Faktencheck: Sind die deutschen Nitratwerte falsch?

Forscher entnehmen eine Wasserprobe. Entscheidend für die meödung an die EU ist allerdings das Grundwasser - 28% der Messstellen zeigen dort zu hohe Werte an. [Presselab/ Shutterstock]

Deutschland wurde von der EU-Kommission wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser verklagt. Derweil wird die Kritik an den deutschen Messmethoden immer lauter. Stimmt es, dass Deutschland der EU bewusst seine schlechtesten Wasserswerte übermittelt? Alle Antworten im EURACTIV-Faktencheck.

Welche Nitrat-Messnetze gibt es in Deutschland?

Es gibt zwei Messnetze in Deutschland. Das umfangreichste mit ca. 7300 Messstellen ist das sogenannte Wasserrahmenrichtlinienmessnetz, das der Überwachung des chemischen Zustandes des Grundwassers dient. Parallel dazu gibt es das sogenannte EUA-Messnetz, die repräsentativ im Bundesgebiet verteilt sind. Jedes Jahr sendet das Umweltbundesamt alle so ermittelten Grundwasserdaten an die Europäische Umweltagentur in Kopenhagen.

Relevant für die Nitrat-Klage der EU-Kommission ist allerdings der deutsche Nitratbericht, der alle vier Jahre bei der EU einzureichen ist. Hierfür werden 700 Messstellen des EUA-Netzes zu Rate gezogen. Sie  werden zum sogenannten „EU-Nitratmessnetz“ zusammengefasst. Bis 2015 war das Netz mit nur 162 Messstellen noch deutlich spärlicher gewesen, aufgrund einer Rüge der EU-Kommission hatte man es für den letzten Nitratbericht 2016 erweitert.

EUA-Messnetz mit EU-Nitratmessnetz (in grün). [Quelle: Umweltbundesamt]

Dadurch sind die Ergebnisse der letzten beiden Nitratberichte aber nur schlecht miteinander vergleichbar. Im früheren, kleineren Messnetz waren noch 49,5 Prozent aller Messstellen als „rot“ klassifiziert worden, sie lagen also über dem Nitrat-Zielwert von 50mg pro Liter. Im erweiterten Messnetz sah das Ergebnis schon deutlich besser aus: 2016 vermeldete Deutschland nur noch 28 Prozent der Messstellen im roten Bereich.

Stimmt es, dass Deutschland eine viel geringere Messstellendichte als andere EU-Staaten hat?

Das ist in der Tat so: Während der EU-Durchschnitt bei acht Messstellen pro 1000 km2 liegt, sind es in der Bundesrepublik, trotz der Erweiterung des EU-Nitratmessnetz nur 1,9 Messstellen.

Sendet Deutschland absichtlich nur die schlechtestes Messstellen-Werte an die EU?

Nicht direkt – Deutschland übermittelt nur Messstellen des EU-Nitratmessnetz an die EU. In der Tat sind diese Messstellen nicht repräsentativ verteilt, sondern liegen alle in – oder in der Nähe von – landwirtschaftlichen Gebieten. Dadurch sind die Nitrat-Werte deutlich höher, als wenn auch Messstellen zum Beispiel aus Waldgebieten gemeldet würden. Grund dafür ist die Nitratrichtlinie der EU. Zwar gibt die den Mitgliedsstaaten nicht vor, wie und wo sie ihre Messstellen zu platzieren haben. Doch sie verlangt explizit von ihnen, Messstellen auszuwählen, die unter „landwirtschaftlichen Nutzungseinflüssen“ stehen.

„Indem wir nur die unter landwirtschaftlichen Nutzungseinfluss stehenden Messstellen melden, setzen wir die Vorgaben der Nitratrichtlinie aus unserer Sicht korrekt um. Natürlich, wenn wir unser gesamtes Messnetz in den Nitratbericht einfließen lassen würden, wäre das Ergebnis besser. Aber das ist nicht gefordert“, sagt Falk Hilliges, Experte für Grundwasserschutz am Umweltbundesamt zu EURACTIV.

