Farm to Fork: Die „landwirtschaftliche“ Seite der EU-Biodiversitätsstrategie

Die Gefahren des Biodiversitätsverlustes wirken sich unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion aus, während viele Ursachen für die Schädigung der Ökosysteme wiederum auf gewisse landwirtschaftliche Praktiken zurückzuführen sind. [SHUTTERSTOCK/ICIAK]

This article is part of our special report Der Green Deal und die Landwirtschaft: Von Worten und Taten.

Das Bestreben der Europäischen Union, den Verlust der Biodiversität zu bekämpfen, geht Hand in Hand mit dem neuen Ziel, das Lebensmittelsystem nachhaltiger zu gestalten. Dies beinhaltet auch diverse landwirtschaftliche Aspekte.

Die landwirtschaftliche Seite der Biodiversitätsstrategie stand etwas im Schatten ihrer politischen Schwester, der „Farm to Fork“-Strategie. Beide Entwürfe der Kommission waren nämlich am selben Tag vorgestellt worden.

Dennoch ist der Teil der Biodiversitätsstrategie, der die Landwirtschaft betrifft, kein unwesentlicher. Dies ist auch kaum verwunderlich, denn die Gefahren des Biodiversitätsverlustes wirken sich unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion aus, während viele Ursachen für die Schädigung der Ökosysteme wiederum auf gewisse landwirtschaftliche Praktiken zurückzuführen sind.

Eines der ehrgeizigsten Ziele der Strategie ist die „Wiederherstellung“ von mindestens zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU mit sogenannten Landschaftsmerkmalen für hohe Artenvielfalt. Dazu gehören beispielsweise Ackerrandstreifen, Rotations- oder Nichtrotationsbrachen und landwirtschaftlich „unproduktive“ Bäume.

Ein weiterer Kernaspekt ist der EU-Plan zur Wiederherstellung der Natur, der darauf abzielt, geschädigte Ökosysteme zu regenerieren und deren nachhaltige Bewirtschaftung sicherzustellen. Der Eckpfeiler dieses Wiederherstellungsplans wird voraussichtlich ein Legislativvorschlag sein, der rechtsverbindliche Ziele für die „Wiederherstellung der Natur“ auf EU-Ebene festlegen soll.

"Farm-to-Fork"-Strategie: EU will Pestizideinsatz und -risiko halbieren

Die lang erwartete „Farm to Fork“-Strategie der EU, die am Mittwoch, dem 20. Mai, veröffentlicht wurde, enthüllte ein mit Spannung erwartetes 50 Prozent Ziel für die Reduzierung des Pestizideinsatzes und des Pestizidrisikos.

In der vorläufigen Bewertung der Kommission, mit der die Debatte über die Ziele zur Wiederherstellung der Natur angestoßen wurde, wurden Landbewirtschafter und Landwirte unter den Stakeholder-Gruppen aufgeführt, die ihre Managementpraktiken „anpassen“ müssten – und wahrscheinlich negative soziowirtschaftliche Auswirkungen erleiden würden.

„Der Ausschluss von Land aus der aktiven Nutzung kann zusätzlichen Druck auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Landwirte erzeugen,“ warnt beispielsweise Nenad Peric, leitender politischer Berater der europäischen Bauernlobby COPA-COGECA.

Die europäischen Landwirte fordern daher einen freiwilligen Ansatz, wenn es um die Einführung von gewissen Landschaftselementen auf den landwirtschaftlichen Flächen und die Einbeziehung von produktiven Elementen geht. Diese könnten in manchen Fällen mehr Nutzen bringen als eine einfache Brache.

Umwelt-NGOs hingegen lehnen diesen freiwilligen Ansatz ab und favorisieren rechtlich verbindliche Zielvorgaben: „Die Erfahrung mit den freiwilligen Zielen in der Biodiversitätsstrategie 2020 hat deutlich gezeigt, dass freiwillige Ansätze einfach nicht funktionieren,“ erinnert Sabien Leemans, Senior Policy Officer beim WWF.

Für den EU-Verband der Landeigentümer (ELO) steht derweil außer Frage, dass zahlreiche in der Biodiversitätsstrategie vorgeschlagene Ziele höchstwahrscheinlich die Landbewirtschaftung beeinflussen werden. „Die Frage ist eher: in welchem Ausmaß? Und das wissen wir noch nicht,“ mahnt Delphine Dupeux, ELOs Direktorin für EU-Angelegenheiten.

Mögliche Konflikte

Landwirte und Landeigentümer sehen sich aktuell in der Defensive und nehmen eine eher vorsichtige Haltung ein. Man will offenbar allzu scharfe Konflikte mit NGOs und dem „umweltfreundlichen Flügel“ der EU-Exekutive, vertreten durch ihren Vizepräsidenten Frans Timmermans, vermeiden.

