Experte: Die Digitalisierung der Landwirtschaft vor allem auf EU-Ebene unterstützen

Der Schlüssel zu erfolgreicher Digitalisierung und Präzisionslandwirtschaft liegt auf EU-Ebene, glaubt Luc Vernet. [Shutterstock]

Die Umstellung landwirtschaftlicher Praktiken ist immer riskant. Wenn wir wollen, dass die EU-Landwirte endlich in das digitale Zeitalter eintreten, müssen wir sie für eine gewisse Übergangszeit finanziell unterstützen – wie es schon bei der Umstellung auf den ökologischen Landbau der Fall war, argumentiert der Agrarwissenschaftler Luc Vernet.

„Wenn ein Landwirt seine Anbaumethoden ändert, besteht immer ein Risiko. Zum Beispiel: Wenn er auf biologischen Anbau wechselt, hat er ein Risiko, weil das Produktionsmodell geändert wird und er mit zwei bis drei schwierigen Jahren mit erheblichen Verlusten konfrontiert werden könnte,“ erklärt Vernet.

„Wenn wir wollen, dass die Landwirtschaft digitalisiert wird, müssen wir die Bauern für eine gewisse Übergangszeit absichern – und ich denke, das könnte ein Ökoschema leisten,“ fügte der Wissenschaftler hinzu.

Vernet, Senior Advisor bei Farm Europe, einem Think Tank, der sich auf EU-Agrarfragen spezialisiert hat, kommentierte gegenüber EURACTIV die Vorschläge der Europäischen Kommission für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 und betonte, dass es an einer Vision für die Digitalisierung mangele.

„Wir brauchen eine gemeinsame Vision und eine starke Führung, um die notwendige Dynamik in diesem Sektor zu schaffen. Wenn wir nichts tun, werden wir schlussendlich lediglich eine Elite von Großbauern haben, die in der Lage ist, in die neuen digitalen Werkzeuge zu investieren,“ warnt er.

EU-Landwirte begrüßen GAP-Vereinfachung, warnen aber vor Nationalisierung

Die EU-Landwirte begrüßen eine Vereinfachung der GAP-Prozesse, weisen aber gleichzeitig jegliche Re-Nationalisierung des größten EU-Politikfelds zurück.

Der französische Experte fordert auch mehr Engagement der EU-Institutionen: „Was sieht das neu vorgeschlagene Modell aus? Die Kommission sagt im Grunde genommen: ‚Wir wissen nicht, wie die Zukunft sein wird‘ und fordert die Mitgliedstaaten deswegen einfach auf, selbst eine Vision zu entwickeln und die richtige Politik auf ihre eigene Weise zu finden.“

Wichtiger Faktor: Digitalisierung

Für Vernet sollte die digitale Landwirtschaft aus zwei Gründen im Mittelpunkt stehen: Erstens, weil die Wirtschaftlichkeit des europäischen Agrarsektors niedrig ist; und zweitens, weil der Einsatz von Inputs (wie beispielsweise Dünge- und Pflanzenschutzmitteln) reduziert werden sollte.

„Wir führen derzeit diese Debatte über Chemikalien und die Präzisionslandwirtschaft: Wie können wir sicherstellen, dass die Landwirtschaft in Zukunft das Ökosystem nicht stört, sondern eher mit ihm „spielt“, um mit weniger Ressourcen dennoch produktiv und effizient zu sein?“

Er erläutert: „Mit Präzisionslandwirtschaft müssen die Landwirte wirklich nur dann bewässern, wenn es notwendig ist. Und sie würden die richtige Menge an Wasser verwenden, um die Produktion zu optimieren. Im Bereich der Schädlings- und Krankheitsbekämpfung wiederum wissen wir, dass chemische oder auch organische Stoffe giftig sind. Aber wenn wir sie nicht benutzen, fallen wir in alte Zeiten zurück, in denen wir Probleme mit der Ernährungssicherheit hatten. Wir müssen existierende Pflanzenerkrankungen und Schädlinge auf sinnvolle Weise bekämpfen. Und dafür ist die digitale Landwirtschaft offensichtlich der richtige Weg.“.

Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wenn es um Präzisionslandwirtschaft geht, traut sich die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für die GAP nach 2020 nicht genug, meinen Vertreter der Agrarindustrie.

Renationalisierung ist eine „Sackgasse“

Im Interview mit EURACTIV Rumänien hatte EU-Landwirtschaftskommissar Phil Hogan kürzlich betont, dass es unter dem neuen Modell künftig Sache der Mitgliedstaaten ist, zu entscheiden, wie sie ihre Mittel zur Digitalisierung des Agrarsektors einsetzen wollen.

Aus Sicht Vernets führt dieser Ansatz aber in eine Sackgasse führen. Er kritisiert die angedachte massive Kürzung der EU-Gelder in der zweiten Säule der GAP sowie der Einkommensbeihilfen. Den Mitgliedstaaten würde so der Ball zugespielt und gefordert: Ihr müsst mit weniger mehr erreichen.

„Wenn ein solcher Vorschlag durchkommt, müssten die Mitgliedstaaten die Einkommensbeihilfen beibehalten und gleichzeitig 23 Prozent weniger Geld in die zweite Säule investieren. Wenn wir keine starke EU-weite Ausrichtung haben, werden die Mitgliedstaaten nicht in der Lage sein, den Sektor in eine bestimmte Richtung zu lenken. Der Vorschlag gibt den Mitgliedstaaten einfach keinen Raum, eine wirkliche Veränderung der Agrarpolitik voranzutreiben.“

Die Beratungsangebote stärken

Der Experte lobt die Kommission allerdings für ihren „konsequenten Druck“ zur Stärkung und Verbesserung der Beratungsdienste: „Wir müssen an einem Ökosystem rund um die Digitalisierung arbeiten, bei dem die Landwirte die Entscheidungen treffen – mit den richtigen Werkzeugen, aber auch mit den Genossenschaften und Beratern, die große Datenmengen in sinnvolle Präzisionslandwirtschaft in der Praxis umwandeln können.“

Vernet schließt, dieses angestrebte Ökosystem sei heute noch zu fragmentiert, da die Hauptakteure der digitalen Landwirtschaft sich lediglich mit „einzelnen Teilen des Puzzles“ und der Bedürfnisse der Bauern befassen würden, hauptsächlich mit dem präzisen Einsatz von Dünger, Saatgut und Bewässerung.

Digitalisierung in der europäischen Landwirtschaft

Die Landwirtschaft wird revolutioniert und soll zum boomenden Markt für Agripreneurs und Start-ups werden. In diesem Video erfragen wir, welche Chancen und Herausforderung die Digitalisierung der Landwirtschaft für Landwirte, Umwelt und Verbraucher hat.

"Die Bedeutung der digitalen Landwirtschaft ist vielen Politikern nicht klar"

Die wichtige Verbindung zwischen digitalisierter Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensmittelproduktion ist in den Köpfen der meisten Politiker noch nicht angekommen, sagt Bruno Tremblay von Bayer im Interview.

Frankreich fürchtet Nationalisierung der GAP

Im größten GAP-Empfängerland fürchten Politiker und Landwirtschaftsverbände eine „Nationalisierung“ der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2020.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.