Dass Deutschland also nur die schlechtesten Werte an die EU-Kommission schickt, stimmt also nicht. Doch es werden bewusst nur Messstellen unter landwirtschaftlichem Nutzungseinfluss übermittelt. Auch dass Deutschland das gesamte Bundesgebiet zur „roten Zone“ erklärt habe ist nicht korrekt. Wie eine Reihe anderer Mitgliedsstaaten – nämlich Österreich, Dänemark, Finnland, Irland, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Polen, Rumänien, Slowenien – hat Deutschland die Option gewählt, das gesamte Bundesgebiet zur „nitrat-sensiblen Region“ zu erklären. Damit gilt pauschal überall die Düngeverordnung. Das ist nicht dasselbe wie die belasteten „roten“ Gebieten, in denen zusätzliche Regeln einzuhalten sind.

Unter Zeitdruck – Streit um die Düngeregelung verschärft sich

Noch diese Woche möchte das Landwirtschaftsministerium einen finalen Entwurf für eine neue Düngeregelung nach Brüssel senden. Letzte Entwürfe hatte die Kommission abgelehnt. Nun tickt die Uhr – und die Stimmung heizt sich auf.

Senden andere Länder andere Daten an die EU?

Teilweise ja. Da es keine einheitliche Regelung für Messnetze gibt, halten sich nicht alle Staaten an die Regel, nur Messstellen aus der Landwirtschaft zu übermitteln. „Es gibt andere Mitgliedsstaaten, die melden die Daten aller verfügbaren Grundwassermessstellen – unabhängig vom Nutzungseinfluss. Daher gibt es europaweit faktisch keine Vergleichbarkeit der Nitratberichte“, so der Wasserexperte Hilliges. Das bestätigt auf Anfrage auch die EU-Kommission. Welche Mitgliedsstaaten allerdings welche Messnetze angeben, verrät sie nicht.

Das Urteil des EuGH bezieht sich auf die Düngeverordnung von 2014, die drei Jahre später überarbeitet wurde. Warum hält die EU-Kommission dann noch an ihrem Strafverletzungsverfahren gegen Deutschland fest?

Der EuGH kam 2018 zum Schluss, dass Deutschland die Regelungen der EU-Nitratrichtlinie nicht streng genug umsetzt. Das Gericht bezog sich damals auf die Daten des Düngeberichtes von 2012. Doch die Kommission bemängelt streng genommen etwas anderes, nämlich dass sich die Lage nicht verbessert. Denn trotz der Erweiterung des deutschen Messnetzes sind die Nitratwerte seit Jahrzehnten konstant. Deshalb hat die EU-Kommission Deutschland wiederholt aufgefordert, die Düngeverordnung strenger auszugestalten.

Landwirte heute für die Überdüngung ihrer Vorgänger bestraft?

Grundwasser erneuert sich nur sehr langsam, der Prozess kann Jahre dauern. Daher ist das Argument vieler Landwirte verständlich, dass es nicht hinnehmbar sei, für frühere Düngeüberschüsse in Haftung genommen zu werden, obwohl viele Landwirte ihre Felder längst umweltschonend bearbeiten. „Wenn die Ursachen für hohe Nitratwerte Jahrzehnte zurückliegen und mit der aktuellen Bewirtschaftung nichts zu tun haben, muss der Landwirt von den verschärften Auflagen freigestellt werden“, fordert etwa der Brandenburger Landesbauernverband.

Düngeverordnung: "Es wird zu strengeren Maßnahmen kommen"

Bundesumweltministerin Svenja Schulze und Agrarministerin Julia Klöckner sind nach Brüssel gereist, um mit der EU-Kommission die Überarbeitung der Düngeverordnung zu verhandeln. Denn das geplante Maßnahmenpacket muss deutlich schneller erarbeitet werden.

Da Deutschland seinen Nitratbericht basierend auf Grundwasserdaten erstellt, spiegelt die Datenlage tatsächlich nicht die aktuelle Bewirtschaftungspraxis ab. Allerdings hängt die Erneuerungszeit des Grundwassers stark von den geologischen Gegebenheiten ab. Niederschlag, Bodenbeschaffenheit oder die Fließzeit des Wassers sind regional sehr unterschiedlich. Es lässt sich also nicht pauschal sagen, dass die Daten ein verjährtes Bild der Realität zeigen. Auf Anfrage bestätigt zum Beispiel das niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, sich aus diesem Grund dafür einzusetzen, dass auch Messungen aus Oberflächen Gewässern gemeldet werden, wo die Nitrat-Werte viel unmittelbarer zu- oder abnehmen.