Sicher ist derweil, dass wohl alle beteiligten Parteien ein Szenario vermeiden wollen, das an das schwierige Klima rund um die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) erinnert. „Wir hoffen, dass es nicht [zu Konflikten mit den Landwirten] kommt. Mit den richtigen Anreizen ist die Wiederherstellung der Natur tatsächlich eine Chance für Landbesitzer,“ meint Harriet Bradley von der NGO Birdlife.

In vielen Fällen, fügt sie hinzu, gehe es bei der Naturwiederherstellung um eine angemessene Nutzung von Land, das immer mehr durch extreme Wetterbedingungen wie Dürre oder Überschwemmungen bedroht ist. „Die Wiederherstellung von Überschwemmungsgebieten an Flüssen oder von Wäldern und Torfgebieten im Hochland stärkt die Widerstandsfähigkeit“ und könne darüber hinaus zusätzliche Chancen wie Agro- und Ökotourismus schaffen, erklärt sie.

Das EU-Parlament und die F2F-Strategie

Die neue Lebensmittelpolitik der EU muss sich nun einer – vermutlich sehr harten – Prüfung durch die EU-Parlamentsabgeordneten stellen. Diese fühlen sich von der EU-Kommission übergangen.

Im vergangenen Oktober veröffentlichte eine Gruppe von NGOs ein gemeinsames Positionspapier, in dem sie die Bedeutung der Berücksichtigung lokaler Lebensgrundlagen und die Wichtigkeit einer effektiven Beteiligung von Interessengruppen sowie die bestehende soziale Dynamik hervorheben.

Die NGOs zeigten sich jedoch besorgt, dass sich die Debatte auf das konzentrieren könnte, was sie als „falsche Dichotomie“ zwischen der Rettung der Natur und der Gewährleistung der Ernährungssicherheit ansehen.

Landwirte hingegen fordern eine Folgenabschätzung der gesamten Biodiversitätsstrategie. „Wenn es um die Ziele und politischen Optionen geht, ist es sehr wichtig, dass die Folgenabschätzung den aktuellen Stand der Dinge bewertet,“ so Peric von COPA. Er verweist auf die laufenden und bevorstehenden Wiederherstellungsbemühungen in allen EU-Mitgliedsstaaten sowie auf die bestehende EU-Gesetzgebung wie die Vogelschutz- und Habitat-Richtlinie, die Gemeinsame Fischereipolitik und die GAP.

Ebenso haben die Landeigentümer das Gefühl, dass die Praxis noch nicht wirklich durchdacht wurde. Daher begrüßen sie die Folgenabschätzung, die zu den Wiederherstellungszielen durchgeführt werden wird – auch mit all ihren Einschränkungen wie zeitlichen Beschränkungen, der Wahl der Methodik oder der Anzahl der zu konsultierenden Interessengruppen.

Welche Art von Regelung?

Die andere offene Frage betrifft den letztendlichen rechtlichen Rahmen für das ehrgeizige Zehn-Prozent-Ziel für brachliegende Flächen und insbesondere, ob dieser in die Ziele zur Naturwiederherstellung fallen sollte.

Aus Sicht der Landeigentümer dürfte das Zehn-Prozent-Ziel im Rahmen der rechtlich verbindlichen EU-Ziele zu unnötiger Komplexität führen. Die Merkmale für hohe Diversität seien schließlich Teil der „erweiterten Konditionalität“ im Rahmen der GAP-Reform.

"Farm-to-Fork"-Entwurf: Mit Blick auf Emissionen aus der Tierhaltung und das Tierwohl

Der jüngste Entwurf der „Farm to Fork“-Strategie (F2F), den EURACTIV einsehen konnte, enthält einige bemerkenswerte Änderungen gegenüber der vorherigen Version, darunter auch die Hervorhebung der möglichen Rolle der Tierhaltung bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen und die Optionen für ein Tierwohllabel.

Ebenso gehen NGOs wie Birdlife nicht davon aus, dass das Zehn-Prozent-Ziel für landwirtschaftliche Flächen in die allgemeineren Ziele zur Wiederherstellung der Natur fällt.

„Wir würden es gerne sehen, wenn es bei dem Wiederherstellungsziel darum ginge, Land und Meer für „echte Natur“ zu reservieren – und nicht darum, lediglich landwirtschaftliche Praktiken zu verbessern,“ sagt Bradley von Birdlife.

Laut COPA-COGECA sollte die Folgenabschätzung die Möglichkeit in Betracht ziehen, anstelle eines Rechtsinstruments einen Aktionsplan oder ein anderes nicht-rechtliches politisches Instrument zu entwickeln, das diese Wiederherstellungsbemühungen lenken würde.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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