Fallbeispiel: Nordfranzösische Region setzt auf Bioökonomie

Auch auf EU-Ebene soll die Bioökonomie zu einem Vorzeigeprojekt werden. Im Bild: Ein Labor der Firma Extractis im nordfranzösischen Amiens.

This article is part of our special report Die Bioökonomie in der GAP nach 2020.

Im September 2018 hat die Region Hauts-de-France im Norden Frankreichs eine regionale Biökonomie-Strategie verabschiedet. Das ehemalige Zuckerrüben-Anbaugebiet will sich zur Führungskraft in diesem neuen Sektor wandeln. Ein Bericht von EURACTIV Frankreich.

Die Region Hauts-de-France verfolgt aktuell Strategien, die sich in hohem Maße auf die Entwicklung einer starken Bioökonomie konzentrieren. Herausforderungen der Energiewende, die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung sowie die notwendige Begrenzung der globalen Erwärmung gehören zu den Hauptargumenten, die die Region zu diesem Schritt motivieren.

Die Hoffnung: Die Bioökonomie kann die wirtschaftliche Entwicklung stärken, weil sie alle Tätigkeitsbereiche betrifft, in der Biomasse verarbeitet wird – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Chemie.

Niederlande starten Projekt für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft

Die niederländische Regierung hat einen Plan zum Schutz der natürlichen Ressourcen und der Verringerung der negativen Umweltauswirkungen der Landwirtschaft vorgelegt.

Beispiel Yinsect: Das Unternehmen, das Insekten als Futtermittel züchtet, hat sich für den Aufbau einer Produktionseinheit für die nordfranzösische Stadt Amiens entschieden und will dort fast 100 Arbeitsplätze schaffen.

Root Lines Technology, ein Start-up-Unternehmen aus Amiens, stellt derweil therapeutische Proteine auf Basis von Rüben her.

Praktische Arbeitsteilung

Auch etablierte Unternehmen in der Region setzen verstärkt auf Innovation. Dies ist beispielsweise der Fall bei Extractis, dem französischen Marktführer im Bereich der grünen Chemie, der mit Unterstützung der Region nun auch eine führende Rolle in Europa übernehmen will. Extractis, teilweise aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert, ist ein technisches Zentrum, das sich auf die Aufspaltung von Biomasse spezialisiert hat. Das Unternehmen entwickelt unter anderem neue Extrakte, Wirk- und Inhaltsstoffe aus Biomasse.

Julienne Allemon, Business Developerin bei Extractis, erklärt: „Nehmen wir das Beispiel eines Kosmetikunternehmens, das eine Creme herstellen will, die ein Antioxidationsmittel zur Regenerierung der Haut enthält. Diese Firma weiß, dass ein bestimmtes Blumenpräparat dafür interessant sein kann. Aus Mangel an Zeit oder Fachwissen beauftragt sie dann uns mit dieser Extraktion. Sie wird uns also X Kilo dieser Blume liefern, und wir finden heraus, wie man das Molekül am effektivsten extrahiert.“

Das Unternehmen sei auf Forschung und Entwicklung sowie die direkte Produktion spezialisiert. In Allemons Beispiel hat Extractis bereits herausgefunden, wie man die gewünschten Moleküle extrahiert. Inzwischen verarbeite man mehrere Tonnen Rohstoffe und liefere dem Kunden dann einige Kilo Trockenprodukt.

„Ich habe Ihnen das Beispiel des Kosmetiksektors gegeben, aber das Gleiche gilt auch für die Lebensmittelindustrie,“ fügt sie hinzu. Extractis arbeite inzwischen sowohl für französische als auch für europäische Kunden.

Europäische Projekte

Seit 2016 arbeitet das Unternehmen darüber hinaus an einem Projekt mit 19 europäischen Partnern im Rahmen des Programms European Horizon 2020: Das von spanischen Vertretern koordinierte Projekt Saltgae zielt auf die Rückgewinnung von salzhaltigen Abwässern aus der Agrar- und Lebensmittelindustrie ab.

„Wir haben Mittel für die Entsalzung von Abwässern erhalten, weil Mikroalgen unter sehr salzhaltigen Bedingungen überleben können. Diese werden dann „geerntet“ und abgespalten, um zum Beispiel Proteine zu gewinnen,“ erklärt Camille Viot, Projektleiterin bei Extractis und promovierte Chemikerin.

Das Unternehmen arbeite sehr eng mit Partnern aus Irland, Portugal, Italien und Spanien zusammen. Diese treffen sich alle drei Monate und kommunizieren regelmäßig per Telefon, um ihre Erfahrungen – und auch Rückschläge – auszutauschen, so Viot.

Kommission: Bioökonomie-Strategien müssen ausgeweitet werden

Laut Plänen von EU-Landwirtschaftskommissar Hogan müssen die EU-Staaten künftig auch Pläne für die Bioökonomie in ihre nationalen GAP-Strategieplänen aufnehmen.

Auch auf EU-Ebene soll die Bioökonomie zu einem Vorzeigeprojekt werden. Vergangenen Oktober kündigte die Kommission an, man wolle dieses Jahr 14 „konkrete Maßnahmen“ ergreifen, mit denen die EU-Mitgliedstaaten bei der Förderung einer starken Bioökonomie unterstützt werden können.

„In einer Welt endlicher biologischer Ressourcen und Ökosysteme bedarf es einer Innovationsanstrengung, damit die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und Energie gesichert ist,“ heißt es in einer Mitteilung der EU-Kommission vom Oktober.

Weiter prognostiziert die EU-Exekutive: „Mit der Bioökonomie lassen sich aus Algen Kraftstoffe gewinnen, Kunststoffe rezyklieren und Abfälle in neue Möbel oder Kleidung oder industrielle Nebenprodukte in biobasierte Dünger umwandeln. Sie bietet das Potenzial, bis 2030 eine Million neue, umweltfreundliche Arbeitsplätze zu schaffen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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