Wie schneiden die deutschen Nitratwerte im europäischen Vergleich ab?

Im Mai 2018 verfasste die EU-Kommission einen Bericht an Rat und Parlament über die Umsetzung der Nitratrichtlinie in den Mitgliedsstaaten. Daraus liest sich, dass die Lage in den Ländern extrem unterschiedlich ist, Deutschland sich aber in Sachen Nitratüberschuss im Mittelfeld bewegt. In Belgien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien wird mehr Dünger auf die Felder gebracht.

Im Vergleich weist das deutsche Grundwasser schlechte Werte auf: Während der EU-Durchschnitt an Messwerten über dem kritischen Schwellenwert (50mg/L) bei 13,2 Prozent liegt, sind es in Deutschland 28 Prozent. Getoppt wird das nur von Malta mit 71 Prozent. Allerdings merkt die Kommission von sich aus an: „Die Vergleichbarkeit der Datenlage in den Mitgliedsstaaten ist aufgrund der Unterschiede in der Überwachungsnetze und –methoden begrenzt.“

Messwerte von Nitrat im Grundwasser in den EU-Staaten [Bericht EU-Kommission über die Implementierung der Nitratrichtlinie]

Auf Anfrage bestätigt die EU-Kommission, dass nicht nur gegen Deutschland ein Strafverfahren wegen der ungenügenden Umsetzung der Nitratrichtlinie läuft. Auch Belgien, Spanien und Italien drohen Strafen, gegen Griechenland wurde jüngst ein Verfahren eingeleitet.

Ist allein die Landwirtschaft für zu hohe Nitratwerte verantwortlich?

Landwirte wehren sich dagegen, als einzige Sündenböcke für das Nitratproblem zu dienen. Tatsächlich können auch standörtliche Gegebenheiten eine Rolle spielen: Eine sehr langsame Fließ- und Neubildungsrate des Grundwassers, geringe Grundwasserflurabstände, durchlässige Bodendeckschichten und ein geringes Nitratrückhaltevermögen des Bodens können dazu führen, dass Nitrat an einigen Stellen konzentriert wird. Dass Nitrat auch aus den Abwasserleitungen von Siedlungen ins Grundwasser laufen könnte, hat nur einen sehr geringen Einfluss“, sagt Hilliges vom Umweltbundesamt. „Der spielt aus unserer Sicht in der Gesamtbetrachtung nur eine marginale Rolle“.

Grundwasser: „Nitratbelastung wird noch über Generationen ein Problem sein“

Heute ist Weltwassertag. Da lohnt sich ein Blick auf unser Grundwasser – und warum die EU-Kommission Deutschland deswegen verklagt hat. Besserung ist erst einmal nicht in Sicht.

Damit bleibt die Landwirtschaft der größte Verursacher des Nitratüberschusses. Über 50 Prozent der reaktiven Stickstoffverbindungen, die im Boden zu Nitrat werden, stammen aus der Landwirtschaft. Der Rest stammt zu etwa gleichen Teilen aus Industrie, Verkehr und privaten Haushalten.

Braucht es eine Reform der Definition roter Gebiete?

Das forderte jüngst zumindest Bundesagrarministerin Julia Klöckner. Bislang legt jedes Bundesland selber fest, wonach es seine roten Gebiete definiert. Dabei haben sie Spielräume, denn innerhalb von Gebieten mit besonders vielen Messstellen über dem Grenzwert können Bereiche, die gute Werte haben, herausgeschnitten werden. Durch die sogenannte Binnendifferenzierung reduzierte das Land Niedersachsen zum Beispiel die roten Gebiete zuletzt von 60 auf 39 Prozent der Landesfläche.

Für den Wasserexperten Hilliges geht die Debatte um die Messnetze allerdings am eigentlichen Problem vorbei, denn die bestehenden Stickstoffüberschüsse blieben auch bestehen, wenn man das Messnetz ändere. Das sieht auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze so. Auf den Vorschlag Klöckners twitterte sie: „Es bleibt dabei: Wir können das Nitrat-Problem nicht wegmessen.“

 

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