategie überarbeitet werden

Die neue Lebensmittelpolitik der Europäischen Kommission sollte überprüft werden, wenn eine künftige Folgenabschätzung zeigt, dass sie sich negativ auf die Landwirte auswirken wird, sagte die neu gewählte Vorsitzende des Bauernverbandes COPA, Christiane Lambert, gegenüber EURACTIV.com.

Gleichzeitig wird in der neuen „Farm to Fork“-Strategie (F2F, dt. auch „Vom Hof auf den Tisch“) zur Förderung nachhaltiger Lebensmittel auf Wettbewerbsfähigkeit und die Bereitschaft der europäischen Bürgerinnen und Bürger gesetzt, ihre Ernährung zu ändern: „Die Erwartungshaltung der Bürgerinnen und Bürger entwickelt sich weiter, was erhebliche Veränderungen auf dem Lebensmittelmarkt mit sich bringt,“ heißt es in der Mitteilung der Kommission zur F2F-Strategie

Man müsse diese “Chance” nutzen. Die Landwirte könnten den Übergang zur Nachhaltigkeit entsprechend „als Markenzeichen nutzen“ und sich mit einem frühen Start einen Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz erarbeiten.

Die Kommission weiter: „Ein nachhaltiges Lebensmittelsystem ist die Voraussetzung dafür, dass wir die Klima- und Umweltziele des Grünen Deals erreichen und gleichzeitig die Einkommen der Primärerzeuger verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken.“

Kein Wandel ohne (finanziellen) Anreiz

Im Bericht der französischen FNSEA wird weiter betont, dass die Landwirtschaft „in erster Linie eine produktive wirtschaftliche Tätigkeit ist, ein Beruf, aus dem die Akteure ein Einkommen erzielen können müssen“.

Daher brauche es „eine Reihe von wesentlichen Voraussetzungen“, damit die Landwirte den erhofften Übergang schaffen können.

Geld für "Ökosystemdienstleistungen" = Rettung für die Biodiversität?

Am heutigen Mittwoch startet der Weltgipfel zur Biodiversität. Dort sollen neue Maßnahmen diskutiert werden, um den Rückgang der Artenvielfalt aufzuhalten. Dabei auf der Agenda steht auch die Idee der „Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen“.

Dazu gehören eine entsprechende Politik, die den Klimazielen angemessen ist, die Aufhebung von Innovations- und Entwicklungsbarrieren für eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft, attraktivere Instrumente für das Risikomanagement und auch „eine Außenpolitik, die mit unseren Klimaverpflichtungen übereinstimmt“.

Landwirte sollten des Weiteren entsprechend ihrer Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel „entlohnt“ werden. Man brauche „keine Regulierung und noch weniger Strafen,“ um die Landwirte zum Wandel zu bewegen, sondern angemessene Anreize. Leider sei von der GAP nicht zu erwarten, dass sie die Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft vorantreibe – „zumindest nicht mit dem derzeitigen Budget“, heißt es im Bericht weiter.

Letztendlich könne nur eine faire Vergütung die Landwirte in die Lage versetzen, sich am agrarökologischen Wandel zu beteiligen und dabei erfolgreich zu sein, so die FNSEA.

Diese faire Vergütung lasse sich auf zwei Arten erreichen: „Entweder über den Preis für die Erzeugnisse oder über eine umfassende Entlohnung für Umweltleistungen im Rahmen einer reformierten vertraglichen Regelung.“

[Bearbeitet von Natasha Foote, Gerardo Fortuna, Tim Steins]

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